Künstlerin Anna Maria Bürgi: «Ich komme mir vor wie eine Tagediebin»

Die 84-jährige Künstlerin Anna Maria Bürgi hat Wurzeln in Obwalden. Mit dem Buch «Journal Madame K.» gibt sie sich erneut eigenwillig.

Romano Cuonz
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«Ich komme mir vor wie eine Tagediebin, lebe in der sterbenden Natur, während draussen die Welt tobt...», schreibt Anna Maria Bürgi auf einer der ersten Seiten ihres eben erschienenen, tagebuchartigen Werkes «Journal Madame K». Ja, war denn da eine Prophetin am Werk? Aufgeschrieben hat die Künstlerin diese Notiz nämlich lange vor der Coronapandemie und auch vor der grünen Welle. In diesem neuen Werk erinnert sie sich in Worten und Bildern an die Zeit zwischen ihrem 18. und dem 80. Lebensjahr, zwischen 1954 und 2016 also.

Anna Maria Bürgi verbindet Kunstwerk mit Tagebuch.

Anna Maria Bürgi verbindet Kunstwerk mit Tagebuch.

Bild: PD

Die Publikation enthält sorgsam gestaltete Schriftbilder von handgeschriebenen Notizen. Aber auch zahlreiche Reproduktionen von malerischen Werken in Mischtechnik auf Leinwand oder auf Wellkarton, die in dieser Zeit entstanden sind, werden da äusserst sorgfältig wiedergegeben. Das Buch – fadengenäht und mit schwerem Papier – mutet tatsächlich an wie ein Tagebuch. Zum Titel, «Journal Madame K.», erklärt Anna Maria Bürgi: «So wurde ich, in Anlehnung an den Vornamen meines verstorbenen Mannes, Kurt Meyerhans, von Leuten genannt, die mich im Atelier besuchten.» Beim ersten Durchblättern der 160 Seiten gewinnt man einen eher sonderbaren Eindruck: Verwirrend ist es. Eigenwillig. Nachgerade chaotisch. Und Anna Maria Bürgi verrät einem auch, warum das so gekommen ist: «Mein Weg ist ein stiller Kampf in Farbe, Form und Sprache. Es ist das Grenzenlose der Wirklichkeit, das Jenseitige, das mich interessiert.»

Ganzseitige und collagierte Abbildungen von Gemälden

Je intensiver man sich aber mit ihren fragmentarischen Notizen oder auch ihren Enthüllungs- und Nachtbildern befasst, desto neugieriger macht einen die seltsame Arbeit dieser Künstlerin. Man kommt jetzt nicht mehr davon los.

Im publizierten Journal gibt es neben den Schriftbildern auch viele ganzseitige, meist collagierte Abbildungen von Gemälden. «Réflexion de Madame K.» titelt Anna Maria Bürgi diese. Oder auch «Nacht-Bilder vor dem Einschlafen». Oft tragen sie geheimnisvolle Titel. Etwa: «Botschaft an ihn», «Glauben & Zweifeln», «Wortlos» oder «Trost ans Fremde». Daneben stösst man im Tagebuch von Anna Maria Bürgi auch auf Unerwartetes, oder Hinzugefügtes. Scheinbar spontane Einschübe – manchmal sind sie sogar eingeheftet – mögen einen auf den ersten Blick befremden. Doch bei näherer Betrachtung oder genauerem Lesen ist man gerade davon schnell einmal eingenommen. All diesen Einschüben gehen intensive Begegnungen voraus.

Da ist eine Seite, die ihre damals 15-jährige Enkelin Adraã Anna mit einer Fülle von sehr persönlichen Portrait-Fotografien der Künstlerin gestaltet. «Wie schön du bist, Nonna, deine Augen, so schön blau wie das Meer...», schreibt das Mädchen. Und die junge, begabte Fotografin gibt auch zu Papier, wie schwer es ihr gefallen ist, ein Bild zu zeichnen, das ihre «Nonna» in Jugendlichkeit und zugleich hohem Alter zeigt.

Unter dem Titel «objet-secret» bringt Anna Maria Bürgi als Madame K. die versenkten Tagebücher von Monsieur K., ihrem 2011 verstorbenen Mann, nochmals ins Bild. Überrascht wird man auch durch ein eingenähtes «Zwiegespräch» der Künstlerin mit dem Poeten Fernando Pessoa. Nachdem ihr Mann verstorben war, suchte Anna Maria Bürgi die fiktive Annäherung an den Poeten. Sie geht auf seine Texte mit eigenen Texten ein. Ein Beispiel: Wenn Fernando Pessoa schreibt «Leben heisst Scheitern» antwortet ihm Anna Maria Bürgi mit «Was für ein Trost!»

Frau mit einer starken Kunstsprache

Anna Maria Bürgi ist eine besondere Künstler-Persönlichkeit. Was sie auszeichnet, ist ihre Eigenständigkeit innerhalb der Kunstszene. Und vor allem auch die beinahe betörende poetische und kreative Kraft, die in Worten hörbar und in Bildern sichtbar wird. Sie sagt es so: «Schriftbilder entstanden aus Ver­zweiflung. Da ich nach einer Liebesbegegnung keine Antwort erhielt, schrieb ich meine Wut auf Leinwand.»

Geboren wurde sie 1936 in Kägiswil, aufgewachsen ist sie in Alpnach. «Am Fuss des Pilatus glaubte ich in meinem Kindsein, dass hinter diesem imposanten Berg die Welt stillsteht», erzählt sie. Doch sie liess alles, was sie einengte, hinter sich und bewies als kunstschaffende Frau viel Mut. Stationen in ihrem Leben waren die Arts et Métiers in Vevey, wo sie studierte und Menschen aus der ganzen Welt begegnete. Später sammelte sie Impressionen in Kairo oder New York. «Heute lebe und arbeite ich in der nördlichen Weite Frankreichs inmitten einer Waldlichtung», erzählt sie im Gespräch. Und fügt dann bei:» Ich atme, fühle mich heimatlos und finde in der Kunst als Tagediebin Heimat».

Anna Maria Bürgi: Journal Madame K. – 80/18: Erinnern. Chamaeleon Verlag Basel; ISBN 978-3-033-07691-4. Vernissage/Ausstellung im RAPPAZMUSEUM Basel fallen bis auf weiteres aus. Mehr Informationen: www.armin-vogt.ch