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KUNST: Die Frau mit dem Gen für Kunst

Yvonne Merz (68) verliebte sich als Fünfjährige in Briefmarken und sammelt nun Kunst. Zum Beispiel besitzt sie achtzig Erni-Bilder. Jetzt ist ihre Sammlung zum ersten Mal öffentlich zu sehen.
Julia Stephan
Yvonne Merz in ihrer Luzerner Stadtwohnung. Kahle Wände kennt die Kunstsammlerin nicht. (Bild Pius Amrein)

Yvonne Merz in ihrer Luzerner Stadtwohnung. Kahle Wände kennt die Kunstsammlerin nicht. (Bild Pius Amrein)

Julia Stephan

Zwei Lieferwagenladungen hat es gebraucht, um die Hälfte dieser umfangreichen Privatsammlung mit vorwiegend Innerschweizer Kunst in die Kunsthalle Luzern zu verfrachten. Und trotzdem wähnt man sich bei Yvonne Merz in einem Museum mit Platzproblem. Keiner der grosszügigen Räume ihrer in Bahnhofsnähe gelegenen Luzerner Wohnung ist frei von Bildern. Die Rückwand ihrer Küche ziert wie beiläufig eine ornamentale Hinterglasmalerei von Claude Sandoz, auf der Abzugshaube thront ein Papierelefant des Luzerner Origami-Künstlers Sipho Mabona, und eine ihrer eigenen Skizzen hat sie diskret hinter ein Blechthermometer geklemmt.

Kunst bei Freundin einquartiert

Selbst an so unrepräsentativen Orten wie dem Bad oder über der Waschmaschine hört die repräsentative Funktion ihrer Wände nicht auf. Dabei hat Yvonne Merz schon längst die Hälfte ihrer Werke ausgelagert. Eine Freundin wird von ihr seit Jahren mit Bildern versorgt. Doch auch die weiss inzwischen kaum noch wohin mit der Kunst.

Kunst und Alltag stecken bei Yvonne Merz in denselben Schuhen, nicht nur räumlich. Auch an den Linien ihrer Biografie lässt sich das ablesen. «Für mich gehts nicht ums Horten, ich kann die Dinge, wenn ich sie eine Zeit lang besitze, auch wieder loslassen», sagt die ausgewiesene Briefmarkenexpertin, die Artikel in Fachzeitschriften veröffentlicht, ihre wertvolle Briefmarkensammlung nach 50 Jahren aber dennoch ohne Wehmut verkaufen konnte.

Denn für Merz bleiben die Dinge, mit denen sie sich umgibt, beweglich. Ebenso sind es ihre Interessen. Bis heute regiert sie neugierig auf Neuerungen in der Briefmarkenszene. Beim Hausbesuch in ihrer Wohnung lodert beim Durchblättern aufgedruckter Firmenbriefmarken ihre alte Sammelleidenschaft wieder auf.

Mit ihrer bescheidenen Art und ihrer Vergangenheit, die eine dicke Biografie hergeben würde, entspricht die 68-Jährige so gar nicht dem Klischee einer gut situierten Sammlerin, die sich ihre erlesenen Exponate zu Repräsentationszwecken ins Wohnzimmer hängt. Und das, obwohl sich in ihrer Sammlung so wohlklingende Namen wie Hans Erni, Dieter Roth, Godi Hirschi, Ernst Schurtenberger, Aldo Walker oder Rolf Winnewisser befinden.

Merz tickt da anders. Fast möchte man sagen: pragmatischer. Ihre Le-Corbusier-Möbel hat sie mit Wolldecken verhüllt, damit Mutzli keinen Schaden anrichtet. Die Katze einer Zeitungsabonnentin begleitete Merz während dreier Jahre regelmässig beim Austragen der «Neuen Luzerner Zeitung». Inzwischen hat sie das Tier adoptiert.

Die Zeitungsbotengänge sind nur einer von vielen Nebenjobs, über die Merz in den vergangenen Jahrzehnten den Draht zu ortsansässigen Künstlern gefunden hat. «Der verstorbene Hans Schärer hat mir über den Gartenzaun die eine oder andere Postkartenskizze zugesteckt, andere hat er mir geschickt», erzählt sie. Darunter auch Katzenskizzen, die er Merz persönlich gewidmet hat. Mit dem 2013 verstorbenen Peter Dietschy besuchte sie regelmässig Kunstausstellungen. Mit Claude Sandoz ist sie bis heute eng befreundet. Kein Wunder, sind in der Luzerner Kunsthalle derzeit neben den Werken auch viele persönliche Korrespondenzen zwischen Merz und ihren Künstlern ausgestellt.

Kaiserliche Post

Das Kunst-Gen muss Merz von ihrer Familie geerbt haben, in der viel gemalt und musiziert wurde. Ihr Grossvater ­hatte dem deutschen Maler Ernst Ludwig Kirchner in Davos noch persönlich das Brot vorbeigebracht, und auch Merz’ eigene Tochter ist heute Malerin. Sie selber war Tochter einer Industriellen- und Hotelierfamilie und durfte als Mädchen die letzte österreichische Kaiserin Zita von Bourbon-Parma noch persönlich kennen lernen. Eine von der Kaiserin an sie gerichtete Postkarte mit einem huldvollen «Gott segne Sie» befindet sich in der Merz’schen Sammlung.

Eigentlich hätte sie das familieneigene Hotel im Appenzellischen übernehmen sollen. Doch Anfang der 1970er stand man in der Schweiz einer weiblichen Direktrice noch kritisch gegenüber. Nach einer Ausbildung zur hauswirtschaftlichen Betriebsleiterin im Kloster Baldegg stellte Merz in wechselnden Berufen unter Beweis, dass sie der Rolle gewachsen gewesen wäre. Ihre Karriere führte sie ans Luzerner Kantonsspital, ans Zürcher Kinderspital, sie leitete das Studentenheim Alpenquai und auch das Altersheim Wesemlin. Sie engagierte sich in einem Zürcher Frauenhaus, absolvierte eine Ausbildung zur Gymnastiklehrerin, gab zeitweilig auch Gehörlosen Unterricht und leistete in Malters mit einer Berufskollegin feministische Pionierarbeit, als sie in den 1970ern die Jungen zum Hauswirtschaftsunterricht verpflichtete.

Rückblickend scheinen die Jobs ihr immer neue Türen zur Kunst geöffnet zu haben. Als Serviertochter im Luzerner Restaurant Barbatti lernte die kontaktfreudige Frau Presseleute kennen, denen sie «bildschöne» Druckplatten abkaufte, und sie traf auf Künstler wie den Architekten Werner Hunziker. Der baute Yvonne Merz und ihrem damaligen Partner in den 1980ern in Sempach das so genannte «Blaue Haus». Ursprünglich hatte Merz dafür Stararchitekt Mario Botta verpflichten wollen – doch der konnte sich schon damals vor Aufträgen kaum retten. Hunzikers schiffähnliches Gebäude machte in den Architekturzeitschriften Europas Furore.

Waghalsiger Kunsttransport mit 2 CV

Der Zufall wollte es, dass der Künstler Aldo Walker, der vor seiner Künstlerkarriere als Stromer arbeitete, auf der Sempacher Baustelle die elektrischen Anlagen installierte. Merz konnte Walker, der damals schon malte, zu einer Auftragsarbeit überzeugen. Doch weder das ­gewünschte Kleinformat noch die bestellte Farbwahl überzeugten den Künstler ganz. «Da sagte ich zu ihm: ‹Herr Walker, machen Sie es so, wie Sie es für gut befinden›», erinnert sich Merz. Drei Monate später überreichte Walker ihr ein 1,40 mal 1,40 Meter grosses Bild. Unmöglich hätte es in ihren 2 CV reingepasst. «Wir mussten es aufs Dach schnüren. Walker sagte zu mir: ‹Gell, Sie fahren langsam.› Also bin ich mit 20 Stundenkilometern von Walkers Atelier bis nach Sempach gefahren.»

Über so viele Anekdoten könnte man fast vergessen, dass Merz’ Sammelleidenschaft eigentlich mit Briefmarken begann. Eine Nonne hatte sie als Fünfjährige zu dieser Leidenschaft hingeführt. Anfänglich zur Aufbesserung des Taschengeldes betrieben, wurde daraus eine jahrzehntelange Beschäftigung. Die vielen von Künstlern geschaffenen Briefmarken­sujets sollten Yvonne Merz’ Horizont Jahrzehnte später für die Kunst erweitern. «Hans Erni hat weltweit die meisten Briefmarkensujets gefertigt», sagt sie. Heute besitzt Merz rund achtzig seiner Werke. Eines ihrer ersten erstand sie als Schnäppchen für 700 Franken. Das ­brachte ihr – aufgefrischt – Jahre später bei einer Auktion 13 000 Franken ein.

Schafhandel mit Rolf Brem

Die Geschichte bürgt für Merz’ untrüglichen Sammlerinstinkt, der sie bis ­heute auf Flohmärkte und in Brockenhäuser ausschwärmen lässt, wo man vor dem Internetzeitalter noch auf Kunstschätze stossen konnte, da «die Brockibetreiber von der Provenienz der Werke oft nichts wussten». Dort traf Merz auch regelmässig den verstorbenen Rolf Brem an.

«Eines Tages ging ich mit einer Schafsfigur in Brems Atelier und fragte ihn, ob die von ihm sei», erinnert sie sich. «Brem verneinte, und ich betrachtete im Atelier die vielen Schafe, die alle etwas wohlgenährter aussahen als meine Figur.» Merz kaufte Brem den Prototyp für die bekannte Skulptur vor dem Luzerner Stadttheater ab, den zugehörigen Schäfer lehnte sie dankend ab. Brem soll schmunzelnd erwidert haben: «Für den Hirten finde ich schon noch andere Schafe.»

Anfang der 1990er-Jahre wollte Merz herausfinden, «wie es ist, ohne festen Lohn zu arbeiten». Auch wenn sie damals noch nicht aktiv Kunst sammelte, kommt es einem so vor, als hätte sie sich schon da in die Lebenswirklichkeit ihrer Künstler hineinversetzen wollen, von denen nicht wenige am existenziellen Minimum arbeiten. Merz kaufte das Geschäft «Rarités et Brocante» am Bundesplatz vom Feuerkünstler Didian Fräcks ab, stieg ins Antiquitätengeschäft ein und fasste auch dort Fuss.

Schwäche für alte Feueranzünder

Spuren dieser Tätigkeit findet man in ihrer Wohnung. Dort stapeln sich altmodische Feueranzünder aus der ganzen Welt. «Dass man da noch jede Handfertigkeit sieht, fasziniert mich», sagt Merz, die auch Besitzerin eines Modellautos und eines voll funktionsfähigen Ventilators aus den 1950er-Jahren ist.

Sollte die aktive Frau einst im Altersheim landen, steht für sie bereits fest: «Der grosse und der kleine Aldo Walker kommen mit.» Und sollte die Altersheimleitung ihr das grosse Bild im Zimmer verbieten, hat Merz bereits eine pragmatische Lösung parat: «Dann wirds einfach in den Gang gehängt.»

Hinweis

«Unbekannte Bekannte» – Werke aus der Privatsammlung von Yvonne Merz: Kunsthalle Luzern, bis 16. September. Morgen Sonntag um 14.00 Uhr Führung. Publikation zur Ausstellung ist zu kaufen. Infos: www.kunsthalle-luzern.ch

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