Ein Sommervergnügen: Kunst an der frischen Luft

Im Bergell weitet zeitgenössische Kunst den Blick für die Landschaft wie für die Geschichte. Das gefällt nicht nur den Touristen.

Deborah Keller
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Tor, Berg oder illusionistisch gezeichnetes Fantasiegebäude? Raumzeichnung aus Metall von Alex Dorici.

Tor, Berg oder illusionistisch gezeichnetes Fantasiegebäude? Raumzeichnung aus Metall von Alex Dorici.

Yanik Bürkli

Erstaunlich wendig nimmt das Postauto die Serpentinenstrasse in Angriff, die südwestlich von Maloja den Passabstieg ankündigt – als es sich plötzlich vor uns öffnet: das Bergell. Das Alpental mit seinen dichten Wäldern, imposanten Felsformationen und pittoresken Dörfern, die von südlichem Flair und historischem Erbe geprägt sind, ist eine Augenweide. Einen kurzen Moment lang fragt man sich: Welche Rolle kann zeitgenössische Kunst in solcher Umgebung spielen? Denn Ziel unserer Reise ist die Biennale Bregaglia, die seit Anfang Juli in Promotogno, rund um die Kirche Nossa Dona und die mittelalterlichen Ruinen von Lan Müraia, Gegenwartskunst präsentiert.

Kunst hat in diesem Tal eine lange Tradition

Das sommerliche Kunstereignis findet dieses Jahr zum ersten Mal unter diesem Namen statt, steht aber in einer Reihe hochkarätiger Ausstellungen, die der Churer Galerist und Kurator Luciano Fasciati hier zunächst auf eigene Faust, ab 2012 dann mit dem Verein Progetti d’Arte in Val Bregaglia realisiert hat. Das Hotel Bregaglia in Promotogno, in dem der wörtlich bröckelnde Charme des Fin de Siècle dominiert, machte Fasciati ebenso zum temporären Ort der Kunst wie den Palazzo Castelmur in Coltura. Mit der «Arte Albigna» erschloss der Verein 2017 erstmals die Landschaft der Region mit Kunst. Und im Grenzort Castasegna bespielte man 2018 sowohl den öffentlichen Raum als auch einzelne Gebäude. Zahlreiche nationale und einige internationale Kunstschaffende waren, teils mehrfach, an den Projekten beteiligt – Hans Danuser, Zilla Leutenegger, Pipilotti Rist oder Jules Spinatsch, um nur wenige zu nennen. Und nun hat man also für das Tal eine Kunstbiennale lanciert.

«Kunstgeschichte» ist dem Bergell durchaus schon eingeschrieben: Die Giacomettis stammen aus Stampa, und Giovanni Segantini fand in und um Maloja seine Wahlheimat und Inspiration. Dennoch ist die Frage legitim, ob es hier – wie in diversen anderen Bergregionen, in denen seit einigen Jahren Freilichtausstellungen wie Pilze aus dem Boden spriessen – zeitgenössische Kunst braucht. Die Bergeller Bevölkerung hat darauf in einer Volksabstimmung 2019 klar mit Ja geantwortet und damit finanzielle Unterstützung durch die Gemeinde für vorerst drei Biennale-Ausgaben bestätigt. Es ist ein Bekenntnis zum Potenzial, das ein solches Projekt auch für die Region bietet.

Neuer Blick auf die Region

Dieses Potenzial äussert sich für das Publikum in der Wechselwirkung zwischen Landschaft und Kunst sowie darin, wie man sich gemeinsam mit der Kunst auch einen Ort aneignet: Angekommen bei der Station Promotogno Posta nimmt man den knapp fünfzehnminütigen Marsch empor zum Felshügel mit der Kirche Nossa Dona und der Burgruine in Angriff.

Malerische Kulisse in Promotogno.

Malerische Kulisse in Promotogno.

Yanik Bürkli

Eine erste Überraschung bildet bei der ehemaligen Talsperre Lan Müraia die saftig rote, dreidimensionale Linienzeichnung, die der Luganeser Alex Dorici (*1979) über den historischen Mauerdurchgang gespannt hat – sie ist Brücke, Triumphbogen, Reminiszenz an die umliegenden Bergwipfel und an vergangene Zeiten in einem. Weiter oben am Hang beglücken auf einem moosigen Plateau zwischen den Bäumen die amorph aufragenden Keramikskulpturen von Selina Baumann (*1988), die wie Waldwesen aus einem Märchenland oder einer nachmenschlichen Zukunft anmuten.

Mensch, Waldgeist oder Nymphe? Keramikskulpturen von Selina Baumann.

Mensch, Waldgeist oder Nymphe? Keramikskulpturen von Selina Baumann.

Yanik Bürkli

Im schlichten Innenraum der kleinen, orgellosen Kirche schliesslich klingt in Sonja Feldmeiers (*1965) Hybrid aus überdimensionierter Flöte und entwurzeltem Baum die Durchdringung von Natur und Kultur an. Und besonders deutlich eröffnet der Beitrag von Roman Signer (*1938) neue Perspektiven auf Althergebrachtes: Seine feinsinnig poetische Intervention im Inneren des zerfallenden Wohnturms neben der Kirche wird erst sichtbar nach Erklimmen einer von ihm eigens errichteten hölzernen Treppe, die auch spektakuläre Ein- und Weitblicke in ansonsten unzugängliches Terrain ermöglicht.

Was versteckt sich im Turm? Roman Signer baut eine Treppe und sorgt so für Ein- und Weitblick.

Was versteckt sich im Turm? Roman Signer baut eine Treppe und sorgt so für Ein- und Weitblick.

Yanik Bürkli

Diese und weitere sechs Werke auf dem Gelände lassen sich dank Prospekt und Audioguide gut alleine erkunden. Geführte Rundgänge, historisch-thematische Touren und Künstlergespräche bieten Vertiefung. Wenn man sich dann abends in einem Grotto über das Gesehene austauscht, bei herzhafter Speise und einem feinen Tropfen, verbindet sich der Kunstgenuss endgültig mit der Lust auf dieses besondere Tal, und man folgert: Ja, Kunst am Berg erschafft Sinn(e).

Biennale Bregaglia. Ausstellung in Promotogno bis 27.9. https://biennale-bregaglia.ch

Weitere Kunst an der frischen Luft

Nicht nur im Bergell sorgen Galeristinnen und Amtsstellen, Kunstinteressierte Dorfvereine oder Land-Art-Enthusiasten für Kunst an der frischen Luft. Vier Tipps:

Kunst auf der Alp

«ctrl + s (prekäre Stellen)» von frölicher /bietenhader.

«ctrl + s (prekäre Stellen)» von frölicher /bietenhader.

Micha Bietenhader

Das bündnerische Safiental bietet Wandern, Bikerinnen und (teilweise auch) Motorisierten ein lohnendes Berg- und Kunsterlebnis. Das Thema «Analog-Digital» ist topaktuell, die Kunst sorgfältig ausgewählt. (sa)
Art Safiental: Bis 1. November

Kunst im Dorfpark

Die malerische «Schwebende» von Anja Luithle.

Die malerische «Schwebende» von Anja Luithle.

Laurent Gillieron / KEYSTONE

Seit 1981 organisiert ein Verein im Waadtländer Dorf Bex (berühmt wegen der Salzmine im Rhonetal) im Parc de Szilassy alle drei Jahre eine aktuelle Skulpturenausstellung. Thema 2020: «Industria». (sa)
Bex & Arts: Bis 18. Oktober

Kunst im Privatgarten

«Die Verweildauer sollte immer noch eingehalten werden» von Michael Brentano.

«Die Verweildauer sollte immer noch eingehalten werden» von Michael Brentano.

Maja Von Meiss / Maja von Meiss

Sie ist Galeristin mit Leidenschaft und besitzt einen riesigen Garten im Weiertal bei Winterthur. Maja von Meiss. Sie organisiert seit Jahren jeden Sommer eine Skulpturenausstellung. «Alles im grünen Bereich?», fragen die 37 Künstlerinnen und Künstler dieses Jahr. Bei den Beinen von Michael Brentanos Reh scheint allerdings einiges im roten Bereich. (sa)
Kulturort Weiertal: Bis 13. September