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KÜNSTLER: Er darf offiziell «Tell» im Namen tragen

Adam Tellmeister ist vor gut 30 Jahren vor der Militärjustiz geflüchtet, beantragte einst Asyl in der DDR und darf nun offiziell «Tell» im Namen tragen. Zu unserem Nationalhelden hat er jedoch ein sehr gespaltenes Verhältnis.
Christoph Reichmuth, Berlin
Im Atelier: Adam Tellmeister mit Emsi und seinem Porträt von Ex-Botschafter Tim Guldimann. (Bild: Gregor Zielke (Berlin, 27. Juli 2017))

Im Atelier: Adam Tellmeister mit Emsi und seinem Porträt von Ex-Botschafter Tim Guldimann. (Bild: Gregor Zielke (Berlin, 27. Juli 2017))

Christoph Reichmuth, Berlin

Es wäre so einfach. Am Berliner Hauptbahnhof in den ICE nach Zürich steigen, acht Stunden Fahrt. Dann umsteigen in die Regionalbahn bis Wyssachen im bernischen Oberaargau, am Rand des Emmentals. Die sattgrünen Hügel, die imposanten Berner Alpen am Horizont, das gemächliche Miteinander. Der Geruch der Gräser, ein Bier in einer Schweizer Knelle. Älplermagronen. So riecht Heimat. Immer noch.

Adam Tellmeister, 56, hat seine Heimat ewig nicht gesehen. 31 lange Jahre nicht. 1986 hat Adam, der damals noch Meister hiess, das Bernbiet als 25-Jähriger fluchtartig verlassen. Es folgte eine Odyssee durch Europa, sie führte ihn von Venedig ins Ruhrgebiet, nach Amsterdam und nach Ostberlin.

20 Jahre war er Sans-Papiers, keine Krankenkasse, kein Bankkonto. Als er sich mal den Arm gebrochen hatte, suchte er Hilfe bei einem befreundeten bulgarischen Tierarzt. Er lebte in Asyl­bewerberheimen, er, der Schweizer.

Man glaubte an einen Scherz von Kurt Felix

«Flüchtling aus dem Musterland der Demokratie», titelte das renommierte Nachrichtenmagazin «Spiegel» verwundert. 1986 bat er in Essen um politisches Asyl, die Beamten glaubten an einen Scherz von Kurt Felix und der «Versteckten Kamera». In Amsterdam riefen ihn die Polizisten bloss den «Swiss Tell», man kannte den Flüchtling aus der Schweiz, auch weil er mit seinen Kunstaktionen immer mal wieder Ärger bereitete. Die DDR-Grenzwächter wollten auch nicht glauben, als da ein Schweizer 1989 um Aufnahme in ihr kurz vor dem Zusammenbruch stehendes Land bat, dessen einziges Dokument ein holländischer Asylbewerber-Ausweis war.

Als wir das Treffen vereinbaren, sagt Tellmeister, er wolle nicht auf die Flucht-Geschichte reduziert werden. Er möchte als ein Künstler wahrgenommen werden, der aneckt mit seinen Werken.

Seine Kunst, sie ist grossartig. Aber sie lässt sich nicht beschreiben, ohne die unglaubliche Geschichte eines Mannes zu erwähnen, der seiner Heimat so sehr verbunden ist, dass er nicht einfach so in sie zurückkehren kann. Dessen Identität derart verknüpft ist mit der Geschichte seiner Flucht, dass sie Risse erfahren könnte, würde er einfach so heimkehren.

Eigentlich ist Adam Tellmeister ein «Landei», wie er selbst mal sagte. Berlin beschreibt er als «einen Ort, an dem ich klarkomme». Vielleicht ist es Sorge, die ihn in der Grossstadt hält. Adam liess schon einmal eine Identität zurück. Zweimal hält er das nicht durch. «Ich wollte die Schweiz nicht verlassen. Ich wurde dazu genötigt.»

Botschafter mit bunt lackierten Fingernägeln

Berlin, Prenzlauer Berg, ein Montag Ende Juli. Das Künstleratelier strahlt geordnetes Chaos aus. Grossflächige Gemälde, daneben Porträts, hinter einer Sofaecke eine Reihe Ölgemälde exotischer Figuren in Brandenburger Landschaften.

Tim Guldimann, heute SP-Nationalrat, jahrelang Schweizer Botschafter in Berlin, ist auch in Öl verewigt. Er sitzt da in weissem Unterhemd und bunt lackierten Fingernägeln. Daneben ein abgewandeltes Porträt in Öl von Franz Hohler, auch er im Unterhemd.

Manchmal erfindet Tellmeister eine Biografie, etwa von muslimischen Künstlern oder von Flüchtlingen. Er malt dann die Bilder, als Künstler tritt aber ein von Tellmeister engagierter Schauspieler auf. Manchmal weiss nicht mal der Galerist, dass Tellmeister hinter den provokanten Werken steht, die sich mit Hungersnot, Flucht, Entbehrung und Religiosität befassen. An die Vernissagen geht Tellmeister quasi undercover als Gast und hört sich an, wie die Besucher seine Werke beurteilen.

Bemerkenswert und beeindruckend sind vor allem seine Hologramme. In einem Raum neben seinem Atelier hat er zwei Stühle vor einer weissen Leinwand aufgestellt. Die Leinwand verwandelt sich in eine zauberhafte Welt, sobald der Raum verdunkelt ist und das Licht den richtigen Einfallswinkel hat. Er ist zufällig darauf gestossen, dass er mit einer Mischung aus Kalk, Bleiche und dem richtigen Einfallswinkel des Lichtes seine Gemälde dreidimensional gestalten kann. «Das Ganze funktioniert über eine Led-Struktur und meinen acht Farben», erklärt Tellmeister und betont mit Nachdruck, dass es seine Erfindung sei. «Eine Schweizer Erfindung!» Er sei der Einzige, der so etwas malen könne.

Schon allein seiner Hologramme wegen zählt der Künstler heute bedeutende Leute aus Politik, Kunst und Gesellschaft aus Deutschland und der Schweiz zu seinen Kunden.

Es ist ein Happening, bei Tellmeister ins Atelier zu kommen. Aber nur, wenn es dem Künstler danach ist, zeigt er auch seine Hologramme. Auch Hausdame Emsi, die Hündin, hat Mitspracherecht. «Gäste müssen ihr Leckerli mitbringen, sonst ist sie unzufrieden», sagt Tellmeister, zieht an einer Zigarette und beginnt herzhaft zu lachen.

Die Familie hat mit ihm gebrochen

Tellmeister befasst sich in seiner Kunst mit Politik. Er möchte, dass die Kunst wieder politischer wird, sich auch gegen den «Leistungsrassismus» unserer Zeit auflehnt, wie er meint. Es sei eine gute Zeit dafür, sagt er. Die Gesellschaft werde politisiert, die Verwerfungen in der Welt böten die Chance, die Demokratie neu aufzustellen, damit wirklich das Volk den Lauf der Dinge bestimme.

Wenn er philosophiert über die EU, Deutschland und die Schweiz, polarisiert Adam Tellmeister. Er ruft etwa dazu auf, die AfD zu wählen. Nicht, weil er politisch rechts denkt, sondern weil er auf starke Zeichen gegen Merkels EU-Politik hofft.

Vor allem aber befasst sich Tellmeister mit der Schweiz, aus der er 1986 geflüchtet ist, als er von einem Militärgericht wegen Dienstpflichtverweigerung zu acht Monaten Militärhaft verurteilt worden ist. Tellmeister, der Pazifist und Freigeist, liess beim Gedanken, eingesperrt zu sein und nicht mehr selbst­bestimmt den Tag gestalten zu können, alles hinter sich. Die Familie hat sich losgesagt von ihm, als seine Asylbegehren für Medienrummel sorgten. Sie forderte ihn dazu auf, den Namen Meister abzulegen.

Der kopulierende Wilhelm Tell

Von seinem Berliner Exil aus kritisiert er die mangelnde Weltoffenheit der Schweiz, die zu geringe Förderung der Kultur. Es ist Ausdruck eines ambivalenten Verhältnisses. Einerseits tiefe Verbundenheit, andererseits scharfe Kritik.

Er war regelmässiger Gast beim «Helvti-Treff» in der Berliner Exilschweizer-Kneipe Helvetia, er organisierte mit der «Fünften Schweiz» Kunstaktionen, welche sich mit seiner Heimat befassen. Im «Helvetia» in Kreuzberg lancierten sie vor einigen Jahren die «Blocher-Rösti». Statt sie zu essen, musste man sie gegen eine Wand schleudern. Mit dem Erlös wurden Künstlerauftritte in der «Rösti-Bar» finanziert. Als in der Schweiz die Minarett-Initia­tive angenommen wurde, zierten Moscheen mit grossen Minaretten die Wand des «Helvetias».

Den «Kantönligeist» müsse man überwinden, sagt Tellmeister im Gespräch einmal. Und die Viersprachigkeit verhindere, dass sich die Schweizer wirklich verstehen. «Man müsste sich auf eine Landessprache einigen. Von mir aus Tschechisch», meint er.

Man weiss nie so recht, was er ernst meint und was Ironie ist. Tellmeister blickt einem nach solchen Sätzen länger in die Augen, ohne eine Miene zu verziehen. Ein anderes Mal schlägt er vor, das Telldenkmal in Altdorf abzutragen und nach Weimar zu verfrachten, im Gegenzug sollte das Schiller-Denkmal in Altdorf aufgestellt werden.

Als man schmunzelt bei dieser Geschichte, zieht Tellmeister Pläne aus seiner Schublade. Die Durchführung dieser Aktion, er hat sie tatsächlich akribisch durchgespielt. Sowieso, Wilhelm Tell. Der zieht sich wie ein roter Faden durch viele seiner Werke. In seinen Gemälden hält Wilhelm Tell mal eine phallusähnliche Armbrust in der Hand, ein anderer Tell kopuliert mit einem Sennentuntschi.

Apfelschuss: Frühe Form des Kindesmissbrauchs

Wilhelm Tell, er ist eine Metapher für Widerstand. Aber Friedrich Schiller, sagt Tellmeister, hat Wilhelm Tell ins Museum gebracht. «Schiller war keine Sekunde seines Lebens in der Schweiz, und wir Schweizer haben nie hinterfragt, was dieser Tell eigentlich für eine Figur ist», empört sich der Künstler. Tell habe auf seinen Sohn geschossen. «Wenn er ein so guter Schütze war, warum hat Tell nicht mit einem Querschläger den Gessler getötet?»

In Wahrheit sei der Schuss des Vaters auf den Apfel eine frühe Form des Kindesmissbrauchs gewesen. «Heute würde einer, der auf seinen Sohn schiesst, ins Gefängnis wandern. Aber wir Schweizer feiern die Figur unreflektiert ab.»

Tellmeister möchte rückwirkend Strafanzeige gegen Wilhelm Tell wegen versuchter Kindstötung «beim Jugendamt des Kantons Uri» einreichen und stattdessen für Sohn Walter ein Denkmal errichten. Es ist wieder eine solche Einlassung, bei der man den Künstler fragend anblickt, ohne in seinem Gesicht zu erfahren, was er gerade wirklich denkt. Die ursprüngliche Geschichte des Freiheitskämpfers Tell, sagt der Künstler, könne Inspiration auch für die Gegenwart sein, nicht aber der Wilhelm Tell des Friedrich Schiller. «Ich möchte Tell befreien.»

Der Mythos Tell ist keine blosse Inspiration für sein künstlerisches Schaffen, er ist sogar Namensgeber. Nach dem Zusammenbruch der DDR ist Tellmeister in die «Illegalität» abgerutscht, wie er sagt. Das Papier des Ministeriums für Staatssicherheit, das ihm die Aufenthaltsgenehmigung bescheinigt hatte, hatte keine Gültigkeit mehr, die Schweizer ID war längst abgelaufen, einen Pass besass Tellmeister nicht. Der damalige deutsche Aussenminister Joschka Fischer setzte sich beim Schweizer Aussenminister Joseph Deiss bei einer Spreefahrt Anfang der 2000er-Jahre für Tellmeister ein, damit dieser wieder Papiere erhielt.

Tellmeister identifizierte sich zu jener Zeit schon längst mit seinem selbst gegebenen Nachnamen, doch beim EDA in Bern beschied man ihm, man könne nicht auf seinen Wunsch nach Namensänderung auf Tellmeister eingehen. In der Schweiz dürfe sich nicht einfach jeder Tell nennen.

«Ich konnte auf keinen Fall meine Identität aufgeben», erzählt er. Zwei psychologische Gutachten reichte er beim EDA in Bern ein. In beiden wurde festgehalten, dass es für den Künstler keine Zukunft gäbe, würde er auch seinen zweiten Namen verlieren.

2009 lenkte Bern ein, aus Adam Meister wurde offiziell Adam Tellmeister. Als sie ihm in einer Berliner Kanzlei Ende 2009 den neuen biometrischen Pass feierlich überreichten, lud er am selben Abend zu einem künstlerischen Happening ein. Als Chirurg verkleidet und zu sphärischen Klängen einer Band operierte er, assistiert von zwei jungen Frauen, den biometrischen Chip aus dem Pass. Aus Protest gegen die Datensammelwut des Staates, wie er sagt.

Das EDA hat ihm inzwischen wieder einen Pass zukommen lassen, einen ohne Chip. Er hat ihn in einem Safe verstaut. An dem Tag, an dem er vielleicht zurückkehrt in die Schweiz, wird er ihn hervorkramen. Auf die Frage, wie er Heimat definiere, meint er ohne zu zögern: «Die Landschaft im Emmental, das ist Heimat.» Natürlich, fügt er hinzu, vermisse er die Schweiz. «Das Essen, die Geselligkeit.» In Berlin habe er sich aber «gut arrangiert». Das klingt nicht nach einem wahren Zuhause. Wäre er eines Tages wieder in der Heimat, würde er auf die Lüderenalp wandern oder als Knecht schuften, sinniert er.

Cervelat, Bratwurst und Alphorn am 1. August

Am 1. August schaut Adam Tellmeister vielleicht wieder im Restaurant Helvetia in Kreuzberg vorbei. Inzwischen trägt der Laden den Namen «Schwarze Heidi» ( <span style="display: none;">&nbsp;</span>www.schwarzeheidi.de ) Dort treffen sich Exilschweizer, um zusammen ein bisschen die Heimat zu vermissen. Es gibt Cervelat und Kalbsbratwurst, und wiederum spielt das Berliner Alphorn-Orchester auf. Die Musiker werden postiert sein zwischen dem türkischen Gemüseladen und der kurdischen Bäckerei direkt vor dem Lokal.

Doch, Adam Tellmeister liebt das Land, das er in seiner Kunst so hart angeht. Auf den Einwand eines Reporters, dass sein Bild von der Schweiz nach 30 Jahren im Exil kaum mehr der Realität entspreche, sagte er einmal: «Eine Liebe, die einem versagt bleibt, malt man sich ja oft schöner, als sie ist.» Vielleicht ist die Sehnsucht nach Heimat der Preis, den Tellmeister zu zahlen hat, um mit seiner Kunst einen Weg zu finden, die ihn einzigartig macht.

Adam Tellmeister auf dem Flughafen Berlin-Tempelhof. (Bild: Andreas Riedel (28. Juli 2017))

Adam Tellmeister auf dem Flughafen Berlin-Tempelhof. (Bild: Andreas Riedel (28. Juli 2017))

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