Künstlerin verbindet das Makabre mit dem Lustvollen

Sinnlich und politisch ist die Ausstellung der Künstlerin Sharon Kivland in der Galleria Edizioni Periferia.

Pirmin Bossart
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Die Künstlerin Sharon Kivland mit ihren Werken in der Galleria Edizione Periferia.

Die Künstlerin Sharon Kivland mit ihren Werken in der Galleria Edizione Periferia.

Eveline Beerkircher (Luzern, 12. März 2020)

Nach den mythologisch-surrealen Objekten und Installationen zum Thema Vergänglichkeit der Stanser Künstlerin Barbara Gut empfangen uns die Räume der Galleria Edizioni Periferia mit einer neuen Anordnung von Bildern und Objekten. Als verbindendes Glied ist der lange Holztisch im grossen Raum geblieben, den die Künstlerin Sharon Kivland mit ausgestopften Tieren und allerhand Symbolik belegt hat.

«Ich wollte eine Erinnerung an die letzte Ausstellung anklingen lassen, obwohl ich inhaltlich mit anderen Bezügen arbeite», sagt Sharon Kivland. Die Künstlerin arbeitet in London und in der Bretagne. Sie ist mit Ausstellungen seit 1979 präsent und auch als Autorin und Herausgeberin mit dem eigenen Verlag «Ma Bibliothèque» tätig. In der Schweiz hat sie ihre Arbeit im November 2019 in Lausanne gezeigt.

Lesende Frauen sind gefährlich

In ihren Inszenierungen verdichtet die 64-jährige Künstlerin ihre lebenslange Auseinandersetzung mit Politik, Psychoanalyse und Feminismus. «Ich bin zuallererst eine Leserin», sagt sie. Und sie lese bestimmte Bücher immer wieder. Dazu gehören «Das Kapital» von Karl Marx, die Werke von Sigmund Freud oder des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan. An der Sheffield University, wo sie als Kunstreferentin arbeitet, ist sie auch die offizielle Anlaufstelle für gewerkschaftliche Anliegen.

Das Politische, die Schärfung für die realen Machtverhältnisse und die Ausbeutungsmechanismen, sind der Boden ihrer künstlerischen Arbeiten. Aber weder hebt die Künstlerin den moralisch-politischen Zeigefinger, noch indoktriniert sie den Betrachter mit plakativen Formeln oder theoretischem Überbau. Eher kräuseln einem ihre Objekte, Zeichnungen und Installationen sanft die Fantasie und die (Un-)Vernunft. Die Objekte sind verspielt. Einige wirken in ihrer Ironie manchmal fast surreal und dennoch liebevoll. Sie wolle nichts aufzeigen oder einfordern, sagt die Künstlerin. «Ich mache lediglich meine Gedankengänge sichtbar.»

In ihrer Ausstellung mit dem Titel «La Forme Naturelle» setzt sie sich mit den Themenbereichen feminisiertes Lesen, Sexualität und Erziehung auseinander. Noch im 19. Jahrhundert habe man lesende Frauen für gefährlich gehalten, sagt Kivland. So schrieb Sylvain Maréchal 1801 in einem Traktat, dass eine Frau, die das Alphabet kenne, bereits einen Teil ihrer Unschuld verloren habe.

Lesen ist ein Teil der Bildung, Bildung macht selbstständig. Selbstständigkeit stärkt das Subjekt und schützt es vor Unterdrückung. Kivland denkt dabei nicht nur an die Geschichte der Frauen. «Jede herrschende Klasse hat Angst vor einem gebildeten Proletariat.» Da ist sie wieder, die sanfte Revolutionärin, die mit ihren Objekten und Zeichnungen mindestens so subversiv agiert wie der aufgebrachte Demonstrant vor den Toren der Macht. Kivland geht es um die Emanzipation für alle Menschen. Ihre Mittel sind Intelligenz und Subtilität.

Ein Teil von Kivlands Ausstellung mit dem Titel «La Forme Naturelle».

Ein Teil von Kivlands Ausstellung mit dem Titel «La Forme Naturelle». 


Eveline Beerkircher (Luzern, 12. März 2020)

Höschen und Fuchsschwänze

Die Ausstellung macht auf oft humorvolle Art und Weise die Zusammenhänge von Erziehung, Bildung und deren Einschränkung erfahrbar, und wie sich die Machthabenden durch alle Zeiten damit ihre Privilegien gesichert haben. Aber auch, wie das Sinnliche und Erotische eine eigene Kraft haben, fest gefügte Strukturen zu unterwandern oder zu sprengen. Kivland hat eine Serie von Frauen gezeichnet, die im Bett ein – rotes  – Buch lesen. Eine von ihnen hat eine Hand unter den Laken.

Auf anderen Zeichnungen spielen Frauen mit Schlangen. Nach Lacan ist die Schlange ein Symbol für den Phallus. Eine weitere Zeichnungsserie zeigt Frauen, bei denen ein Fuchsschwanz hinten aus dem Kleid baumelt. Dazu passt die Inszenierung von hautfarbener Lingerie, die mit einem angenähten Fuchsschwanz versehen sind. Gehalten werden sie von Rehgeweihen.

Mit dem Fuchsschwanz habe sie dasjenige ergänzt, das sich nicht halten oder einsperren lasse, sagt Kivland und bringt ihre rot geschminkten Lippen zum Lächeln. «Das Vergnügen, der Genuss, die Lust.» Im «Klassenzimmer» stehen acht Holzstühle, auf denen verschiedene Ausgaben des Romans «Madame Bovary» liegen. Auch Madame Bovary war eine, «die zu viel gelesen hat». Auf jedem Stuhl sitzt ein Eichhörnchen und hält bestickte Höschen in den Pfötchen. Den Wänden entlang zieht sich ein Band von grossen Schwarz-weiss-Plakaten, auf denen abwechselnd die Gesichter von jungen Mädchen sowie mit Spitze und Seide bekleidete Oberkörper von Frauen abgebildet sind.

Assoziative Ausstellung

Auf dem Tisch im grossen Raum befinden sich Korsetts für Kinder sowie vier ausgestopfte Mungos, die von Klapperschlangen umwickelt sind. Die Schlangen halten Bücher zwischen den Zähnen, unter anderem «Trois essais sur la théorie sexuelle» (1905) von Sigmund Freud. Immer geht es um Prozesse der Formung, der Zähmung und auch der zunehmenden Befreiung. Es ist die Auseinandersetzung mit verschiedenen Ebenen des Subjektseins: eingeschränkt, aber auch wandelbar und fragil.

Sharon Kivland verbindet das Makabre mit dem Lustvollen. Sie doziert nicht über ein Thema, sondern setzt Assoziationen frei. Den klassischen Säulenheiligen der aufgeklärten Moderne, Marx und Freud, die sie inspirieren, ist sie treu geblieben. Beide findet sie zeitlos aktuell. Der Traum von einer besseren Welt ist ihr natürlicher Antrieb. Das Rebellische ist aktiv in ihr, auch wenn sie nicht Steine wirft, sondern denkt, verknüpft, gestaltet. Warum Sie zur Kunst gefunden hat? Sie lächelt spitzbübisch. «Ich ging nur auf die Kunstschule, um meine Eltern zu irritieren.»

Galleria Edizioni Periferia, Unterlachenstrasse 12, Luzern: Sharon Kivland «La Forme naturelle» Ausstellung: Samstag, 14. März 12 – 17 Uhr (Eröffnung) sowie 21. und 28. März und 4. April jeweils samstags von 12 bis 17 Uhr, oder nach Vereinbarung: mail@periferia.ch.