Kultur

Lucerne Sinfonietta veröffentlicht Märchen-CD: Selbst die feministische Prinzessin wird hier melancholisch

Die Lucerne Sinfonietta, das junge Orchester aus dem Luzerner Hinterland, präsentiert ihre erste CD. «Verschollene Märchen» von Wilhelm Wolf und Musik von Luigi Laveglia lösen die Grenzen von Alt und Neu auf - und warten mit einer Entdeckung auf.

Urs Mattenberger
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Die Szenerie erinnert im Nachhinein an aktuelle Corona-Settings: Die Stühle standen in den Konzerten, mit denen die Lucerne Sinfonietta 2019 durch Luzern und das Luzerner Hinterland tourte, lose im jeweiligen Raum verteilt. In Wahrheit aber suchten die Musiker damit die Nähe zum Publikum und lösten die Grenzen dazwischen auf. Das wiederum passte zu einem Projekt, das mit dem Thema Märchen auch die Grenzen zwischen Alt und Neu, zwischen romantischer Musik und Werke des in Schüpfheim wohnenden Komponisten Luigi Laveglia unterwanderte.

Musiker der Lucerne Sinfonietta und die Sängerin Daniela Argentino bei der Aufführung des Märchenprogramms im Neubad (2019).

Musiker der Lucerne Sinfonietta und die Sängerin Daniela Argentino bei der Aufführung des Märchenprogramms im Neubad (2019).

pd/Martin Dominik Zemp [mdz]

Jetzt hat das aus jungen Musikern und Musikstudenten gebildete, topprofessionelle Ensemble diese «Verschollenen Märchen» auf seiner ersten CD veröffentlicht. Das Konzept funktioniert auch akustisch vorzüglich.

Facettenreicher Tonfall und archaische Klangmagie

Das gilt einerseits für die Märchen von Wilhelm Wolf, die traditionelle Märchensujets von verzauberten Prinzessinnen drastisch auf die Spitze treiben. Die «Leichenfresserin» etwa, die mit dem Gemetzel vor ihrem Grab den Männern Angst einjagt, «ist eine schon fast ‹feministisch› starke Frauenfigur», begründete der Komponist seine Faszination für Wolfs Märchen. Und die Lebendigkeit, mit der die Sängerin Daniela Argentino diese Geschichten erzählt und immer wieder zum packenden Lauttheater steigert, ist nicht nur ein solistisches Highlight der Produktion, sondern kommt auch auf der CD ungeschmälert zur Geltung.

Gegenüber dem facettenreichen Tonfall dieser keck fabulierenden, verführerisch flötenden oder geheimnisvoll beschwörenden Stimme bleibt die Musik stärker auf melancholische Stimmungen festgelegt. Das geben schon die originalen «Märchen»-Lieder von Grieg und Schumann («Auf einer Burg») vor. Zu den Märchenerzählungen steuert auch Laveglias Tonspur mit minimalistischen Mitteln eine archaische Klangmagie bei.

Streichquartett als Höhepunkt

Die Pointe der Musik liegt darin, dass der Komponist seinerseits die Grenzen auflöst, indem er in seinen eigenen Kompositionen Material aus den romantischen Werken verarbeitet. Ein Höhepunkt ist sein Streichquartett, das die Mollmelancholie vielstimmig aussingt, rhythmisch belebt und bis zum Zerbröseln am Schluss Realität und Zauber ähnlich wie im Märchen in der Schwebe hält.

Wo Laveglias Bearbeitungen Kammermusik von Tschaikowsky mit Bläsern schwärmerisch auflädt oder zu betörender Süsse steigert, beeindruckt die Lucerne Sinfonietta unter der Leitung von Marius Brunner mit einer vorzüglichen Klangkultur. Weil das bei den Live-Aufführungen wichtige Raumkonzept akustisch nicht eingefangen werden kann, veröffentlicht das Orchester im Januar zusätzlich Video-Aufnahmen zum Projekt.

Das Album «Verschollene Märchen» ist auf den üblichen Onlinekanälen und als CD im Onlineshop erhältlich: www.sinfonietta-lucerne.ch