KRIMI: Schweden schwächelt, aber nicht sein Jungstar Carlsson

Mag sein, dass eine schwedische Dynastie zu Ende geht. Aber es gibt neue Talente wie Christoffer Carlsson. Sein Held entdeckt die düstere Vergangenheit eines Mentors.

Arno Renggli
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Christoffer Carlsson (30) schreibt komplexe und doch gut lesbare Krimis. (Bild: Sara Arnald, PD)

Christoffer Carlsson (30) schreibt komplexe und doch gut lesbare Krimis. (Bild: Sara Arnald, PD)

Henning Mankell starb letztes Jahr, Stieg Larsson ist längst tot, und von Håkan Nesser kam schon seit geraumer Zeit nichts Neues mehr. Es scheint, dass eine grosse schwedische Krimi-Ära zu Ende gegangen ist. Der Hype hat zwar viele Nachahmer auf den Plan gerufen, aber die Qualität reicht selten an diejenige der grossen Vorbilder heran.

Aber es gibt Ausnahmen: An vorderster Front ist hier Christoffer Carlsson zu nennen. Er hat in jungen Jahren bereits vier zusammenhängende Krimis publiziert, die nun auch auf Deutsch herauskommen. 2015 erschien der erste, Anfang 2016 der zweite, diesen Herbst nun der dritte.

Traumatisierter Polizist als Hauptfigur

Alle handeln sie vom traumatisierten Polizisten Leo Junker. Er erschoss bei einem verunglückten Einsatz einen Kollegen und versucht seither, sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Der erste Roman «Turm der toten Seelen» geht näher auf das besagte Ereignis ein, handelt aber vor allem auch von Leos Jugend und seiner besonderen Beziehung zu einem Freund, der später zum Verbrecher wird. Im zweiten Roman «Schmutziger Schnee» geht Leo Junker dem Mord an einem Soziologen nach, der den politischen Extremismus erforschte und einer Intrige zum Opfer fiel, die bis in höchste Staatsorgane reichte.

Beide Romane sind hervorragend punkto psychologischer und sozialer Tiefenschärfe. Aber der jetzt erschienene dritte, «Der Lügner und sein Henker», ist der beste. (Die etwas seltsame Anspielung auf Dürrenmatt gibt es übrigens im schwedischen Originaltitel nicht.)

Geheimdienstgeschäfte mit der DDR

Leo Junker erfährt, dass sein langjähriger Freund und beruflicher Mentor Charles Levin ermordet worden ist. Junker, der noch immer psychisch instabil und daher noch nicht richtig wieder im Polizeieinsatz ist, beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Und muss erfahren, dass der verehrte Freund in den 80er-Jahren in dubiose Geheimdienstgeschäfte mit der damaligen DDR verwickelt war. Zudem stösst Junker auf die Existenz einer Tochter Levins, die in einer psychiatrischen Klinik lebt. Sie könnte der Schlüssel zu Levins Vergangenheit und Ermordung sein. Doch ausgerechnet in dieser Klinik sitzt auch Junkers Jugendfreund, der seit vielen Jahren manipulative Spiele mit ihm treibt.

Christoffer Carlsson erzählt die Geschichte zum einen in der Vergangenheit Levins, zum anderen in der Gegenwart Junkers. Das ist handwerklich tadellos gemacht, weshalb das Zusammenspiel der Erzählebenen viel Spannung erzeugt. Gerade auch der Handlungsstrang, der in den 80er-Jahren spielt, bietet interessante historische Bezüge etwa zum Kalten Krieg.

Darüber hinaus brilliert Carlsson erneut mit seinen Figurenzeichnungen, wobei Junkers Mentor dabei ebenso tiefgründig beschrieben wird wie der Protagonist selber. Man merkt, dass der Autor ein promovierter Kriminologe ist und sehr viel von seinem Fach versteht.

Bei allem Tiefgang kommt die Action nicht zu kurz, vor allem das Finale hat es in sich. Dass auch die Sprache absolut hochklassig ist, empfindet man wegen der Qualität der Story und des sozialpsychologischen Tiefgangs schon beinahe als Selbstverständlichkeit.

Zu sagen ist noch, dass man dem dritten Krimi auch ohne Lektüre der beiden ersten problemlos folgen kann. Die wichtigsten Vorinfos erhält man geliefert. Und ohne dass der Autor der Versuchung erliegt, die Vorgängerbücher ständig zu bewerben.

Arno Renggli
arno.renggli@luzernerzeitung.ch