KUNST: Ai Weiwei lässt sich das Maul nicht verbieten

Ai Weiwei (57) ist ein Superstar der Kunstszene. In Luzern sind neue Arbeiten zu sehen, die er auch als Mittel gegen die Repression der chinesischen Behörden einsetzt.

Kurt Beck
Drucken
Teilen
12. August 2009, Anyi Hotel, Chendgu: Ai Weiwei fotografiert seine Verhaftung mit dem Handy. (Bild: PD)

12. August 2009, Anyi Hotel, Chendgu: Ai Weiwei fotografiert seine Verhaftung mit dem Handy. (Bild: PD)

Kurt Beck

Ai Weiweis Bekanntheitsgrad reicht weit über die internationale Kunstszene hinaus. Der chinesische Künstler und lautstarke Kritiker des chinesischen Regimes wurde wegen seines unerbittlichen Engagements für die Menschenrechte in China global bekannt. Global waren auch die Proteste, als Ai Weiwei 2011 verhaftet und verschleppt wurde. Am 22. Juni 2011 wurde der Künstler unter strengen Auflagen freigelassen. «Er ist nicht mehr unter Hausarrest», erklärt der Luzerner Galerist Urs Meile, der Ai Weiwei vertritt und den Künstler jüngst besucht hat. «Doch sein Pass wurde ihm entzogen, und Anträge auf einen neuen werden ohne Begründung abgelehnt. Er kann nicht ins Ausland reisen, das ärgert ihn gewaltig.»

Kunst als Haltung

In der Galerie Urs Meile in Luzern findet zurzeit eine Ausstellung mit aktuellen Werken des künstlerischen Superstars aus China statt. Es ist bereits die fünfte Präsentation seiner Werke in den Räumen an der Rosenberghöhe. Die aktuelle Ausstellung thematisiert auch seine politische Arbeit. Wobei Künstlerisches und Politisches bei Ai Weiwei nicht in zwei verschiedene Bereiche getrennt sind. «Nachdem ich Duchamps’ Werk gesehen habe, habe ich verstanden, was es bedeutet, ein Künstler zu sein, dass es dabei mehr um den Lebensstil und die Haltung geht als darum, ein Produkt zu produzieren ... es ist eine Art, die Dinge zu sehen», sagt Weiwei.

Ai Weiwei ist ein mutiger Künstler, einer, der sich von Behörden nicht einschüchtern und schon gar nicht den Mund verbieten lässt. Einen Hinweis auf seine Courage gibt das Werk «Illumination», das den Auftakt zur Ausstellung macht. Die grossformatige Fotografie ist ein «Selfie», das den Künstler mit einem befreundeten Rockmusiker und zwei Polizisten in einem Hotellift zeigt. Eigentlich kein dramatisches Setting. Doch die Aufnahme gewinnt an Bedeutung und Brisanz, wenn man erfährt, dass sie am 12. August 2009 morgens um fünf Uhr entstanden ist, als Ai Weiwei und sein Freund in einem Hotel von der Polizei festgenommen wurden.

Ai Weiwei hat die Verhaftung mit seinem Handy fotografiert. Im Bild stehen die beiden Polizisten eher konsterniert und vom Blitzlicht überrascht da. Doch das ändert sich schnell: Ai Weiwei wird bei der Verhaftung verletzt und davon abgehalten, an diesem Tag vor Gericht zu erscheinen, wo er am Prozess gegen den Aktivisten Tan Zuoren aussagen will.

Erleuchtung für wen?

Das Bild ist ein Dokument, doch mit dem Titel «Illumination», Erleuchtung, gewinnt es inhaltlich an provokativer Bedeutung und künstlerischer Relevanz. Es stellt die Frage, wer denn hier erleuchtet wird. Bringt das Bild die repressiven Machenschaften des Regimes ans Licht? Ist es der Künstler selbst, der erleuchtet wird, oder soll das Licht den Betrachter erleuchten? Die Antwort bleibt offen. Doch bildgeschichtlich erinnert «Illumination» mit dem auratischen Blitzlicht über dem Kopf des Künstlers an mittelalterliche Erscheinungen des Heiligen Geistes.

Kamera aus Marmor

Ein zweites Beispiel, wie sich Ai Weiwei in seiner künstlerischen Arbeit mit den behördlichen Schikanen auseinandersetzt, ist ebenfalls in der Austellung vertreten: eine Überwachungskamera in Originalgrösse, aus weissem Marmor geschnitten. Die Marmorkamera ist jenen nachgebildet, die vor dem Atelier des Künstlers in Peking installiert sind und das Gelände überwachen. Ai Weiwei hat die Kameras mit roten Lampions geschmückt, damit sie auch kein Besucher übersehen kann.

Die ironische Materialwahl Marmor ist zwar kostbar, doch gänzlich filmuntauglich – ist auch ein Seitenhieb auf die Vergeblichkeit der behördlichen Bemühungen. Denn der Künstler unterläuft die offizielle Überwachung, indem er täglich Bilder auf Instagram online stellt, auf denen jeder auch ohne Überwachungskamera sehen kann, was der Künstler tut, wen er trifft, was er isst und wohin er geht.

Traditionelle Technik

So sehr sich der Künstler mit den politischen Inhalten auseinandersetzt, so intensiv arbeitet er auch an formalen, ästhetischen Fragestellungen. Beispiel dafür sind die vier «Sugar Pills», die ebenfalls in der Ausstellung gezeigt werden. Den geometrisch anmutenden Holzkonstruktionen scheinen komplizierte mathematische Berechnungen zu Grunde zu liegen. Doch die exakt gefügten, in der über 500 Jahre alten, traditionellen Handwerkstechnik der Mingzeit gefertigten Holzkonstruktionen sind frei erfundene und intuitiv gefundene Formen und wurden aus dem Holz des chinesischen Lebensbaums zusammengebaut.

Das Zusammenspiel von technischen Berechnungen und freiem Design, von Technizität und Poesie prägt auch das Olympiastadion in Peking (330 Meter lang, 220 Meter breit und 69,2 Meter hoch), das von den Schweizer Architekten Herzog & De Meuron für die Sommerspiele 2008 entworfen wurde und bei dessen Gestaltung Ai Weiwei als künstlerischer Berater und kultureller Übersetzer mitwirkte. In der Ausstellung dokumentiert eine Fotoserie von Ai Weiwei die verschiedenen Bauphasen des vogelnestartigen Stadions, das unter dem Namen «Bird’s Nest» bekannt ist. Die Fotos machen nicht nur die Komplexität, die aufwendige und technisch anspruchsvolle Erstellung des Bauwerks sichtbar. Sie sind Beispiele von herausragender Architekturfotografie, die den Geist und die Atmosphäre dieser gigantischen und doch organisch wirkenden Architektur in eindrücklichen Bildern wiedergibt.

Enttäuschte Hoffnung

Mut, Stärke und Freiheit drückte für Ai Weiwei das «Bird’s Nest» aus. Es stand auch für die Hoffnung, dass die Olympischen Spiele China eine weitere Öffnung und mehr Gerechtigkeit bringen würden. Die Hoffnung des Künstlers wurde allerdings enttäuscht.

Hinweis

Galerie Urs Meile, Rosenberghöhe, 4, Luzern. DiFr 10–18 Uhr. Bis 17. Januar. www.galerieursmeile.com