KULTUR: Errungenschaften des «Jahres ohne Sommer»

2013 stand bis vor kurzem im Verdacht, wie 1816 ein «Jahr ohne Sommer» zu werden. Bei allem Elend, das der historische Kältesommer damals bewirkte, hatte er auch produktive Seiten: Frankenstein, Dracula, das Velo und das Buch der Mormonen sollen seinetwegen erfunden worden sein.

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Ohne den historischen Kältesommer im 1816 wäre es vielleicht nie erfunden worden: Das Velo. (Bild: Archiv / Neue LZ)

Ohne den historischen Kältesommer im 1816 wäre es vielleicht nie erfunden worden: Das Velo. (Bild: Archiv / Neue LZ)

1816 schneite es jeden Monat mindestens einmal bis herunter auf 800 Meter über Meer – in der Deutschschweiz und den angrenzenden deutschsprachigen Gebieten ebenso wie im Nordosten der USA und im Südosten von Kanada.

Was auf den Feldern damals nicht dem Bodenfrost zum Opfer fiel, verfaulte wegen anhaltender Regengüsse in der Erde oder wurde durch Überflutungen wegen der übermässigen Schneeschmelze weggeschwemmt. Die Folge war das Hungerjahr 1817, als Getreidepreise bis zu 300 Prozent stiegen.

In der Deutschschweiz ass man aus Not die «eckelhaftesten Speisen», berichtete der Chronist R. Zollikofer: Brei aus Knochenmehl oder zerriebenem Heu, gedörrte Kartoffelschalen und – als Leckerbissen – Hunde und Katzen. In der Zentralschweiz «haben die Kinder oft im Gras geweidet wie die Schafe», berichtete der Schwyzer Armenfürsorger Augustin Schibig.

Die Sterberate war im Hungerjahr 1817 in der Schweiz doppelt so hoch wie im Durchschnitt, wies ein BBC-Dokumentarfilm 2005 nach. Aus Russland, das von der Klimakatastrophe verschont geblieben war, schickte Zar Alexander I immerhin 100'000 Rubel in die Ostschweiz.

Vulkane waren schuld

Als Auslöser für die Abkühlung im «Jahr ohne Sommer» ermittelte 1920 der US-Klimaforscher William Jackson Humphrey den Ausbruch des Vulkans Tambora im April 1815 auf der Insel Sumbawa im heutigen Indonesien. Durch die Eruption der Stärke 7 gelangten 150 Kubikkilometer Staub und Asche und 130 Megatonnen Schwefelverbindungen in die Atmosphäre.

Diese war schon gesättigt vom Staub, den vier weitere grosse Vulkaneruptionen in den Jahren davor verursacht hatten: La Soufrière, Awu, Suwanosejima und Mayon.

Zeitzeugen berichten von einem «trockenen Nebel», der im Sommer 1816 unter anderem über dem Nordosten der USA lag. Der Schleier verminderte die Sonneneinstrahlung derart, dass im Juni Schnee fiel und im Juli und August bis hinunter nach Pennsylvania Seen und Flüsse Eis bildeten.

Romantik und Rossterben

Der Vulkanstaub in der Atmosphäre sorgte nicht nur für braunen Schnee in Ungarn und roten in Italien, sondern auch für spektakuläre Sonnenuntergänge. Diese sollen den britischen Maler J. M. W. Turner zu den Gelb- und Goldtönen inspiriert haben, die in seinem Spätwerk dominierten.

Auch andere kulturelle Auswirkungen werden dem «Jahr ohne Sommer» zugeschrieben: So soll der deutsche Erfinder Karl Drais das Tretrad (Draisine oder Veloziped) erfunden haben, weil die Pferde wegen dem Mangel an Hafer haufenweise verendeten. In Wirklichkeit beschleunigte das Rosssterben nur, was Drais schon lange begonnen hatte.

Monster und Heilige

Ebenfalls immer gern kolportiert wird, dass Mary Shelley wegen des verregneten Sommers 1816 am Genfersee «Frankenstein» erfunden hat und ihr Urlaubsgefährte John Polidori «The Vampyre» - weil sie nicht draussen in der Natur sein konnten. Denkbar ist aber auch, dass der ausgiebige Genuss des Rauschmittels Laudanum die Monster zeugte.

Eine ganz abenteuerliche Theorie auf Wikipedia will, dass Joseph Smith ohne den Kältesommer 1816 nie die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage gegründet hätte. Denn nur weil seine Familie aus Vermont in den wärmeren Staat New York floh, konnte Smith dort 1827 das Buch der Mormonen entgegennehmen.

Es gilt allerdings zu vermuten, dass Gott der Allmächtige, so er denn gewollt hätte, den Herrn Smith auch an seinem Geburtsort in Vermont aufgestöbert hätte.

sda