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KRIENS: Die ehrliche Betonhaut

Der Londoner Fotograf Simon Phipps dokumentiert seit Jahrzehnten in seiner Heimat Bauten des Brutalismus. Nun öffnet er für das Museum im Bellpark sein Archiv. Ein Plädoyer für die formale Schönheit dieser Architektur, die heute ein Imageproblem hat.
Julia Stephan
Simon Phipps’ Blick auf das Aintree Estate in Fulham, London. Erbaut wurde es zwischen den Jahren 1962–1967 vom LCC Architects’ Department. (Bild: Simon Phipps/Museum im Bellpark)

Simon Phipps’ Blick auf das Aintree Estate in Fulham, London. Erbaut wurde es zwischen den Jahren 1962–1967 vom LCC Architects’ Department. (Bild: Simon Phipps/Museum im Bellpark)

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

«SOS Brutalismus – Rettet die Betonmonster» heisst eine aktuelle Ausstellung im deutschen Architekturmuseum in Frankfurt a. M. Der Titel benennt das schwierige Image dieser Architektursprache, zu deren Vermächtnis das ungeschminkte Betonantlitz vieler öffentlicher Gebäude, Shoppingcenter und Wohnblöcke der 1960er- und 1970er-Jahre gehört. Viele Menschen empfinden diese Bauten im Zeitalter der transparenten Glaspaläste als monströs und menschenfeindlich. Einige wurden bereits abgerissen. Und weil ihre Sanierung vernachlässigt wird, nimmt das Abweisende an ihrem Äusseren stetig zu.

Dabei entstand der Brutalismus, der sich aus dem französischen «béton brut» – roher Beton – ableitet und nichts mit dem deutschen Adjektiv «brutal» zu tun hat, ironischerweise ausgerechnet aus einer sozialen Utopie heraus. Die funktionalen Bauten sollten in der Nachkriegszeit für eine breite Bevölkerung kostengünstigen, hellen und gross­zügigen Wohnraum schaffen. Als ehrliche Architektur, die dem Betrachter ihre Betonhaut unverkleidet zuwendet, richtete sie sich auch gegen die in der Nachkriegszeit stark verbreitete Sehnsucht nach Rückzug ins Idyll.

700 Gebäude fotografisch dokumentiert

Bellpark-Leiter Hilar Stadler und der Kurator der Ausstellung, Andreas Hertach, leisten einen spannenden Beitrag zu einer hochaktuellen Architekturdebatte, wenn sie das online einsehbare Archiv des britischen Fotografen Simon Phipps erstmals zum Thema einer Ausstellung machen. Phipps hat in den letzten zwanzig Jahren rund 700 brutalistische Bauten in seiner Heimat dokumentiert. In der Planstadt Milton Keynes aufgewachsen, die der britische Staat in den 1960ern bauen liess, um die Londoner Wohnungsnot zu lindern, nahm der studierte Bildhauer diese Architektursprache quasi über die Muttermilch auf. Phipps’ frühe skulpturale Auseinandersetzung kann man im Untergeschoss der Ausstellung nachvollziehen, etwa an seinen «Flats»: Kuben aus Spanholz mit fenstergleichen Öffnungen.

Ähnlich wie die jüngst im Kunstmuseum Luzern zu sehende Künstlerin Frauke Dannert, die für ihre Collagen fotokopierte Ansichten brutalistischer Gebäude verwendet, ist Phipps von der «Typografie» dieser Architektur fasziniert. Seine Fotografien sind nicht rein dokumentarisch. Phipps sucht in Nahaufnahmen und ausschnittsweise die Schönheit der Form in dieser funktionalen Bauweise. Da die Gebäude einem verwinkelten, doch logischen Aufbau folgen, fällt es dem fantasiebegabten Betrachter leicht, die Gebäude geistig fertigzudenken. Weshalb man beim Flanieren an den im Bellpark streng auf eine Höhe gehängten Schwarz-Weiss-Fotografien den Eindruck bekommt, man wandle durch eine brutalistische Städteutopie. Für die Ausstellung hat Phipps sogar einige Fotomontagen angefertigt, auf denen er zwei Gebäude, ohne stilistisch Schiffsbruch zu erleiden, miteinander kombinierte.

Phipps lässt die scharfkantigen Schattenwürfe der Betonformen in einen Dialog treten und legt den Verwitterungsprozess offen: das Grafitti, das Moos, die Feuchtigkeit, die an den Wänden hochkriecht, die Rillen, das Körnige und Raue der Betontextur.

Bellpark-Leiter Hilar Stadler erklärt sich das gewachsene Interesse am Brutalismus mit dem Ephemeren des digitalen Zeitalters. «Wir sehnen uns wieder nach etwas Solidem, das man anfassen kann», sagt er. Auch die ursprüngliche soziale Idee werde gerade wiederentdeckt.

Zentralschweizer «Monster»

Die Zentralschweiz hat ihre eigenen Betonmonster. Das Architekturmagazin «Karton» nennt als Beispiele in seiner aktuellen Ausgabe das Alters- und Pflegeheim Grossfeld in Kriens, das bald abgerissen werden soll, sowie das 1969 eröffnete ehemalige städtische Hallenbad von Luzern, das sich als «Neubad» zum Kulturzentrum gemausert hat.

Hinweis

Simon Phipps: «Finding Brutalism». Ausstellung im Museum im Bellpark, Kriens. Bis 5. 11. Zeitgleich erschienen ist beim Verlag Park Books ein gleichnamiger Fotoband, hrsg. von Andreas ­Hertach und Hilar Stadler. Infos: www.bellpark.ch

Institute of Education, London, 1970–1976. Konzipiert von Denys Lasdun. (Bild: Simon Phipps/Museum im Bellpark)

Institute of Education, London, 1970–1976. Konzipiert von Denys Lasdun. (Bild: Simon Phipps/Museum im Bellpark)

University of East Anglia, Library, Norwich, 1962–1968 (Bild: .Bild: Simon Phipps/Museum im Bellpark)

University of East Anglia, Library, Norwich, 1962–1968 (Bild: .Bild: Simon Phipps/Museum im Bellpark)

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