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KÜNSTLERIN: «Wir sind eine laute Familie»

Sie verwandelt grobe Baumstämme in filigrane menschliche Figuren – mit der Motorsäge. Das Wilde und etwas Ungewohnte hat es Patricia Zenklusen (49) nicht nur in der Kunst angetan.
Interview Annette Wirthlin
Für ein eindrückliches Bild hackte Patricia Zenklusen ihrer Figur sogar den vorgesehenen Kopf ab. Nun werde das Kunstwerk halt etwas kleiner, meinte sie achselzuckend. (Bild Stefan Kaiser)

Für ein eindrückliches Bild hackte Patricia Zenklusen ihrer Figur sogar den vorgesehenen Kopf ab. Nun werde das Kunstwerk halt etwas kleiner, meinte sie achselzuckend. (Bild Stefan Kaiser)

Entschuldigen Sie, aber die Frage muss sein: Stecken in Ihnen verborgene Aggressionen?

Patricia Zenklusen: (lacht) Ich würde das nicht Aggressionen nennen. Ich bin nämlich ein sehr friedlicher Mensch. Aber früher haben mich meine Ideen und meine Kreativität richtig geplagt. Ich wusste nicht wohin mit all diesen Ideen. Jahrelang habe ich mich an Mosaikböden oder allerlei Möbelstücken für meine Kinder versucht. Es war eine ständige kreative Suche. Vor drei Jahren habe ich dann die perfekte Technik für mich gefunden. Mit der Motorsäge im Holz kann ich mich wunderbar ausleben.

Was gefällt Ihnen an der Motorsäge so gut?

Zenklusen: Ich hatte schon immer gerne grosse Maschinen, weil man damit so grosszügig arbeiten kann. Es geht immer was, und man kommt schnell zu einem Ergebnis. Ich könnte nicht drei Monate lang «gfätterle», bis etwas fertig ist.

Eine gewisse Zerstörungswut braucht es aber wohl schon, um mit so einer schweren Maschine auf einen Baumstamm loszugehen?

Zenklusen: Ach was, überhaupt nicht! Wenn ich was zerstören wollte, würde ich Cheminéeholz schneiden und es dann mit dem Beil klein hacken. Mir geht es darum, aus dem Stück Holz, das ja mit dem Fällen des Baums das Ende seines Lebenszyklus gefunden hat, nochmals etwas Schönes machen zu können, es weiterleben zu lassen.

Ich wette, mit Ihren Oberarmmuskeln schlagen Sie Ihren Sohn locker im Armdrücken!

Zenklusen: Nein, jetzt, wo er 18 ist, schaffe ich das nicht mehr. Aber ich würde mal sagen, ich kann länger mithalten, als das andere Mütter könnten. Vor drei Jahren hatte ich definitiv noch dünnere Oberarme. Die Maschine wiegt etwa acht Kilo, und wenn man die einen Tag lang in allen möglichen Positionen stillhalten muss, gibt das jedes Mal einen zünftigen Muskelkater. Das Fitnesscenter kann ich mir definitiv sparen.

Sie behaupten, das Sägen habe für Sie auch eine meditative Wirkung. Bei dem Krach kann man doch sicher unmöglich meditieren!

Zenklusen: Wenn man sich dem kreativen Prozess erst einmal hergibt, vergisst man alles um sich herum. Spätestens nach einer halben Stunde höre ich den Lärm nicht mehr. Ich verliere mich gerne in der Arbeit, sodass ich mich immer wieder ermahnen muss, eine Pause einzulegen und mit dem Hund spazieren zu gehen.

Haben Sie Entzugserscheinungen, wenn Sie in den Ferien keine Motorsäge bei sich haben?

Zenklusen: Nein, in den Ferien nicht, da chille ich ganz gerne in aller Ruhe. Aber sonst, wenn man als kreativer Mensch die Kreativität nicht ausleben kann, beginnt man etwas muffig zu werden. Ich bin regelmässig am Donnerstag hier im Wald am Sägen.

Sie dürfen auf dem Holzschnitzelplatz vor der Scheune der Holzkorporation der Gemeinde Affoltern am Albis arbeiten. Wie reagieren die Passanten?

Zenklusen: Es gibt ein paar Hündeler, die regelmässig vorbeikommen, und immer wieder kommen Wanderer hier vorbei, die wissen wollen, was ich hier mache. Das gibt immer wieder schöne Begegnungen und nette Gespräche.

... und den einen oder anderen Abnehmer Ihrer Figuren?

Zenklusen: (schmunzelt) Wer fertige Figuren sehen will, muss bei mir zu Hause vorbeikommen.

Von Haus aus haben Sie ja einen ganz anderen Beruf. Sie führen mit Ihrem Mann eine Personalberatung.

Zenklusen: Ich habe mich schon etwas aus dem Business zurückgezogen, als die Kinder auf die Welt kamen. Und zurzeit bin ich fast fulltime mit meinen Skulpturen beschäftigt. Ich mache aber nach wie vor die Buchhaltung und betreue das Personal.

Wie haben Sie eigentlich die Motorsäge entdeckt?

Zenklusen: Wir machten schon immer alles selber im Garten. Als einmal ein Baum weg musste, haben wir ihn selber gefällt. Als nur noch ein Stumpf übrig war, versuchte ich spontan, daraus eine Figur zu machen. Dabei stellte ich fest: Hey, das macht ja richtig Spass!

Ging das so einfach? Schneidet man am Anfang den Figuren nicht andauernd unfreiwillig die Arme ab?

Zenklusen: Am Anfang bezahlte ich wirklich viel Lehrgeld. Vor allem sorgte ich im ersten Jahr für einen steten Vorrat an Cheminéeholz. Mit der Motorsäge ist ein Fehler verheerend, denn mit einem einzigen Schnitt kann man die ganze Figur kaputtmachen. So ist es denn auch meine grosse Herausforderung, mit der groben Maschine etwas möglichst Filigranes zu machen.

Entstehen die Figuren mehr zufällig?

Zenklusen: Nein, ich habe immer eine ganz klare Vorstellung, was es geben soll, und arbeite nach einer Skizze. Manchmal geht es vielleicht nicht genau so, weil das Holz an einer Stelle zu wenig breit ist, dann muss man halt umdenken.

Wie lange arbeiten Sie an einer Figur?

Zenklusen: Ich würde sagen, vom ersten Schnitt an bis zur fertigen Bemalung mit Pigmenten brauche ich etwa eine Woche.

Woher kommt all das Holz, das Sie verarbeiten? Ziehen Sie bei Nacht und Nebel durch die Wälder?

Zenklusen: (lacht) Nein, nein. Das wärs noch, wenn ich Bäume klauen würde! Ich säge nur Zedernholz. Denn dieses ist zwar relativ hart zum Sägen, macht aber höchstens ganz feine Risse beim Trocknen, daher ist es das perfekte Holz für meine Zwecke. In der Schweiz gibt es Zedernholz nur im Tessin. Ich suche dort bei einem Händler jeweils die Stämme aus, die mir gefallen, und er liefert sie mir hierher.

Sie haben schon in Berlin, San Diego oder Miami ausgestellt und aktuell sogar an der Expo in Mailand. Wie haben Sie das geschafft?

Zenklusen: Das hat mich selber überrascht. Ich dachte mir vor einem Jahr: Jetzt nimmt es mich einmal wunder, wie die Öffentlichkeit auf meine Figuren rea-giert. Denn gute Freunde sagen ja bekanntlich immer nur nette Sachen. Also ging ich mit ein paar Figuren an den Handwerkermarkt nach Zug. Das Lächeln auf den Gesichtern der Besucher dort hat mich dann darin bestärkt, mich einmal für eine grössere Ausstellung offiziell zu bewerben. Prompt wurde ich eingeladen, und ich erlebte dabei unheimlich viel Spannendes. Wir mussten zum Beispiel eigenhändig Kisten bauen, um die Figuren nach Übersee zu verschiffen.

Liegt Ihr aktueller Erfolg vielleicht auch daran, dass Sie als Frau mit der Motorsäge ein besonders unübliches Bild abgeben?

Zenklusen: Dieser Umstand ist sicher ein Plus für mich. Wenn ein Mann eine Motorsäge in die Hand nimmt, erregt das grundsätzlich weniger Aufsehen. Aber um Figuren zu verkaufen, müssen diese natürlich gefallen. Es ist also eine Kombination aus beidem.

Apropos unüblich: Ich habe erfahren, dass Ihr Ehemann René früher ein Rockstar war und sogar einmal den Prix Walo gewonnen hat. Sein Künstlername, Steve Thomson, hätte mir jetzt persönlich gar nichts gesagt ...

Zenklusen: Dann sind Sie wahrscheinlich noch zu jung.

Nein, der Song «Europe, I Need You» ist mir sehr wohl ein Begriff. Der war auf den Tonband-Kassetten drauf, die ich als Teenie in den Achtzigern jeweils von der Hitparade aufnahm. Der Sound meiner Jugend!

Zenklusen: Wenn wir uns heute die Videos von damals ansehen, lachen wir uns krumm, aber damals fanden wir das total cool. Diese Aufmachung in den Achtzigerjahren mit diesen fliegenden Haaren und den hautengen Hosen, furchtbar!

Waren Sie damals auch so gestylt wie Ihr Mann auf der Bühne?

Zenklusen: Nein, ich blieb in der ganzen Geschichte immer die «Normale». Im Vergleich zu all den Achtziger-Tussis der Rockszene mit Highheels und sooolchen Frisuren (streckt die Arme weit aus) war ich quasi das brave Mädel vom Lande. Niemand konnte glauben, dass ich seine Freundin war. Aber für uns war das eine Hammerzeit – dank dieser Sache konnten wir so viel erleben. Als er durch Amerika tourte und Platten aufnahm, konnte ich ihn begleiten. Als 1995 unsere Tochter auf die Welt kam, fand mein Mann gut schweizerisch, jetzt sei fertig mit Rockstar, er wolle seine Tochter schliesslich aufwachsen sehen.

Das kann nicht jede von sich behaupten: mit einem Rockstar und einem Personalberater verheiratet gewesen zu sein – und doch nie geschieden.

Zenklusen: Der Vorteil war vielleicht, dass wir uns schon vor der Rockstarzeit kennen lernten. Und noch während er Musik machte, gründeten wir unsere Personalberatung, weil wir ahnten, dass man sich auf das Showbusiness nicht verlassen kann. Man darf nicht das Gefühl haben: einmal Star, immer Star. So viel Unternehmergeist hatten wir damals schon in uns. Wir hatten Angestellte und gaben Vollgas, als wir jeweils hier waren, und dazwischen gingen wir auf Tournee. Als sich das mit dem Showbiz langsam erledigte, waren wir unglaublich froh, dieses zweite Standbein zu haben.

Bemerkenswert, dass die Beziehung beide Phasen überdauert hat.

Zenklusen: Blöde gesagt, waren wir zuerst normal, dann kam die Rockstarzeit, und danach wurden wir halt wieder normal. Wir ergänzen uns sehr gut. Wir konnten schon immer problemlos 24 Stunden zusammensein. Wir zwei sind einfach seelenverwandt, da kommt es gar nicht so darauf daran, was sonst noch im Leben läuft. Wir haben einander nie in Frage gestellt. Mich haben schon viele gefragt, wie ich das mache. Da kann ich nur sagen: So ist es einfach. Ich würde niemanden verurteilen, der sich dreimal hat scheiden lassen. Ich habe einfach das Glück gehabt, schon in sehr jungen Jahren den Passenden gefunden zu haben.

Und mit den wilden Zeiten haben Sie sich einfach etwas abgewechselt – früher rockte er mit der Elektrogitarre ab, heute gehen Sie mit der Motorsäge auf Baumstämme los?

Zenklusen: Wir sind wohl beide im Kopf ein bisschen wild. Ich habe damals seine Rockstarphase fürs Leben gern mitgemacht und stand problemlos zurück, jetzt hat er riesig Freude an dem, was ich mache.

Wie sieht es aus mit der Aufteilung der Hausarbeiten? Übernehmen Sie eher den «männlichen» Part mit dem Wagenheber und der Bohrmaschine, während er bügelt und kocht?

Zenklusen: Mein Mann hat keine Mühe, mal zwei Wochen lang den Haushalt zu schmeissen und zu kochen, wenn ich für eine Ausstellung verreise. Aber es ist auch nicht so, dass er kein Handwerker-Gen hätte! Wir machen ganze viele Dinge einfach gemeinsam und sind ständig irgendetwas am Flicken, Herumwerkeln und Montieren im und ums Haus.

Wie muss man sich Ihr Zuhause vorstellen?

Zenklusen: Wir wohnen in einem schönen Einfamilienhaus, das ein bisschen wie eine spanische Finca aussieht. Wir sind aber keine bürgerliche 08/15-Familie. (Zu ihrem Sohn, der neben ihr sitzt:) Oder wie würdest du unser Familienleben beschreiben, Dennys?

Dennys: Cool und laut.

Zenklusen: (lacht) Ja, wir sind und waren schon immer eine laute Familie, mit oder ohne Motorsäge. Auch am Tisch wird immer viel diskutiert. Wir haben ein spezielles Verhältnis zu unseren Kindern. Mein Sohn ist so eine Art Partner für mich, er kommt sehr häufig mit in den Wald und hilft mir beim Holzschleppen, und meine Tochter Jenny-Rose erledigt alle grafischen Arbeiten für mich. Ob mans glaubt oder nicht, wir sind alle wirklich gerne zusammen und haben es, wie er sagt, cool miteinander.

Die Kinder finden ihre Eltern nicht peinlich?

Zenklusen: Von den Problemen, die andere Eltern mit ihren Teenager-Kindern haben, sind wir wirklich verschont geblieben. Ich staune selbst darüber. Mein Mann und ich finden zwar, die hören teilweise Musik, die einfach nur furchtbar ist, und die Jungen denken dasselbe von uns, aber wir lassen einander leben.

Interview Annette Wirthlin

Grazil und fröhlich sind die Figuren, die Patricia Zenklusen unter ohrenbetäubendem Lärm kreiert. (Bild Stefan Kaiser)

Grazil und fröhlich sind die Figuren, die Patricia Zenklusen unter ohrenbetäubendem Lärm kreiert. (Bild Stefan Kaiser)

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