Installation im Maihof: Kunst bei Sonne, Wind und Wetter

Für die Installation auf dem MaiHof-Kirchenplatz liess sich Vera Staub von der Bibel inspirieren.

Pirmin Bossart
Hören
Drucken
Teilen
Vera Staub hat für die Installation «daZWISCHen» und mit Hilfe des Kammerchors Luzern rund 100 Meter Schläuche gestrickt.

Vera Staub hat für die Installation «daZWISCHen» und mit Hilfe des Kammerchors Luzern rund 100 Meter Schläuche gestrickt.

Bild: Patrick Hürlimann (Luzern, 17. März 2020)

Zwischen dem Turm der Maihofkirche und dem Kirchensaal schweben lange Schläuche. Sie sind von Hand gestrickt und leuchten in verschiedenen Rottönen. Beim Stricken haben die Frauen vom Kammerchor Luzern kräftig mitgeholfen und zusammen mit der Künstlerin Vera Staub rund 100 Meter Schläuche gefertigt. Einer der Schläuche hängt aus der Rückseite des Kirchensaals wie ein Rettungsseil herunter. Die textile Installation «daZWISCHen» ist bis Pfingsten 2020 zu sehen.

Auch diese jüngste Arbeit von Vera Staub ist, wie ihre früheren Werke, in ihrem tiefen Grund von der Bibel inspiriert. Die Künstlerin assoziiert mit den schwebenden Schläuchen die Wolkensäule, die dem Volk Israel auf der Flucht nach Ägypten durch die Wüste den Weg gezeigt hat. «Die Wolke begleitet die Menschen als Wegweiser und Zeichen der Gottesnähe.» Die rote Farbe steht für Leben, für «die von Gott geschenkte Energie». Und an Pfingsten werden die Schläuche zu den roten Zungen, die den Menschen vom Himmel erscheinen.

Reminiszenz an Rahab aus Jericho

Beim herunterbaumelnden Seil fühlt sich die Künstlerin an die Geschichte von Rahab erinnert: Die Prostituierte aus Jericho rettete zwei hebräische Kundschafter mittels eines roten Seils und handelte sich dafür ihre Rettung bei der Eroberung ein. So ist das rote Seil Zeichen der Verschonung, aber auch Symbol für eine von der Gesellschaft geächtete Frau, die Initiative ergreift und dank Mut und Dreistigkeit gerettet wird. «Rahab ist eine der ganz wenigen Frauen, die im Stammbau Jesu erwähnt wird», sagt Vera Staub.

Schon 2011 hatte Vera Staub in der Kirche St.Josef, MaiHof Luzern, eine Installation realisiert, die sie «Biblionen» nannte. Damals überraschte sie die Besucher am Palmsonntag, am Karfreitag und an anderen Festtagen mit herausfordernden Werken aus verschiedensten Materialien. Die aktuelle Installation «daZWISCHen» versteht sie als eine Weiterführung dieser Werkphase. Mit ihrer Wortschöpfung «Biblionen» bezeichnet die Künstlerin «meditative Installationen», die auf grundlegenden Aussagen der Bibel basieren.

2017 erschien ihr Buch «Biblionen. Eine Kunstaktion zur flüchtigen Ewigkeit», in dem sie 30 Werke vorstellte: Zeichnungen und skulpturale Werke, denen sie eine bestimmte Textstelle aus der Bibel zuordnete. Darin treten Bild und Wort in Dialog, prallen aufeinander, erhellen neue Zusammenhänge. «In jedem Fall, in Zustimmung und Ablehnung, wird der Betrachter ins Nachdenken kommen, was die Titel und Figuren ihm zu sagen haben, denn es sind Themen, die er kennt und über die sich immer wieder nachzusinnen lohnt», schrieb der Theologe Eugen Drewermann in einem Text dazu. Der christliche Bezug in ihren Werken kommt nicht von ungefähr. «Ich bin streng reformiert erzogen worden», sagt Staub. Das machte sie nicht zu einer Frömmlerin, sondern zu einer Kämpferin, die ihren eigenen Weg suchen musste. Das biblische Grundwissen hat sie seit Kindheit intus. «Aber erst mit der Bibelübersetzung von Eugen Drewermann habe ich einen Zugang erhalten, mit dem ich meine christliche Grundhaltung neu leben konnte.»

Die gebürtige Ostschweizerin, die ihre Kindheit in Mexiko verbrachte und später als Lehrerin arbeitete, versteht sich seit 1989 als bildende Künstlerin. Am Anfang ihres künstlerischen Weges war das Arbeiten mit Steinen. Mit den «Zoccilonen» schuf sie verschiedene, teils bearbeitete Steinfragmente und fügte sie über Jahre an verschiedenen Orten neu zusammen. 2008 reiste sie mit einem Zirkuswagen von Stadt zu Stadt. Teil dieser mobilen Kunstinstallation war ein «schwangerer Sarg» aus Stein, mit dem sie inmitten der Betriebsamkeit des Alltags an die Sterblichkeit erinnerte. Sie sagt: «Die Auseinandersetzung mit dem Tod ist immer auch eine Auseinandersetzung mit dem Leben, mit der Lebensgestaltung und der Frage nach dem Sinn des Lebens.»

Vom Ende her denken

Neben der Steinbildhauerei gehören Installationen, Zeichnungen und Performances zu ihren Ausdrucksmitteln, mit denen sie ihre existenziellen Fragen verarbeitet. Aber zuallererst ist Vera Staub eine Macherin. All das, was ein Kunstwerk bedeuten könnte, kommt bei ihr erst am Ende des ganzen Herstellungsprozesses. Sie lacht. «Ich arbeite eigentlich rückwärts. Wenn ich beginne, habe ich kein Konzept, keine Skizzen. Diese kommen erst am Schluss.»

Sie habe auch Mühe, ihre Kunst erklären zu müssen, sagt sie. Die Künstlerin ist ein «Prozessmensch», der sich beim Machen und Gestalten immer wieder neu findet und sich führen lässt, bis es stimmt. Und damit bringt Staub auch die existenziellen Befindlichkeiten, die sie seit jeher heimsuchen, in immer wieder neuen Transformationen zum Ausdruck.

Seit einigen Jahren arbeitet sie im «KunstHaus Vera Staub» in Göschenen, macht Workshops und Ausstellungen. Im gleichen Haus ist die Museumsfabrik Zweigstelle Gotthard beheimatet. Sie wird von ihrem Partner Kilian T. Elsasser geführt, der sich für den Erhalt und die Nutzung der Verkehrslandschaft Gotthard mit der einzigartigen Bergstrecke einsetzt. Seitdem sind Gott und Gotthard unter einem Dach.

Die Installation «DaZWISCHen» von Vera Staub im MaiHof Luzern ist ab sofort im Freien zu besichtigen. Sie ist noch bis an Pfingsten aufgehängt. Eine Infotafel ist vor Ort. www.verastaub.ch