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KULTUR: Eugen Scheuch : «Luzerner Kulturleben ist nett geworden»

Vor zehn Jahren wurde die Boa geschlossen. Eugen Scheuch (41) hatte damals erfolgreich das Kulturhaus programmiert. Sein Blick bleibt weiterhin kritisch.
Pirmin Bossart
Eugen Scheuch, aufgenommen vor dem Sedel in Luzern. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 27. November 2017))

Eugen Scheuch, aufgenommen vor dem Sedel in Luzern. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 27. November 2017))

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

Alle, die damals als Kulturbesucher dabei waren, werden sich erinnern: Die Boa war nicht nur ein niederschwelliges Kulturhaus mit tollen Konzerten. Sie war auch ein Haus für gesellschaftskritische und linke Positionen, für Unruhe und Widerstand. Diese Verschränkung von Kultur und Politik war für den ehemaligen Boa-Booker Eugen Scheuch ein wesentliches Merkmal. Auch ­innerhalb des Boa-Teams zeigten sich diese politischen Ideale. «Wir haben alles basisdemokratisch entschieden. Wer das Haus putzte, hatte gleich viel zu sagen wie jene, die es programmierten. Und alle verdienten gleich viel. Das ergab Identifikation und Zusammenhalt.»

Die Systemfrage stellen

In der Kulturbürokratie von heute mit ihren Businessplänen und professionellen Strukturen erzeugen Begriffe wie Basisdemokratie, Autonomie oder gar Revolution nur noch ein müdes Lächeln. Der Zeitgeist ist ein anderer. Das weiss auch Eugen Scheuch, der von 2001 bis 2007 in zunehmender Prägnanz für das Musikprogramm der Boa verantwortlich war. «In Luzern kann man ein sehr bequemes Leben führen. Viele verdienen nicht schlecht und haben sich ins Private zurückgezogen. Die relevanten Fragen werden nicht mehr gestellt.»

Scheuch hat mit der Schliessung der Boa sein linkes Gewissen nicht abgegeben. Er sagt: «Die Systemfrage zu stellen, getraut sich heute fast niemand mehr.» Scheuch gibt ein Beispiel: Er solidarisiere sich angesichts der Kultur-Sparhysterie zu 100 Pro­zent mit den Forderungen der Kulturlobby. «Aber ich finde es schade, dass die meisten Leute nur dann auf die Strasse gehen, wenn es sie selber betrifft, und ein grosser Teil nicht bereit ist, einen Schritt weiterzugehen.» Zum Beispiel? «Bei der Demo gegen Waffenexporte vor der Ruag in Emmen oder gegen das WEF in Davos ­waren die meisten leider nicht dabei.»

Der Kapitalismus produziere nach wie vor viel Elend, sagt Scheuch. «Es passiert nur sub­tiler. Die Ausbeutung passiert ­anderswo.» In der Boa hatte es Platz für linke Haltungen, Debatten. Die Revolution wurde als notwendige Utopie begriffen, um die gesellschaftlichen und ökonomischen Ungleichheiten besser zu durchleuchten, sie zu verändern. Gleichzeitig und hauptsächlich wurde ein Kulturbetrieb unterhalten, der stark auf Konzerte und gelegentliche Partys setzte. «Theater konnten wir uns kaum leisten, wir waren mit 295 000 Franken pro Jahr stark unterfinanziert.»

Nach dem Ende seiner Boa-Tätigkeit machte sich Eugen Scheuch auf eine mehrmonatige Reise durch den Nahen Osten, die ihn unter anderem nach Syrien, Israel und Palästina führte. Danach liess sich der tschechisch-schweizerische Doppelbürger in Prag nieder mit der Absicht, dort mit seinen guten Kontakten zu internationalen Agenturen einen neuen Musikort aufzubauen. Schliesslich begann er in einem ehemaligen Kino Konzerte zu veranstalten. Der Pilot-Club lief gut an, konnte aber nicht überleben. «Mit seiner Lage in einem Innenhof, umgeben von Wohnungen, scheiterte es dann an der definitiven Bewilligung.» Nach sechs Jahren kehrte Scheuch im Frühling 2015 nach Luzern zurück.

Boa im Exil hat überlebt

Zu seinem Verdienst gehört, dass er als Musikprogrammator mit Acts wie John Cale, The Residents, Lambchop, Cat Power, ­Calexico, Coco Rosie oder Jose Gonzalez das Kulturzentrum Boa national etabliert hat und mit der World-Reihe «Un otro mundo es possible» Bands aus dem Balkan und aus Afrika eine Bühne gab. Als der Vorhang der Boa endgültig fiel, organisierte er mit einem harten Kern von Boa-Leuten schon am andern Tag das erste Konzert der Reihe «Boa im Exil», die bis heute überlebt hat. Alleine seit 2016 waren das 50 Konzerte. Insgesamt dürfte Scheuch seit seiner Zeit in der Boa rund 1000 Konzerte veranstaltet haben.

Doch die Besucherzahlen sind spärlicher und die Finanzierung ist sehr schwierig geworden. Besonders die junge Generation scheint andere Vorlieben zu haben. Das Musikangebot in Luzern beschränke sich inzwischen zu einem grossen Teil auf Partys, an denen überall der ähnliche Sound gespielt werde, stellt Scheuch fest. «Und konzertmässig sind es vor allem lokale Bands, die zum Zug kommen, weil sich damit noch ehesten ein Publikum generieren lässt.»

Politische Komponente fehlt

Am 4. November 2007, nach drei rauschenden Konzertnächten, war die Boa definitiv Geschichte geworden. Die Stimmbürger hatten den notwendigen Kredit für die notwendige (Lärm-)Sanierung abgelehnt, mit einem sehr knappen Ergebnis. «Fast alle Parteien waren dafür gewesen, auch der Stadtrat. Vielleicht waren wir uns zu sicher, und Luzern war und ist auch nicht so progressiv wie Zürich oder Bern.» Seitdem sei das Kulturleben nur noch netter und konsumfreundlicher geworden. Scheuch fällt vor allem auf, dass sich seit dem Wegfall der Boa die Dynamik verändert hat. «Die heutigen Kulturhäuser werden nicht mehr erkämpft, sondern sind quasi von Anfang an städtisch-institutionell organisierte Häuser. Das ist ein grosser Unterschied.»

Der ehemalige Boa-Booker, der inzwischen mit einem 20-Prozent-Pensum im Sedel Musik programmiert, nimmt die veränderten Konsumbedürfnisse des Kulturlebens pragmatisch zur Kenntnis. Im aktuellen Kulturbetrieb von Luzern vermisst er vor allem die politische Komponente. Es brauche weiterhin einen kulturellen Treffpunkt für die ­linke Bewegung, sagt Scheuch. «Ebenso eine ausserparlamentarische Opposition, die ein Stachel ist und Druck von links aufbaut auf SP und Grüne.» Aber, meint er mit einem Lächeln: «Ich denke nicht, dass ich die Revolution noch miterleben werde. Nichtsdestotrotz ist eine utopische Perspektive unabdingbar.»

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