Kultur in der Coronakrise
Kulturjahr 2020: Die Welt spielt Fest – oder verrückt

Trotz Lockdown war 2020 viel los. Statt wie üblich 130 Abende in Opern- und Konzerthäusern erlebte unser Autor im Coronajahr 65 Vorstellungen – keine einzige als Stream: Entweder Livemusik oder nichts.

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Am 25. Juli erlebte die Schweiz das erste Klassik-Drive-In-Konzert in Charmey anlässlich des «Festival Du Lied»

Am 25. Juli erlebte die Schweiz das erste Klassik-Drive-In-Konzert in Charmey anlässlich des «Festival Du Lied»

Anthony Anex/KEY

Am 3. Januar 2020 den «Nussknacker» in Riga, am 8.1., 11.1. und 12.1. ein Konzert, ein Ballett und ein Theater in Zürich, am 22.1. eine Oper in Genf, am 23.1. das Chicago Symphonie in Lugano, am 25.1. ein Ballett an der Mailänder Scala und zum Monatsschluss eine Oper in Basel sowie ein Max-Frisch-Abend in Zürich. So war das damals im Januar 2020, als wir über die Notspitäler bauenden Chinesen schmunzelten. Pro Jahr erlebe ich bis anhin 130 Opern, Theater- Ballett- und Konzertabende.

Im Februar 2020 geht das Spielen munter weiter. «Freude» soll das Thema von Lucerne Festival im Sommer heissen. Bereits am 23.2. ist es damit in Italien vorbei: Die Mailänder Scala schliesst. Ich dachte damals sofort: Am 7. Dezember wird alles wieder gut sein, meiner 30. Scala-Saisoneröffnung wird nichts im Wege stehen. Typisch: In der Krise denkt jeder zuerst an sich – nur ich, ich denke an mich. Dieses Denken wird genau das Unglück der Kulturbranche in dieser Pandemie sein.

28. Februar In der Schweiz dürfen nur noch 1000 Leute in einen Saal. Und ich schreibe: «Ob die Corona-Ansteckungsgefahr stark sinkt, wenn statt 1100 bloss 900 Leute im Opernhaus Zürich sitzen?» Damals, notabene, noch ohne Masken.

Die Kulturinstitutionen agieren nach den Vorschriften der Politik. In Zürich und Genf dürfen fast 1000 Leute ins Konzert, in Basel bald hingegen nur noch deren 200. Hans Georg Hofmann, Intendant des Sinfonieorchester Basel, macht seinem Ärger Luft: «Das ist nicht zu akzeptieren! Supermärkte und Konzerne werden auch nicht geschlossen.» Guy Starck, stellvertretender kaufmännischer Direktor am Theater Basel ist gelassener: «Die Fasnacht absagen, und wir spielen? Das geht nicht.»

Nicht nur die Behörden verhindern Vorstellungen. Ein Ballett-Abend im Opernhaus Zürich wird als Vorsichtsmassnahme abgesagt, nachdem ein enger Bekannter eines Tänzers positiv auf das Coronavirus getestet wurde.

Corona steckt Mitte März aber auch im Opernhausorchester: Die Bläsersektion ist praktisch komplett erkrankt. Vorsichtsmassnahmen? Testen? Es wird munter gespielt. Das Tonhalle-Orchester hingegen sagt wegen eines Coronafalls bis 5. April alle Konzerte ab.

13. März Bis auf weiteres sagen praktisch alle Institutionen ihre Vorstellungen ab, da Veranstaltungen mit über 100 Personen verboten werden. Am 18. März erscheint in der NZZ ein Inserat des Luzerner Sinfonieorchesters: «Konzert am 20. Mai.»

«Die Situation ist traumhaft: All das Geschwätz ist weg»

Die Stille hält an. Was nun? Italien ist über die Balkone singend vereint. Doch welches Lied könnte die Schweizerinnen und Schweizer zusammenbringen? «Mues immer de plageti Hansli si»?

Der Schweizer Geiger Sebastien Bohren will nichts von Geplagtsein hören: «Die Situation ist traumhaft: All das Geschwätz ist weg. Corona ist meine Chance, die geigerische Basis für die nächsten 20 Jahre zu legen.»

26. März Verbier, die Nummer zwei im Klassiksommer, sagt das Sommerival ab. Christoph Müller vom Menuhin Festival Gstaad schreibt mir: «Erst wenn es verboten ist, Konzerte im Juli/August zu veranstalten, sagen wir ab.» Und Lucerne-Festival-Intendant Michael Haefliger sagt: «Unser Festival beginnt ein Monat später als Verbier: Wir wissen ja, wie stark sich die Situation in wenigen Wochen verändern kann – bisher zum Schlechten, aber hoffentlich in absehbarer Zeit wieder zum Guten.»
Verbier-Chef Martin Engstroem sagt mir am 4. April:

Wer wird sich im Juli in einen Raum mit 1500 Leuten setzen? Ich nicht. Wie können das Menuhin Festival oder das Lucerne Festival das ignorieren?

«Wer wird sich im Juli in einen Raum mit 1500 Leuten setzen? Ich nicht. Wie können das Menuhin Festival oder das Lucerne Festival das ignorieren?» Es rumort im Betrieb.

Die Stille macht sich breiter. Doch siehe da, am 3. April verwandelt sich der Raum zwischen Haus 5 und Haus 7 in meiner Zürcher Quartierstrasse in ein Theater! Dort spielt eine Cellistin Musik von J. S. Bach. «Soulfood Delivery» (Seelennahrung-Lieferdienst) nennt sich der Service, den guerillaclassics anbietet. Die Gruppe zeigte den hochsubventionierten Kulturinstitutionen vor, wie sie seelenwärmend präsent sein könnten, anstatt uns mit kalten Archivaufnahmen online abzuspeisen. Lehrt uns dieses Virus, dass die Kultur weg von der Monumentalität muss, dass sie in der Kammer wächst?

«Soulfood Delivery» (Seelennahrung-Lieferdienst) nennt sich der Service, den guerillaclassics anbietet.

«Soulfood Delivery» (Seelennahrung-Lieferdienst) nennt sich der Service, den guerillaclassics anbietet.

bez

Am 25. Mai melden die Salzburger Festspiele: Wir finden statt! 90 Vorstellungen an 30 Tagen. Es wird ein Fanal an die Welt: «Spielt! Und passt auf.» Die kleinen Schweizer Alpenfestivals nehmen es sich zu Herzen, Davos, Klosters, Charmey, Andermatt und Engadin bereiteten sich für den Sommer vor, hoffen auf die 300er-Grenze.

6. Juni In der Schweiz sind Veranstaltungen mit bis zu 300 Personen tatsächlich wieder erlaubt, bald sogar mehr. Und so verkündet am 26. Juni auch Lucerne Festival: Vom 14. bis 23.8. wird im KKL vor bis zu 1000 Leuten gespielt. Das Motto ist «Life Is Live».

Das grosse Aufatmen? Das Sinfonieorchester Basel tritt am 18. Juni in Kammerformation auf, und ein Tag später sitze ich in der Tonhalle Maag. So schön da wie dort gespielt wurde: Ich habe Angst, dass die kommenden Konzerte zu Corona-Happenings werden. Dass das Virus die Kunst zu «Klassik light» macht. Viel Engagement wird nun zur Geste. Bisweilen scheint es so, als wäre ein jahrelanger Krieg vorbei.

Am 21. Juni lässt Dirigent Riccardo Muti am Ravenna Festival das schwerkranke Herz Italiens wieder schlagen. Nach der Sinfonie zeigt er auf sein Orchester und sagt sehr bewegt: «Das ist Italien.»

Am 21. Juni lässt Dirigent Riccardo Muti am Ravenna Festival das schwerkranke Herz Italiens wieder schlagen.

Am 21. Juni lässt Dirigent Riccardo Muti am Ravenna Festival das schwerkranke Herz Italiens wieder schlagen.

Silvia Lelli/Ravennafestival

Am 14. Juli startet mein Festspielsommer in Ernen. Am 18. Juli fliege ich ins estnische Pärnu zum Festival von Tonhalle-Chefdirigent Paavo Järvi, höre in vier Tagen vier Konzerte und esse geräucherten Hornhecht. Ein britischer Kollege und ich tragen am Eröffnungsabend als einzige eine Maske. Kaum zu Hause geht’s nach Charmey: Ich erlebe dort ein Barockkonzert-Drive-in. Am 1. August sitze ich im Zug nach Salzburg und weine am Abend vor Glück: 107 Wiener Philharmoniker sind im Orchestergraben und spielen «Elektra». Die Welt spielt Fest. Oder verrückt.

Die Welt trifft sich im August vor dem Festspielhaus in Salzburg: Der Deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender begrüssen den österreichischen Kollegen Alexander Van der Bellen und seine Frau Doris Schmidauer coronagerecht.

Die Welt trifft sich im August vor dem Festspielhaus in Salzburg: Der Deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender begrüssen den österreichischen Kollegen Alexander Van der Bellen und seine Frau Doris Schmidauer coronagerecht.

Gisela Schober / German Select

14. August Die Tonhalle-Gesellschaft Zürich hat sich wie weitere Zürcher Kulturhäuser dazu entschieden, für das Publikum eine Maskenpflicht einzuführen. Wir atmen auf. Am selben Tag startet Lucerne Festival und eine Woche später wird das restaurierte Stadtcasino Basel mit einem Konzertmarathon eröffnet: Am 23.8. bin ich um 11 Uhr in Vitznau bei den Andermatt Classics, um 19.30 Uhr höre ich Schoecks «Elegie» in Basel. Da heisst es:
«O Trost der Welt, du stille Nacht!
Der Tag hat mich so müd gemacht,
Das weite Meer schon dunkelt,
Lass ausruhn mich von Lust und Not,
Bis dass das ewige Morgenrot
Den stillen Wald durchfunkelt.»

Das frisch renovierte Stadtcasino Basel wird in den ersten Tagen und Wochen überrannt: Konzert mit Heinz Holliger.

Das frisch renovierte Stadtcasino Basel wird in den ersten Tagen und Wochen überrannt: Konzert mit Heinz Holliger.

Roland Schmid / BLZ

Mailand gedenkt am 4.9. der Coronatoten mit Verdis «Requiem». Elina Garanca scheint wahrhaft um das ewige Licht für die Toten zu flehen. Danach lachen alle Künstler im «Santa Lucia». Menschen sind allzu menschlich.

Singen für die Toten: Chor und Orchester der Mailänder Scala führen im Duomo Verdis Requiem auf.

Singen für die Toten: Chor und Orchester der Mailänder Scala führen im Duomo Verdis Requiem auf.

Teatro alla Scala

Auch Genf lacht, eröffnet am 14.9. die Opernsaison nicht wie geplant mit «Turandot», sondern mit der kleineren «Cenerentola» (Aschenbrödel). Zürich hingegen spielt wie vor Jahren geplant Boris Godunow – mit Riesenchor und Riesenorchester. Der Klang von Chor und Orchester kommen allerdings via Glasfaser vom Proberaum. Es tönt schrecklich. Muss man sich mit dem lapidaren «Besser als nichts» begnügen?

St. Gallen und Bern füllen ihre Theater weiterhin

Erstaunlich: In Bern und St. Gallen werden die Plätze «dank» Contact-Tracing gefüllt, also sitzen zwischen 579 und 681 Leute im Stadttheater Bern und 500 Leute in St. Gallen in der Ausweichspielstätte. Genf hingegen hat den grössten Ausfall an Plätzen: Gute 800 statt 1500, 900 statt 1100 Plätze kann und will Zürich anbieten, Solothurn und Biel 200 statt fast 300, Basel 520 statt 856, Luzern 320 statt 480. Es wird, ausser in Genf, überall eng.

Egal? Da ein Konzert, dort eine Oper: Der Saisonbeginn verspricht den Frühling. Bereits am 21.10. fahre ich (wieder) nach Mailand, will Anna Netrebkos Arienabend erleben. Es hätte sich auch gelohnt, dafür ans Ende der Welt zu fahren. Vieles geschieht nun (wieder) in der bebenden Stimmung: Es ist das letzte Mal. Auch Mozarts Es-Dur-Sinfonie mit dem Tonhalle-Orchester klingt einen Tag später in Zürich nach Abschied. Die Infektionszahlen steigen rasant. Am 26.10. sehe ich in Genf dennoch eine Janáček-Oper. Am 27.10. eröffnet das Zürcher Kammerorchester die Saison furios.

28. Oktober Veranstaltungen mit mehr als 50 Personen sind nicht mehr erlaubt. Ausgespielt? Droht nun wieder eine Streaming-Flut?

In Solothurn findet am 1.11. die Premiere einer Opernrarität für ein handverlesenes Publikum statt. Die Theater in Basel, St. Gallen und Luzern spielen weiter. Und immerhin: Kammerkonzerte in Luzern und Boswil erfreuen mich, eine Orchesterkonzert-Generalprobe am 1.12. im Luzerner Orchesterhaus begeistert. Auch das Basler Sinfonieorchester gibt nicht auf, und das Theater Basel zeigt am 6.12. eine «Zauberflöte» vor gerade mal 15 Leute.

Zürich spielt am selben Tag fürs TV und die Kritiker Verdi. Ich frage mich: Warum ins Opernhaus sitzen, derweil alle andere Zürcher es nicht dürfen? Am 10.12. höre ich den Klavierkünstler Rafal Blechacz in den «Solidaritätskonzerten» des Luzerner Sinfonieorchester. Mit einem Chopin-Walzer klingt das Kulturjahr aus.

11. Dezember Um 14 Uhr zieht der Bundesrat der Kultur bis Ende Januar 2021 den Stecker, die Tonhalle schliesst gleich bis Ende Februar. Ich poste auf Facebook Haydns «Abschiedssinfonie», schreibe «... und tschüss». Eine Bekannte fragt im Messenger: «Wie ist das gemeint?» Ich schweige, denke aber an die Worte der Nornen in Wagners «Götterdämmerung»: «Weisst du, wie das wird?» Die Szene über das Weltenrätsel endet mit den Versen:
«Zu End‘ ewiges Wissen!
Der Welt melden/ Weise nichts mehr.»

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