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KULTUR: «Ich bevorzuge Brüche»

Matthias Burki liebt das gesprochene Wort und Literatur als Performance. Weniger begeistern ihn Romane oder Bob Dylan. Ein Gespräch mit dem Luzerner Verleger am Welttag des Buches.
Pirmin Bossart
Viel zu lesen: Matthias Burki in seinem Büro – «eingerahmt» von Bild und Buch. (Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 20. April 2017))

Viel zu lesen: Matthias Burki in seinem Büro – «eingerahmt» von Bild und Buch. (Bild: Corinne Glanzmann (Luzern, 20. April 2017))

Interview: Pirmin Bossart

Matthias Burki, was begeistert Sie am Buch?

Dass auf einem physisch so eng begrenzten Raum ganze Welten aufgehen können. Um das noch weiter auszuführen, wäre wiederum ein Buch erforderlich.

Ihr erstes Buch, das Sie verlegten?

Es nannte sich «Das Buch der Langeweile» und erschien 1998. Zusammen mit Yves Thomi hatte ich schon zuvor kopierte Hefte gemacht, die wir mit Texten, Bildern und schrägem Zeugs füllten. Wir wollten dann etwas «Richtiges» produzieren und machten eine Ausschreibung, in der wir die Leute aufforderten, Texte und Bilder zum Thema Langeweile einzureichen.

Wann entschieden Sie, so, jetzt will ich Verleger sein?

Nie. Es ist einfach passiert. Als wir «Das Buch der Langeweile» zusammengetragen hatten, merkten wir, dass es einen Verlagsnamen und eine ISBN-Nummer brauchte, um das Buch offiziell zu vertreiben. So wurde ich Verleger.

Learning by doing, also ein klassischer Quereinsteiger?

Als Jugendlicher habe ich Schülerzeitungen gemacht. Etwas herauszugeben, war immer ein Impuls. Danach begann ich, eher journalistisch zu arbeiten, und war auch in der Redaktion der Nidwaldner Alternativzeitschrift «Lanzenbrecher». Es war nie ein Plan, Verleger zu werden. Eventuell ist das ein grosses Glück.

Wie meinen Sie das?

Wir waren in den Anfängen naiv und haben Fehler gemacht, die jemand mit Verlagserfahrung nie gemacht hätte. Andere starten mit viel Geld im Rücken. Wir hatten null Wissen über den Buchmarkt und null Geld. Aber das hat wahrscheinlich auch die Leidenschaft erhalten.

Heute zählen Sie zu den arriviertesten Spoken-Word-Verlagen im deutschsprachigen Raum. Eine rasante Entwicklung.

Nach zwei ersten Büchern konzentrierten wir uns auf das Magazin «das heft das seinen langen namen ändern ­wollte». Parallel veranstalteten wir erste Poetry-Slam-Touren in der Schweiz. Daraus entwickelte sich die Idee, die gesprochenen Texte als Hörbücher herauszugeben. Damit begann die Spezialisierung auf Spoken Word. 2004 erschien die erste CD von Pedro Lenz sowie das «Schweizerbuch» von René Schweizer. Beide wurden Bestseller.

In all den Jahren waren Sie als Redaktionsleiter des «Kulturmagazins» tätig. Wann kam der Schritt zum selbstständigen Verleger?

Mit dem Start der Reihe «Edition Spoken Script» 2009 begann ich, nur noch für den Verlag zu arbeiten. Nach fast zehn Jahren «Kulturmagazin» war es Zeit für einen Wechsel. Ich hatte Geld gespart und wollte herausfinden, ob es funktioniert – mit dem Wissen, wie schwierig der Buchmarkt war, zumal mit einer Nische wie Spoken Word. Ich musste damit rechnen, dass es nicht klappen könnte.

Aber dann schlug es ein: «Der Goalie bin ig» von Pedro Lenz wurde 2010 ein riesiger Erfolg. Gab das Ihrem Verlag einen Schub?

Das Buch hat sehr vieles möglich gemacht, für den Verlag und auch für die Szene. Wir haben 35000 Exemplare verkauft, für einen Mundartroman beträchtlich. Daraus sind Spielfilm, Theaterstück und Übersetzungen gewachsen. Die breite Wahrnehmung und Anerkennung taten gut. Finanziell hat «Der Goalie» einige weitere Bücher ermöglicht.

Es braucht also doch mal einen Bestseller, damit ein Verlag überhaupt (über)leben kann?

Es funktioniert auch, wenn zwei bis drei Titel pro Jahr gut laufen. Beides kann man nicht planen. Es schwankt brutal. Eine gute Backlist ist wichtig. Bis heute sind 120 Titel erschienen, Bücher, CDs.

Kann man als Verleger gut leben?

In den ersten zehn Jahren Verlag habe ich praktisch nichts verdient. Es bleibt bis heute knapp. Der Lohn ist bescheiden. Aber gemessen daran, dass ich mit null angefangen habe, ist ein regelmässiger Lohn eine beträchtliche Steigerung.

Weshalb heisst Ihr Verlag «Der gesunde Menschenversand»?

Ich kann mich nicht mehr erinnern, es war eine spontane Idee. Das passt zum Spezialgebiet Spoken Word: Die Autoren treten viel auf, ich selber bin oft an Veranstaltungen, Messen, Märkten unterwegs. Der Verlag ist immer am Senden.

Sie haben als Mitveranstalter der Reihe «Barfood Poetry» und mit Ihrem Verlag dem gesprochenen Wort eine Plattform gegeben. Was ist der Reiz an dieser Literaturform?

Die Initialzündung hatte ich 1998 an der deutschen Literaturmeisterschaft in Berlin. Die Autoren traten in einem Boxring gegeneinander an, flankiert von Nummerngirls und bewertet vom Publikum. Es war eine komplett andere Atmosphäre als an einer herkömmlichen Literaturveranstaltung, die Stimmung war eher wie an einem Konzert. Literatur war auch Klang. Dazu kam die Beziehung zwischen Performenden und Publikum. Das war nicht einfach vorlesen oder etwas ablesen, sondern eine Kunstform.

Wie hat sich Spoken Word in den letzten Jahren entwickelt?

Es finden mehr Zusammenarbeiten statt. «Bern ist überall» gehörte zu den Ersten dieser Gruppen. Dass acht Autorinnen und Autoren (und vier Musiker) sich austauschen, gemeinsam Programme entwickeln und in wechselnden Konstellationen auftreten, ist im Literaturbetrieb ziemlich einzigartig. Zum Zweiten wird bedeutend mehr und in vertiefter Weise mit Musikern gearbeitet, indem gemeinsam komponierte Projekte aus Text und Sound erarbeitet werden. Auch die Mehrsprachigkeit verbreitet sich – selbst innerhalb eines Textes.

Können Sie überhaupt noch herkömmliche Lesungen goutieren?

Ich bin vielleicht wieder etwas wohl­wollender geworden, wenn ein Autor oder ein Thema mich interessiert. Es gibt ja auch Autoren, die konventionelle Lesungen machen und gut lesen. Es muss nicht Performance um der Performance willen sein. Trotzdem scheint mir, dass der Spoken-Word-Auftritt ausgelöst hat, wie man heute Literatur vorträgt. Es ist explizit ein Bühnenauftritt, der Kontakt mit dem Publikum ist zentral. So hat Spoken Word begonnen, auch den herkömmlichen Literatur­betrieb zu verändern.

Es war noch nie so einfach, Bücher zu schreiben und zu veröffentlichen. Wie sieht es auf der Verkaufsseite aus? Noch nie so schwierig gewesen?

In den letzten acht Jahren ist im Schweizer Buchmarkt ein Rückgang zu verzeichnen. Es ist ein wahnsinniger Kampf um Aufmerksamkeit. Es werden sehr viele Bücher produziert. Gleichzeitig ist der Platz in den herkömmlichen Medien bedeutend kleiner geworden. Es muss immer noch mehr gemacht werden, um wahrgenommen zu werden.

Wie stellen Sie das an?

Eine Strategie ist, dass ich versuche, mit Ständen an Messen, Veranstaltungen, Festivals und an bestimmten Märkten die Bücher direkter zu den Leuten zu bringen. Der Anteil von Büchern, die so von den Autoren und mir an den Veranstaltungen oder über die Verlags-Homepage verkauft werden, ist bei uns wohl grösser als bei herkömmlichen Verlagen.

Gibt es nicht zu viele Bücher? Alles schon geschrieben und gesagt?

Nein. Die universalen Themen bleiben und können immer wieder neu erzählt werden. Und es müssten auch viele Bücher wieder veröffentlicht werden, die es nicht mehr gibt.

Was nimmt in der Tätigkeit eines Verlegers am meisten Raum ein?

Der Job ist weniger glamourös, als man denkt. Vieles ist Organisation und Administration, Büroarbeit in allen Facetten. Pressetexte schreiben, Datenbanken füllen, Korrespondenzen. Lange habe ich das allein gemacht. Eine permanente Überforderung, im guten Sinne. Man muss sich in verschiedensten Berufsfeldern auskennen, bis hin zu rechtlichen Fragen. Inzwischen sind wir zu dritt mit 160 Stellenprozenten.

Vermarktung ist alles: Muss man als Verleger zuerst PR-Profi sein?

Ich muss überzeugt sein von den Autoren und ihren Büchern. Die Kunst kommt zuerst, dann das Marketing.

Würden Sie auch Bücher für ein breiteres Publikum herausgeben?

Die Idee des Verlags ist, sich auf Spoken Word und verwandte Gebiete zu konzentrieren. Damit möchte ich im schwierigen Markt bestehen können. Ich habe nicht im Sinn, Belletristik zu verlegen. Etwa eine Krimireihe: Würde man da dem «gesunden Menschenversand» vertrauen? Wohl eher nicht.

Sind Luzern und die Zentralschweiz der richtige Ort für Ihren Verlag?

Ich fühle mich sehr wohl hier und auch getragen von einem Publikum, der Szene, der Kulturförderung. Die Ausgangslage hier ist gut. Ich bin nicht sicher, ob sich eine Reihe wie «Barfood Poetry» oder das «woerdz»-Festival in einer anderen Stadt so gut hätten entwickeln können. Der Goodwill war von Anfang an da und hat vieles möglich gemacht.

Sie haben renommierte Schweizer Autoren in Ihrem Portefeuille. Wie konnten Sie diese gewinnen?

Die Szene funktioniert anders als andere Kultursparten. Die vielen Veranstaltungen schaffen eine Nähe, das Netzwerk ist eng. Die verschiedenen Protagonisten begegnen sich, unterstützen einander. Ich habe sehr wenig von Autoren veröffentlicht, die ich nicht zuvor kannte. Manchmal empfehlen Autoren oder Lektoren einen neuen Namen.

Der Nachwuchs ist gesichert?

Die Szene ist jetzt so gross, dass ich nicht alles herausgeben kann, was aus ihr entsteht. Man muss auswählen. Es könnte einen zweiten Verlag vertragen.

Zentralschweizer gibt es nicht in Ihrem Programm, aber viele Berner: Sind die einfach besser?

Nein. Die Berner haben eine Traditionslinie. Schon im frühen 20. Jahrhundert gab es viel Berner Mundartliteratur. In diese Linie gehören Liedermacher wie Mani Matter, die Berner Rock- und Popszene und die «Modern Mundart» von Dichtern wie Kurt Marti. Grundsätzlich ist jede Mundart für Literatur geeignet. Jede Sprache ist gleichwertig.

Aber eben, die Zentralschweizer fehlen bei Ihnen ...

Ich habe keine Erklärung dafür. Es hat schon Bühnen, wo man auftreten könnte. Offenbar gibt es hier einfach weniger Leute, die so schreiben.

Die häufigsten Begründungen, mit denen Sie Manuskripte ablehnen?

«Es passt nicht ins Programm.» Vieles kommt aufgrund des Verlagskonzeptes nicht in Frage. Die Texte müssen den Ursprung in gesprochener Sprache haben oder im mündlichen Erzählen.

Und was muss ein Text bieten, damit Sie ihn veröffentlichen?

Es ist stark Intuition. In der Reihe «Edition Spoken Script» sind wir drei Herausgeber. Bei der Beurteilung von Manuskripten liegen wir fast immer gleich, ohne dass wir Kriterien formuliert hätten. Die Spracharbeit ist wichtig. Mich interessiert eine Literatur, in der Sprache oder Klang im Zentrum stehen, und nicht unbedingt eine Literatur, die nur vom Inhalt ausgeht. Wichtig ist, dass Inhalt und Form eine Einheit sind. Grundsätzlich bevorzuge ich Brüche, Grenzen, Ränder und nicht das Abgerundete. Alles, was nichts mit Romanen zu tun hat.

Haben Sie etwas gegen Romane?

Zweifellos gibt es grossartige Romane in der Literaturgeschichte. Es ist aber schade, dass der Roman im Literaturmarkt so dominant ist und viele andere, schöne und originelle Formate vernachlässigt werden. Warum dieser Druck, immer mindestens 200 Seiten zu verlegen, um einer Königsdisziplin gerecht zu werden? Eigentlich sollte es umgekehrt laufen: Da sind 30 oder 80 Seiten guter Text, und dafür müsste man als Verlag oder im ­Literaturbetrieb eine Form finden.

Ideen, um Ihren Verlag weiterhin à jour und relevant zu halten? Neue Formate? Mehr Digitalisierung?

Eine Strategie ist, wie gesagt, die Bücher direkter zu den Leuten zu bringen. Der Bereich Digitalisierung ist wider Erwarten schwierig zu bewirtschaften. Der Verkauf von Hörbüchern ist dramatisch gesunken. Wenn ich kein Spoken-Word-Verlag wäre, müsste ich wohl einen Strich ziehen.

Haben Sie eine Erklärung?

Nein, und ich habe auch noch keine Lösung dafür gefunden. Audioformate werden zunehmend anders konsumiert. Viele Leute haben gar keinen CD-Player mehr. Es wird mehr gestreamt. Doch die Streams und Downloads sind im Spoken-Word-Bereich eher bescheiden.

Was waren Ihre ersten Lesestoffe als Jugendlicher?

Schon im Gymi haben mich Ränder interessiert. Ich hatte gute Lehrer, die auch moderne Literaturformen vermittelt haben: absurdes Theater von Eugène Ionesco, Gedichte von Eugen Gomringer, Texte von Samuel Beckett. Schon da konnte ich mit Wälzern nichts anfangen.

Was lesen Sie heute am ehesten?

Ich lese querbeet und unsystematisch. Vieles interessiert mich, und ich habe das Gefühl, dass die Lücken immer grösser werden, je mehr ich lese. Zurzeit habe ich eine Phase, in der ich gewisse Lücken schliesse und Klassiker aus dem frühen 20. Jahrhundert lese. «Der Meister und Margerita» von Michail A. Bulgakow oder «Berlin Alexanderplatz» von Alfred Döblin. Ja, richtig dicke Romane.

Und sonst?

Ein aktuelles Buch, das mich begeistert hat, ist «Fräulein Hallo und der Bauernkaiser» von Liao Yuwi. Es besteht aus Interviews mit Menschen in China, die am Rande der Gesellschaft leben.

Sie waren mal Gitarrist in einer Rockband: Noch Ambitionen?

Ich war ein schlechter Gitarrist, ich habe nicht geübt, das war schnell vorbei. Aber die Musik war wichtig für mich. Bevor die Literatur zu meiner Hauptbeschäftigung wurde, war ich ständig in Plattenläden. Ich liebte Punk und Hardcore, dann kam die Indie-Phase. Im Speziellen hat mir die Hamburger Schule gefallen. «Blumfeld» war eine Zeit lang die wichtigste Band für mich. Es ist eine Musik, in der auch die Texte wichtig sind. Mittlerweilen bin ich für viel mehr Stile offen.

Kann man aus Ihrer Begeisterung für Spoken Word schliessen, dass Sie auch gerne Hip-Hop und Rap haben?

Hip-Hop und Rap sind mir musikalisch nicht speziell nahe. Mich interessieren die Verbindungen mit Spoken Word, da höre ich schon hin. Die Grenzen sind ja fliessend bis hin zu sehr guten Songschreibern und Musikern, die mit Text arbeiten.

Da müsste Sie eigentlich auch Literaturnobelpreisträger Bob Dylan interessieren?

Das stimmt, aber bisher habe ich den Zugang nicht gefunden. Trotzdem fand ich es im Unterschied zu einigen aus dem Buchmarkt grossartig, dass ein Songschreiber den Literaturnobelpreis bekommen hat.

Viel Engagement für Spoken Word

Zur Person

Matthias Burki (44) ist in Beckenried aufgewachsen und lebt in Luzern. Er studierte Ethnologie an der Universität Bern. Von 1999 bis 2008 war er redaktioneller Leiter des «Kulturmagazins». 1999 organisierte er die ersten Poetry Slams in der Schweiz. Er war Mitinitiator der Reihe Barfood Poetry, die vor allem im «La Fourmi» in Luzern über die Bühne ging und das Genre Spoken Word weitherum bekannt machte. Parallel dazu baute er seinen Verlag «Der gesunde Menschenversand» aus, den er mit Yves Thomi (bis 2007) gegründet hatte. 2009 initiierte Burki mit Ursina Greuel und Daniel Rothenbühler die Reihe Edition Spoken Script. Der Verlag erhielt 2006 den Förderpreis für Kulturvermittlung Kanton Bern und 2007 den Migros-Jubilée-Award in der Sparte Literatur. 2014 war «Der gesunde Menschenversand» Schweizer Verlag des Jahres (Schweizer Buchhändler- und Verlegerverband). 2016 wurde der Verlag mit dem Weiterschreiben-Preis der Stadt Bern ausgezeichnet. (pb)

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