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KRIENS: Hart an der Schmerzgrenze

Das musikalische Erzähltheater «Kronenhaufen» erzählt vom Leid eines Verdingbuben und seiner Nachkommen und setzt sich über manche Konvention hinweg. Überraschend neue Einblicke ins Thema ermöglicht das im Südpol uraufgeführte Stück kaum.
Julia Stephan
Liebesschnulzen und Schläge: Walter Sigi Arnold und Pascale Pfeuti auf der Südpol-Bühne. (Bild: Ingo Höhn/PD)

Liebesschnulzen und Schläge: Walter Sigi Arnold und Pascale Pfeuti auf der Südpol-Bühne. (Bild: Ingo Höhn/PD)

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Ausgrenzung, Ausschluss, Isolation, Diskriminierung, Herabsetzung, Geringschätzung, Herabwürdigung. Die deutsche Sprache ist reich an Wörtern für die eine leidvolle Erfahrung, deren Auswirkung aufs soziale Zusammenleben kaum zu bemessen ist. Gemacht haben sie in der Schweiz bis in die 1980er-Jahre viele Kinder, die Opfer staatlicher fürsorgerischer Zwangsmassnahmen wurden. Geschätzte 20 000 Menschen müssen heute mit den Folgen dieses Missbrauchs leben. So richtig ins öffentliche Bewusstsein rückte dieses traurige Kapitel Schweizer Geschichte im Jahr 2011, als Markus Imbodens Film «Der Verdingbub» in die Kinos kam.

Wenn man schlägt, was man liebt

Die Luzerner Schauspielerin und Regisseurin Elvira H. Plüss hat die eigene Familiengeschichte zu ihrem Stück «Kronenhaufen» inspiriert, bei dem sie auch Regie geführt hat. Darin geht es weniger um den harten Verdingbubenalltag. Es geht um die Wunden, die eine verletzte Generation der nachfolgenden zufügt. Denn nicht nur körperlicher Schmerz, auch psychischer, ausgelöst durch Ausgrenzung oder andere Demütigungen, könne das Aggressionspotenzial in ei­nem Menschen erhöhen, sagt der deutsche Arzt Joachim Bauer in seinem Buch «Schmerzgrenze», den Plüss viel zitiert. Und diese Gewalt muss nicht zwingend den Täter treffen. «Verschobene Aggression» nennt Bauer das, wenn man dem geliebten Menschen, etwa der eigenen Tochter, einen über die Rübe zieht, weil sie irgendwie raus muss, die gesammelte Wut.

Plüss erzählt diese Familiengeschichte in mehreren Tableaus. «Ich habe es weit gebracht», sagt Schauspieler Walter Sigi Arnold. Er spielt ihn gut, den Büezer, der schwermütig auf seinem Quasimodo-Rücken die Last seiner Verdingbubenvergangenheit schultert und aus dessen bür­gerlicher Nadelstreifenhose und unterm weissen Hemd ihn das Unterhemd demaskiert.

Mit Pascale Pfeuti, mal Tochter, mal erste, zweite oder dritte Ehefrau, macht er mit Liebesschnulzen (Eigenkompositionen von Madeleine Bischof) und Schlägen die Dialektik schwieriger Beziehungen erfahrbar. Die gesungenen Zeilen triefen («Er trägt mich auf Händen»). Die Schläge sitzen. Durch die Blas­instrumente wird Luft gepresst wie durch einen eng gewordenen Hals (Musiker: Madeleine Bischof und Thomas K. J. Mejer).

Unterbrochen werden diese stillen Momente durch die Akrobaten Noah Egli (Cirque de Loin) und Cyrill Michel. Sie sind das ungleiche Clownspaar, das die Thesen des Mediziners Joachim Bauer vor Publikum ausdiskutiert. Eine Art Commedia dell’arte, doch nicht frei von mora­lischer Zweckgerichtetheit. Das geht dann so: Die zwei kurligen Kerle klettern auf einer auf der Bühne platzierten Leitertreppe rauf und runter, um zu zeigen, dass das Leben seine Hochs und Tiefs hat. Und der Clown mit dem französischem Akzent und sein Freund, gespielt vom kleinwüchsigen Schauspieler Cyrill Michel, benennen gegenseitig ihr Stigma und spielen Ausgrenzung.

Aggression und Ausgrenzung

Leider wird aus dem Gesamt­arrangement zu keiner Zeit eine Tragikomödie, bei der man vergisst, ob der Schmerz oder die Heiterkeit mehr auf die Tränendrüse drückt.

Es bleibt bei zwei isolierten Handlungssträngen, die ihre Wirkung gegenseitig aufzuheben scheinen. Die autobiografisch inspirierte Geschichte vom Verdingbuben bleibt anskizziert. Stattdessen erschöpft die Geschichte sich in Thesen über den Zusammenhang von Aggression, Ausgrenzung und Flüchtlingspolitik. Und die spektakuläre Flickflacks schlagenden Clown­szenen verlieren vor dem ernsten und tabubelasteten Thema jede Chance, sich ins Abgründige zu wenden. Für bescheidene 75 The­aterminuten hat sich die Regie da definitiv etwas übernommen.

Hinweis

«Kronenhaufen». Do, 25. 1., Fr, 26. 1., und Sa, 27. 1., im Südpol, Kriens. Do, 22. 2. im Burgbachkeller Zug. Daten und Tickets:

www.kronenhaufen.ch

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