Kommentar
Als alte Frau verkleideter Mann bewarf das Gemälde mit einer Torte: Ist die Mona Lisa eine Klimaverbrecherin?

Am Montag hat ein Aktivist Leonardo da Vincis berühmtes Gemälde mit einer Torte beworfen. Die Aktion betitelt er mit Klimaschutz.

Anna Raymann
Anna Raymann
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Dank Panzerglas hat die Mona Lisa den Tortenwurf unbeschadet überstanden.

Dank Panzerglas hat die Mona Lisa den Tortenwurf unbeschadet überstanden.

AP

Die Mona Lisa ist hart im Nehmen. Über 500 Jahre alt, findet sie noch die Ruhe, tagein tagaus seit Ende des 18. Jahrhunderts, die Besucherinnen und Besucher des Pariser Louvres anzulächeln. Sie hält still für Selfies, mit ihr, einer der bezauberndsten Figuren der Kunstgeschichte, Projektionsfläche für Mythen, Legenden, Objekt der Begierde und – immer wieder – des Hasses. Sie wurde entführt, drei Jahre lang, von 1911-1913, galt sie als verschollen. Und diente als Zielscheibe für diverse Geschosse wie einem Stein (1956) und einer Teetasse (2009).

Spätestens seit diesen Attacken ist die Mona Lisa wohl eines der am besten bewachten Werke. Sie lächelt hinter einer dicken Scheibe Panzerglas. Kameras, nicht nur die Hunderter Touristen, sondern auch diejenigen zur Überwachung an der Museumsdecke sind auf sie gerichtet und natürlich schauen auch menschliche Wächter nach ihr.

Und dennoch ist es wieder geschehen. All die sorgfältigen Schutzmassnahmen wurden von einer wenig ausgereiften Verkleidung, einer schwarzen Kunsthaarperücke, etwas Lippenstift, einem Rollstuhl – und eben einer Sahnetorte ausgetrickst. Mitten im Gedränge erhob sich am Montag ein junger Mann aus einem Rollstuhl, um der nichts ahnenden Mona Lisa eine Torte ins Gesicht zu werfen.

Eine Torte für das Klima

Hinter dem Panzerglas wird sie kaum etwas von der Süssigkeit abbekommen haben. Der Nachgeschmack ist dennoch bitter. Der Tortenwerfer, der friedlich nach draussen begleitet wird, klagte an: «Achtet auf die Erde!» Da draussen gebe es Leute, die die Erde zerstören wollten. Mit der Torte im Gesicht steht nun die Mona Lisa als Klimaverbrecherin da. Ausgerechnet sie, wenn auch in Öl gemalt, fährt sie weder Auto, sie isst kein Fleisch und unternimmt von ihrem Dauerwohnsitz in Paris kaum Fernreisen.

Sicher, auch der Kunstbetrieb muss ökologischer werden. Wenn Sammlungen für wenige Wochen Ausstellung quer um den Globus verschickt werden, verursacht das nicht zu vernachlässigende Emissionen. Die diesjährige Kunst-Biennale in Venedig etwa bittet ihre Gäste, mit dem Zug anzureisen und versucht, ihren ökologischen Fussabdruck klein zu halten, indem sie auf gedruckte Programme verzichtet.

Die Mona Lisa selbst aber trägt natürlich keine Schuld. Das dürfte auch dem Tortenwerfer klar sein. Er hat sich lediglich der Aufmerksamkeit, der Überwachungskameras und der Handy-Kameras Hunderter Touristen, bedient, um sein Sätzlein möglichst medienwirksam aufzusagen. Aus allen Winkeln gefilmt und fotografiert, wird die Aktion im Netz ungezählte Male geklickt, gelikt und kommentiert. Und das sahneverschmierte Lächeln der Mona Lisa wird in den nächsten Wochen und Monaten untrennbar mit dem Aufruf nach mehr Klimaschutz verbunden sein – ein unvergleichbar schönes Gesicht für die Klimabewegung.

Der Tortenwurf im Louvre reiht sich damit effektvoll ein in die Geschichte süsser Angriffe: Der belgische Komiker Noël Godin, notorischer Tortenwerfer, erlangte internationale Bekanntheit mit der, und dies ist ein Wikipedia-Zitat, «Mehrfachtortung» von Bill Gates. Und auch in der Schweiz mussten etwa Christoph Blocher und Micheline Calmy-Rey ihr Gesicht hinhalten.