Kulturmanifest

Zeigt das Klavierduo Berset & Sommaruga Musikgehör?

Ein Manifest fordert sparten- und kantonsübergreifend Hilfe für die coronageplagten Kulturschaffenden. Ihre Botschaft: «Lasst uns spielen!»

Christian Berzins
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Musikalisch wären sie: Simonetta Sommaruga und Alain Berset.

Musikalisch wären sie: Simonetta Sommaruga und Alain Berset.

Peter Schneider / KEYSTONE

Das Schauspielhaus Zürich schrieb vor Weihnachten einen rührenden Brief an die «liebe Stadt», beteuerte, dass man (so gut es gehe und es erlaubt sei) offen bleiben werde, weil man glaube, dass Kultur ­gerade jetzt wichtig und wertvoll ist, ebenso wie es Menschlichkeit und ­Offenheit seien. Die Basler Kulturinstitutionen taten sich zusammen in «Kulturpartnerschaft.ch» – und da und dort folgte noch ein offener Brief.

Die Schweizer Kulturwelt streichelte die Barrikaden, genoss den Gedanken, gegen die Ungerechtigkeit der Covid-19-Massnahmen der Politik zu protestieren. Kirchenbesuch erlaubt, Konzert verboten? Geht nicht! Und typisch Schweiz: Alles verlief kantonal, ja eher regional. Bis jetzt.

Die Walliser Sopranistin Franziska Heinzen hat nun aber kurz vor Weihnachten zusammen mit der Cellistin Estelle Revaz sowie einigen Persönlichkeiten aus Kultur und Politik ein Manifest geschrieben, das an den Walliser Staatsrat sowie an Bundesratspräsidentin Sommaruga geschickt wurde. Entscheidend: Es ist das erste Papier, das musiksparten- ja kulturspartenübergreifend und kantonsübergreifend ist: Sowohl der Walliser Popstar Stefanie Heinzmann als auch das Tonhalle-Orchester Zürich gehören zu den Unterzeichnenden.

Die Forderungen beziehungsweise die Aussagen auf www.kulturkollektiv.ch sind deutlich. Gleich zuerst heisst es: «1. Raschmögliche und dringende Wiederaufnahme von Covid-19-kompatiblen kulturellen Aktivitäten.» Anders gesagt: Da zu politischen oder religiösen Veranstaltungen aktuell 50 Personen zugelassen sind, müssten auch die Kulturinstitutionen ab sofort wieder spielen dürfen. Weiter fordert man angepasste Entschädigungsstrukturen für die selbstständigen Kulturschaffenden.

Im Manifest wird (einmal mehr und zurecht) darauf hingewiesen, dass das Risiko einer Virusausbreitung in den nach strengen Schutzmassnahmen belegten Kulturinstitutionen nahezu Null beträgt (0,6% gemäss BAG-Zahlen).

Und ebenso deutlich wird im Manifest, das sich an den Bund richtet, darauf hingewiesen, dass die Kultur ein wesentlicher Sektor für die Schweizer Wirtschaft und für die Bevölkerung; machten doch Kulturschaffende 2018 6,3 Prozent der Erwerbstätigen in der Schweiz aus. «Die Wertschöpfung der Kulturwirtschaft betrug dabei 15,2 Milliarden Franken und der Kultursektor machte rund 10,5 Prozent der Unternehmen aus (Angaben des Bundesamt für Statistik).»

Heinzen will nicht die Politik anklagen, aber sie meint, dass die Politiker gar nicht wissen, um was es gehe, welche bösen Folgen der Kultur-Lockdown haben wird. Sie selbst richtete sich im November/Anfang Dezember für Konzerte mit gerade mal zehn Zuschauer eine. Es war ein Versuch.

Aber Heinzen betont auch, dass nun der Moment gekommen sei zu fragen: Was braucht das Publikum? Was die Künstler? «Es gilt vielleicht auch, alte Muster über Bord zu werfen», sagt die Sopranistin. Jedenfalls betont Heinzen fest, dass man nicht vergessen dürfe, welche wohltuende Sache die Kultur gerade in diesen schwierigen Monaten sei: Den Leuten täte es gut, den Geist anderswo zu schärfen, sich mit via Kultur zu erholen.

Heinzen ist guten Mutes, dass die Forderungen auf Gehör stossen, und verweist halb ironisch halb ernst auf zwei Bundesräte, die offen für Kultur seien: Jazzpianist Alain Berset und die klassische Pianistin Simonetta Sommaruga.

Bis jetzt zeigte dieses Duo allerdings wenig Musikgehör.