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Politserie «Borgen»: Dänemarks Vorzeige-Politikerin wird vom bittersüssen Gift der Macht verführt

Birgitte Nyborg ist in der vierten Staffel der Netflix-Serie «Borgen» zurück auf der Polit-Bühne. Vom früheren Idealismus ist in düsteren Zeiten jedoch wenig übrig geblieben.

Tobias Sedlmaier
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Was taugt Brigitte Nyborg (Sidse Babett Knudsen) in der vierten Staffel von «Borgen» noch als Rollenmodell?

Was taugt Brigitte Nyborg (Sidse Babett Knudsen) in der vierten Staffel von «Borgen» noch als Rollenmodell?

Netflix / Mike Kollöffel

Einmal mehr ist es «Borgen» gelungen, eine Serie für unsere Gegenwart zu sein, ganz auf der Höhe der Zeit. Bereits zwischen 2010 und 2013 hatte die dänische Produktion in drei Staffeln TV-Massstäbe darin gesetzt, grosse Politik verständlich und klug zu dramatisieren. Jede Folge präsentierte einen Konflikt und verknüpfte die öffentliche Auseinandersetzung damit geschickt mit den privaten Auswirkungen. Dieser Crashkurs in Machiavellismus war fesselnd, lehrreich und unterhaltsam, er ebnete dem anspruchsvollen politischen Ränkespiel in der Serienwelt den Weg.

Ja, da gab es noch das machthungrige Ehepaar Underwood, das im ziemlich selbstverliebten «House of Cards» das Oval Office in Washington unsicher machte. Oder die Horden von moralisch zwielichtigen Adelsgeschlechtern, die in «Game of Thrones» den Kontinent Westeros zu bezwingen suchten – und diesen Herbst erneut im Serienprequel «House of the Dragon» Schwerter und Feuer werden sprechen lassen. Doch vor ihnen hatte die weitaus interessantere Figur der Birgitte Nyborg Einzug gehalten im Kopenhagener Schloss Christiansborg; wovon sich der Titel der Serie «Borgen» ableitet.

Sidse Babett Knudsen verkörperte darin die dänische Premierministerin als entschlossene, ebenso sympathische wie charismatische Frau mit einem ausgeprägten Sinn für Lösungen, die oft nicht nur pragmatisch waren, sondern sie zugleich gut dastehen liessen. Neun Jahre später folgen wir nun in der mit «Borgen – Macht und Ruhm» untertitelten Fortsetzung auf Netflix ihrem Werdegang. Hat Nyborgs Rollenmodell für weibliche Führungskompetenz die Jahre überdauern können?

Politische Krisen und persönliche Intrigen

Es wäre für Serienschöpfer Adam Price ein Leichtes gewesen, die Floskel «Es ist, als sei sie nie weggewesen» zu bedienen. Doch Bequemlichkeit war nie eine Schwäche von «Borgen». Auch die Sehnsucht nach Nostalgie, der so manches Serienrevival verfallen ist, sucht man hier vergeblich. Nyborg ist inzwischen Anfang Fünfzig und Aussenministerin unter der neuen, jüngeren Regierungschefin Signe Kragh (Johanne Louise Schmidt), die im Gegensatz zu ihr die Selbstinszenierung via Instagram beherrscht.

Netflix/Youtube

Die Geschichte konzentriert sich komplett auf einen gigantischen Ölfund in Grönland, der nicht nur eine politische Krise in Dänemark auszulösen droht, sondern auch die Intervention der Weltmächte USA, China und Russland in Gang setzt. Es geht um die grossen Fragen, um Geopolitik, koloniale Abhängigkeiten, und darum, wie man Klimaziele und die legitimen Aufstiegsambitionen ärmerer Länder verbinden kann.

Das Öl wird zum Auslöser für Nyborgs politische 180-Grad-Wende. Während sie anfangs noch den Umweltschutz propagiert, für den ihre Partei angetreten ist, muss sie bald ein Zugeständnis nach dem anderen machen. Das Ringen mit den eigenen Prinzipien teilt Nyborg mit ihrer früheren Beraterin Katrine Fønsmark (Birgitte Hjort Sørensen), die als Nachrichtenchefin des wichtigsten nationalen Fernsehsenders mit den Intrigen ihrer Mitarbeiter und Vorgesetzten konfrontiert wird. Lawinenartig wachsen die Probleme beider Frauen an, jede Entscheidung muss mit einer nächsten korrigiert werden, die sich meist ebenfalls als fatal erweist.

Eine Studie über die Einsamkeit der Mächtigen

Die einstmals strahlende, wertebewusste Politikerin wird so von der Macherin zur Getriebenen, ihr Machtstreben zur tragischen Sucht. Dies zeichnet sie auch äusserlich: Ständig trägt sie schwarze Kleidung wie eine Trauernde, die Mundwinkel weisen nach unten, die Hand wandert zur Stirn, der nächste Schwächeanfall wartet nach schlafloser Nacht. «Wenn ich nicht die Frau bin, die 19 Stunden am Tag als Aussenministerin arbeitet, wer zur Hölle bin ich dann?», fragt Nyborg mit der dunklen Ahnung, dass sie auf diese Frage besser keine Antwort hören will.

Der Preis ihrer Arbeit hatte sich in den früheren Staffeln im Verfall des Privatlebens allmählich summiert, nun ist er vollends teuer zu Buche geschlagen. Nyborgs Exmann ist an der Seite seiner neuen Frau glücklicher als je zuvor, der Sohn, ein radikaler Umweltaktivist, wendet sich von ihr ab. Ihr früherer Mentor wird dement, der alte Erzfeind aus kaltem Pragmatismus ihr Unterstützer. «Borgen» ist auch eine Studie über die Einsamkeit der Mächtigen.

Ein prophetischer Blick auf das Weltgeschehen

Über die individuelle Ebene hinaus künden die acht neuen Episoden von einer globalen, politischen Zeitenwende. Nicht nur im Staate Dänemark ist etwas faul, etliche Ereignisse haben die Demokratien des Westens im letzten Jahrzehnt aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt: Die Präsidentenwahl von Donald Trump, das Votum der Briten zum Brexit, die Rückeroberung von Afghanistan durch die Taliban. Jüngst kamen Schlag auf Schlag Covid-19 und der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hinzu. Letzterer findet in der Serie fast prophetisch Erwähnung; die erste Folge wurde Mitte Februar, rund eine Woche vor Kriegsbeginn, in Dänemark ausgestrahlt.

All diese Erschütterungen haben sich in der düsteren Fortsetzung eingeschrieben. «Borgen» wirft einen pessimistischen Blick auf die Hilflosigkeit und Selbstbehauptung des Politikbetriebs. Lediglich im Privaten schimmern noch Momente des Mutes und der Solidarität durch. Wehte früher trotz aller Machtspiele ein Hauch von Idealismus durch die Serie, wurde Politik als «Kunst des Möglichen» gedacht, herrscht egomanische Sinnlosigkeit. Wer nicht rechtzeitig loslässt, erliegt endgültig dem bittersüssen Gift allzu grosser Macht.

Borgen – Macht und Ruhm: Staffel 4, auf Netflix.