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Kopfloses Herz – herzloser Kopf

Zwei aktuelle Bücher machen den Umgang der westlichen Welt mit den Flüchtlingen zum Thema. Das eine präsentiert eine nüchterne Analyse und zeigt Alternativen auf, das andere beschreibt die politische Krise aus dem Innern heraus.
Rolf App
Erschütternde Bilder übers Meer flüchtender Menschen haben die Politik aufgeschreckt. (Bild: Emilio Morenatti/Keystone (Sabratha, 29. August 2016))

Erschütternde Bilder übers Meer flüchtender Menschen haben die Politik aufgeschreckt. (Bild: Emilio Morenatti/Keystone (Sabratha, 29. August 2016))

Rolf App

kultur@luzernerzeitung.ch

Nakivale in Uganda ist ein seltsamer Ort. Auf einer riesigen Fläche von hundert Quadratkilometern finden sich 74 Dörfer, die von Flüchtlingen bewohnt werden. Im Zentrum jedes der drei Verwaltungsbezirke befindet sich ein Markt. Somalier, Kongolesen, Ruander, Burundier und Äthiopier wohnen Seite an Seite, treiben Handel, produzieren oder beackern ihr Land. Viele ugandische Bürger kommen von weit her, um sich die Produkte anzuschauen.

Jordanien ist anders. Das Flüchtlingshilfswerk der UNO schätzt, dass das Land mit nur gerade 6,5 Millionen Einwohnern derzeit über 600 000 syrische Flüchtlinge beherbergt. Diese Flüchtlinge sprechen zwar die gleiche Sprache. Aber sie machen Angst. Die Jordanier fürchten Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, also verbieten sie es den Flüchtlingen zu arbeiten. Und sie fürchten politischen Extremismus. Deshalb werden die Flüchtlinge in Lagern untergebracht, wo sie versorgt werden. Dennoch haben 83 Prozent von ihnen die Lager verlassen, sind in den grossen Städten untergetaucht und arbeiten dort schwarz.

Mehr Vertriebene denn je seit dem Zweiten Weltkrieg

Was könnte man tun? Das haben sich Alexander Betts und Paul Collier gefragt, und ein Buch über die Flüchtlingskrise geschrieben, das eine einerseits nüchterne, andererseits ermutigende Bestandsaufnahme bietet: «Gestrandet. Warum unsere Flüchtlingspolitik allen schadet – und was jetzt zu tun ist». Unter den vielen Büchern, die in den letzten Monaten und Jahren zur Flüchtlingskrise erschienen sind, ist es das mit Abstand umfassendste. Es beschreibt die Probleme konkret und verständlich. Und es blickt immer wieder zurück, um die grundlegenden Veränderungen zu erfassen.

Gut qualifiziert für ihre Aufgabe sind beide: Alexander Betts leitet an der Universität Oxford das Zentrum für Flüchtlingsstudien und hat auch für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen gearbeitet. Paul Collier lehrt Ökonomie an derselben Universität, er hat sich vertieft mit den afrikanischen Volkswirtschaften befasst. Den Ausgangspunkt ihrer Darlegungen bildet eine Analyse der gegenwärtigen Flüchtlingskrise. Es gibt heute mehr Vertriebene als je seit dem Zweiten Weltkrieg. Die meisten dieser 65 Millionen Menschen flüchten vor der Gewalt in andere Regionen ihres Heimatlands, aber ein Drittel überschreitet die Grenzen und gilt damit als Flüchtlinge. Auch sie bleiben meist in der Nähe. Länder wie Äthiopien, Iran oder Jordanien haben im Laufe von Jahrzehnten mehrere Flüchtlingswellen aufnehmen müssen.

Die Politik ist nicht genügend vorbereitet

In Lager gepfercht und an Arbeit gehindert, vegetieren diese Menschen Jahre und manchmal Jahrzehnte vor sich hin. Kein Wunder, hat sich im April 2015 plötzlich eine grössere Menschenmasse aufgemacht, ihr Glück in Westeuropa zu suchen. Dort war man gänzlich unvorbereitet. Betts und Collier beschreiben die Reaktionen als «konfus und inkonsistent»: «Die Politik schwankte zwischen kopflosem Herz und herzlosem Kopf.» Mal zeigte sie sich grosszügig, dann wieder machte sie die Grenzen dicht. Nicht beantwortet wurde eine ganz wichtige Frage: Warum bleiben die Menschen nicht in der Region, aus der sie kommen? Es ist diese Frage, die Alexander Betts und Paul Collier zu Lösungsansätzen führt. Sie gehen davon aus, dass eine nicht unerhebliche Zahl fragiler Staaten eine neue Art von Flüchtling produziert, und zwar in grosser Zahl. Diese Flüchtlinge sind nicht mehr in erster Linie individuell bedroht, sondern sie befinden sich kollektiv in Gefahr. So suchen sie sichere Räume. Vielleicht nur für Monate, oft aber für Jahre, aus denen Jahrzehnte werden können.

Wie kann in dieser Situation eine sinnvolle Flüchtlingspolitik aussehen? Betts und Collier plädieren für ein umfassendes Umdenken, und für den Umbau bestehender Institutionen. Und sie betonen: Jedes Land muss seinen eigenen Weg gehen. Um zu den anfangs skizzierten Beispielen zurückzukehren: Uganda kann sich nicht nur auf eine lange Tradition einer grosszügigen Flüchtlingspolitik stützen. Das Land ist auch unfassbar gross. Es kann es sich leisten, in schwach besiedelten Gebieten Land zu verteilen. Jordanien kann das nicht, plant aber dafür seit einigen Jahren Sonderwirtschaftszonen zur Ankurbelung seiner Wirtschaft, denen vor allem eines fehlt: Arbeitskräfte. Warum also nicht Flüchtlinge und Sonderwirtschaftszonen zusammenbringen?

Angela Merkel in der Flüchtlingspolitik

Der Satz vom «kopflosen Herz» und der «herzlosen Politik» könnte gut auch über einem zweiten Buch zur Flüchtlingspolitik stehen: «Die Getriebenen» beschreibt die Flüchtlingspolitik von innen, und zwar aus der deutschen Optik. Robin Alexander ist dafür gut gerüstet. Der Hauptstadtkorrespondent der «Welt am Sonntag» kennt die Protagonisten im deutschen Flüchtlingsdrama aus der Nähe. Er weiss sogar, mit wem Kanzlerin Angela Merkel in den entscheidenden Stunden telefoniert hat, und mit wem nicht. Man könnte das als Vorzug sehen, wäre da nicht dieser moralisierend-kritische Unterton, mit dem Alexander die Vorgänge beschreibt. Weit mehr als das Verstehen der komplexen EU-Welt leitet ihn das Bedürfnis, alles und jedes im nächsten Atemzug zu bewerten. Das ist schade. Denn ein Blick ins Innere der Macht ist immer lehrreich. Hier aber wird er mit allerlei Übertreibungen angereichert. Etwa der Behauptung, Angela Merkel habe mit der Grenzöffnung «die soziale und ethnische Struktur der deutschen Bevölkerung nachhaltig verändert».

Alexander Betts/Paul Collier: Gestrandet – Warum unsere Flüchtlingspolitik allen schadet – und was jetzt zu tun ist, Siedler 2017, 333 S., Fr. 36.90 Robin Alexander: Die Getriebenen – Merkel und die Flüchtlingspolitik: Report aus dem Innern der Macht, Siedler 2017, 286 S., Fr. 28.90

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