KRIMI: Entdeckung eines Kollegen von Agatha Christie

Jefferson Farjeon schrieb fast zu gleicher Zeit wie Agatha Christie. Nun wurde er wiederentdeckt. Das «Geheimnis in Weiss» brilliert mit psychologischer Spannung.

Axel Knönagel, dpa
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Jefferson Farjeon (1883–1955) wurde wiederentdeckt und stösst auf überraschend grosse Publikumsresonanz. (Bild: PD)

Jefferson Farjeon (1883–1955) wurde wiederentdeckt und stösst auf überraschend grosse Publikumsresonanz. (Bild: PD)

Weihnachtszeit ist Reisezeit. So auch für die Reisenden in dem Zug von London nach Manchester, in dem Jefferson Farjeons ­Roman «Geheimnis in Weiss» beginnt. Jeder hängt an diesem Heiligabend seinen eigenen Gedanken über das Fest nach, und erst nach einer Weile registrieren sie, dass der Zug steht.

Wie es sich zu Weihnachten eigentlich gehört, fällt Schnee. Und zwar so viel, dass der Zug nicht weiterkommt. Niemand wagt vorherzusagen, wann es weitergeht. Der Schaffner ist sich noch nicht einmal sicher, ob es an Heiligabend überhaupt noch eine Weiterfahrt geben wird.

Gastliches Gruselhaus

Heiligabend gestrandet in einem Zug irgendwo im tief verschneiten Nirgendwo verbringen? Da muss es doch andere Möglichkeiten geben. Und als ein Reisender erwähnt, dass ein paar Kilometer entfernt ein Bahnhof einer Parallelstrecke liegen soll, steht der Entschluss der ungleichen Gruppe, die sich in einem Abteil zusammengefunden hat, fest: Die sechs werden versuchen, zu Fuss aus ihren Schneegefängnis zu entkommen.

Gesagt, getan. Aber schon bald müssen die Wanderer einsehen, dass sie den Naturgewalten unterlegen sind. Der Schnee geht ihnen bis an die Knie, und sie können nur ein paar Meter weit sehen. Sie sind schon unmittelbar davor, aufzugeben und den Weg zurück zum Zug zu suchen, als sie die Rettung erkennen. Plötzlich stehen sie vor einem Haus.

Niemand antwortet auf ihr Klopfen, aber die Tür ist unverschlossen und die Reisenden kommen problemlos ins Haus. Dort wartet eine Überraschung auf sie. Niemand ist zu Hause, aber im Kamin brennt ein Feuer, der Tisch ist gedeckt, und sogar das Teewasser ist aufgesetzt. ­Zutiefst erleichtert richten sich die sechs erst einmal ein und versuchen, das Beste aus ihrer Situation zu machen.

Erst einmal kann die Gruppe aufatmen, aber sofort ist die Spannung wieder da: «Dieses Haus liess einen trotz des brennenden Feuers durchaus frösteln», wird die Situation im Buch beschrieben. Was ist passiert, bevor die Gruppe ins Haus kam? Sind die Bewohner einem Verbrechen zum Opfer gefallen? Immerhin taucht aus dem Schnee ein seltsamer Mann auf, und auf einmal wird davon erzählt, dass im Zug ein Mann ermordet worden sein soll. Ist der Mörder in der Nähe? Droht der Gruppe Gefahr?

Farjeon erzählt die Geschichte aus den immer wechselnden Perspektiven der einzelnen Reisenden. Jeder hat etwas anderes, das seinen Blickwinkel beeinflusst, so dass ein vielfältiges Bild entsteht, das aber immer wieder Raum für Unentdecktes und Überraschendes lässt.

Hitchcock verfilmte eines von Farjeons Stückes

Wie es sich für einen Krimi im weihnächtlichen Ambiente gehört, ist «Geheimnis in Weiss» nicht blutig und schon gar nicht brutal. In mancher Hinsicht erinnert er an die Romane von Agatha Christie. Was nicht zuletzt ­daran liegt, dass der Roman aus dem Jahr 1937 stammt. Eine deutsche Übersetzung ist aber erst jetzt erschienen.

Jefferson Farjeon (1883–1955) war in den 20er- und 30er-Jahren ein sehr produktiver Schriftsteller, vor allem von Krimis. Sein bekanntestes Werk war das Bühnenstück «Nummer siebzehn», das Alfred Hitchcock 1932 verfilmte.

2014 veröffentlichte die Britische Nationalbibliothek das lange vergessene «Geheimnis in Weiss» neu und erzielte damit ­einen Überraschungserfolg. Für alle, die klassische Krimis mögen, die ihre Effekte eher aus psychologischer Spannung als aus Grausamkeiten und Action beziehen, ist «Geheimnis in Weiss» hervorragende Lektüre.

Axel Knönagel, DPA

kultur@luzernerzeitung.ch