KRIMI: Unter der Oberfläche von Politextremismus

Tief in die Strukturen politischer Extremisten, aber auch in ihre Psychen schaut Christoffer Carlsson in seinem Zweitling. Erneut am Start: sein traumatisierter Fahnder.

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Der Schwede Christoffer Carlsson gehört mit 29 zu den Jüngsten der Krimi-Topliga. (Bild: PD/Sara Arnald)

Der Schwede Christoffer Carlsson gehört mit 29 zu den Jüngsten der Krimi-Topliga. (Bild: PD/Sara Arnald)

Arno Renggli

Leo Juncker geht es gar nicht gut. Zwar ist er als Stockholmer Polizist wieder im Einsatz, nachdem er lange suspendiert war, weil er versehentlich einen anderen Beamten erschossen hatte. Doch weiterhin kämpft er mit seinem Trauma und den schweren Antidepressiva, die er nimmt und immer wieder abzusetzen versucht. Als er zu einem Mordschauplatz gerufen wird, bricht er fast zusammen. Dennoch schaltet er sich in die Ermittlungen ein.

Interviews mit Extremisten

Diese sind brisant: Das Opfer ist ein Soziologe, der sich mit politisch extremen und auch gewaltbereiten Gruppierungen befasst hat. Die Polizei findet Aufzeichnungen zu zahlreichen Interviews, die er mit Mitgliedern der Szene geführt hat. Und offenbar ist er dabei an Hinweise auf ein bevorstehendes Attentat gelangt. Da schaltet sich der Geheimdienst ein und entzieht der Polizei den Fall. Doch nun will Leo Juncker erst recht wissen, worum es hier eigentlich geht.

Links und rechts aussen

Die Vorschusslorbeeren hatte der erst 29-jährige schwedische Autor Christoffer Carlsson bereits mit dem ersten Krimi seiner Leo-Junker-Serie gerechtfertigt. Damals, in «Der Turm der toten Seelen», ging er näher auf die Psyche seines Protagonisten ein und konfrontierte diesen mit einem Mord, dessen Hintergrund in Junkers Jugend lag. Carlsson thematisierte sehr hart die Gewalttätigkeiten in sozialen Brennpunkten.

Der neue, zweite Roman, «Schmutziger Schnee», ist viel politischer im engeren Sinn des Wortes. Carlsson zeigt präzise, wie extremistische Organisationen funktionieren, seien sie nun links oder rechts. Eindrücklich ist auch, dass dies in Schweden stattfindet, einem Land, das man doch eher mit sozialem Fortschritt und Demokratie in Verbindung bringt. Aber dank anderen schwedischen Autoren, allen voran Henning Mankell, wissen wir längst, dass auch in Skandinavien nicht alles Gold ist, was glänzt.

Wie Gewaltbereitschaft entsteht

Carlsson belässt es aber nicht bei den Strukturen. Er zeigt mir grossem Einfühlungsvermögen, dass dahinter immer auch Menschen stehen, oft mental schwache und leicht verführbare. Und dass der Nährboden für den Extremismus nur zu oft in sozialer Isolation und Verwahrlosung zu suchen ist.

Anhand verschiedener Figuren, der Lebensgeschichten, die er geschickt ineinander verwebt, macht er verständlich, wie aus der Sehnsucht nach Gruppenzugehörigkeit und Lebenssinn am Ende fast unbegrenzte Gewaltbereitschaft entsteht. Davon profitieren die Strippenzieher, welche die Schwächen ihres Anhangs gezielt ausnützen. Wobei auch Politiker und Staatsfunktionäre ihr jeweils eigenes Süppchen kochen.

Dies wird in Form eines spannenden Krimis erzählt. Und mit einem Ermittler, bei dem man sich auf weitere Fälle freut.

Christoffer Carlsson: Schmutziger Schnee. Bertelsmann, 408 Seiten, Fr. 22.90.