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Hallow Ground: Kühne Hörabenteuer eines Luzerner Labels

40 Alben werden bis Ende Jahr auf «Hallow Ground» erscheinen. Zu den Neuerscheinungen zählt das Debüt des Luzerners Remo Seeland.
Pirmin Bossart
Remo Seeland hat eben sein erstes Album herausgebracht. (Bild Ralph Kuehne)

Remo Seeland hat eben sein erstes Album herausgebracht. (Bild Ralph Kuehne)

Field Recordings, Drone, Elektronik, Ambient: Stichworte, die den Sound von «Hallow Ground» stilistisch ungefähr eingrenzen. Es sind experimentierfreudige Tracks, oft sehr radikal in ihren klanglichen Texturen und Tiefenwirkungen.

Das Luzerner Label ist international vernetzt und hat in den entsprechenden Szenen einen klingenden Namen. Dahinter steckt der Luzerner Remo Seeland (bürgerlicher Name Remo Soland), der jetzt mit «Hollow Body» auf seinem Label selber als Musiker in Erscheinung tritt.

New Yorker U-Bahn und die Stille Islands

Seeland ist Kulturwissenschafter und in Luzern als Yogalehrer tätig. Musik macht er seit den 1990er-Jahren. Zentral war die Band Náda, die während fünf Jahren mit rituellem Industrial Post Punk-Sound über die Schweiz hinaus auf Beachtung stiess. Später veröffentlichte er unter dem Namen «Luasimos» Musik auf Kassetten. 2010 erschien mit «Hollow Bone» ein erstes Soloprojekt.

Das neue Album «Hollow Body» könnte man als kleines Forschungsprojekt bezeichnen. Die sechs Stücke sind ein atmosphärisch-melodischer Soundtrack aus «field recordings» und elektronischen Kompositionen, die Seeland zur Hauptsache während vier Monaten in New York kreiert und erarbeitet hat. Auch Eindrücke von einem Besuch in Island schwingen mit. In der urbanen Weltmetropole faszinierte ihn das Geratter der U-Bahn, das er am Ende wie eine «atonale Symphonie» empfand. Und im Hochland von Island war es so still, dass sich sein Puls verlangsamte und ihm der Klang eines Insektes wie abrupter Lärm vorkam.

Diese wechselvollen Eindrücke flossen in seine Wahrnehmung von Klängen und ihren Umgebungen ein, die beim Hörenden auch eine körperliche Dimension evozieren. Es ist verblüffend, wie auf gewissen Tracks die musikalisch-abstrakten Texturen eine geradezu beseelte Qualität annehmen. Als ob sie von geisterhaften Wesen bewohnt würden, die sich in melancholisch-entrückten oder aufwühlend-noisigen Momenten bemerkbar machen. Die Musik hat eine sinnliche Aura, sie regt an und überrascht mit seltsamsten Klängen und Einfällen.

Mal ist es ein fast joviales Posaunen-Lick (Steve Fors), das sich in einer Nachtstimmung in die Gehörgänge gräbt. Mal irritiert und fasziniert eine störrische Melodielinie, die an einen abstrahierten indischen Gesang erinnert. Dann wieder betören die Klangverwehungen, die dank der Eigentümlichkeit des modifizierten Klangmaterials vor den Nebeln der Esoterik geschützt werden. Und auf «Night Within» setzt Seeland eine dunkle und feierliche Kurve in seine verschobene Wahrnehmung. Er schrieb das Stück im Zustand des Jet-Lags.

Musik, die etwas mit einem macht

Während seiner selbst finanzierten Residenz in New York hat Seeland zum ersten Mal digital gearbeitet. Stundenlang machte er Aussenaufnahmen. Die Musik hat er später weiter überarbeitet, verfeinert und von Gästen punktuell bereichern lassen: So haben auch Swans-Gitarrist Norman Westberg (Gitarre) und Reinier van Houdt (Gitarre, Rhodes) von Current 93 vereinzelt ihre Spuren in Seelands Musik hinterlassen.

Er habe schon als Jugendlicher gerne Minimal Music und Ethno-Musik aus diversen Kulturen und Traditionen gehört, sagt Seeland. «Unterhaltungsmusik interessiert mich weniger. Sondern, was Musik mit einem macht.» Es ist Musik, die mehr ist als die Summe ihrer Töne und die bei konzentriertem Hören Wahrnehmung und Bewusstsein verändern kann. Auch sein Label «Hallow Ground» hat dieses Profil. Musik als Auslöserin, als elementare Erfahrung, auch als Kunstinstallation.

Für das Label wende er gut 40 Prozent seiner Arbeitszeit auf, sagt Seeland. «Geld verdiene ich damit nicht. Es ist Leidenschaft. Und hat mein Leben bereichert.» Seeland denkt an die vielen Kontakte und Freundschaften, die entstanden sind. Der iranische Soundkünstler Siavash Amini hat bereits drei Platten herausgegeben. Seeland arbeitet auch mit der finnischen Künstlerin Marja Ahti zusammen. «Die Musik bietet einen gemeinsamen Nenner, wo man sich trifft und austauscht und Grenzen keine Rolle spielen. Das macht mir Freude.»

Die Luzerner Videokünstlerin Ruth Stofer hat die meisten Covers von «Hallow Ground» gestaltet. Sie trägt damit zur Handschrift eines Labels bei, das die Hörenden bereichert und weltweit Fans hat.

Roland Buchers «Reise»

Auch Roland Bucher, bekannt als Schlagzeuger von Blind Butcher, hat auf «Hallow Ground» sein Solo-Debutalbum «Viaje» (spanisch für «Reise» veröffentlicht. Sein Instrument ist der Noise-Table, den er selber entwickelt hat. Bucher verknüpft Samples digital mit kleinen Objekten, die er auf einem Tisch bewegen und damit Klänge erzeugen sowie modifizieren kann. Akustische und elektronische Klang-Ebenen verschmelzen.

Das Album entstand während eines Residency-Aufenthalts in Chile und liefert einen Soundtrack, dem man sich, wie bei allen «Hallow Ground»-Produktionen, hingeben muss. Buchers Collagen weiten die Ohren mit brutzelnden und flirrenden Klängen und vertrackten Perkussions-Einfällen. Man fühlt sich wie in einem Regenwald, bei Insekten, Vögeln und Amphibien. Handkehrum schieben sich emsige Räderwerke aus Klangpartikeln in die Wahrnehmung oder werden die Sinne mit ruhig vibrierenden Flächen und tonalem Brüten wieder sanft in die Stille geführt. (pb)

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