KUNST: Die Nachwuchsschmiede von St. Urban

In St. Urban erlernen internationale Kunststudenten vom Unternehmer Heinz Aeschlimann die Kunst des Betongiessens. Ein Besuch im Privatmuseum Artpavillon St. Urban, das besser mit chinesischen Kulturinstitutionen vernetzt ist als mit dem heimischen Kunstbetrieb.

Julia Stephan
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Stipendiatin Shine Yangzi mit ihren in St. Urban geschaffenen Arbeiten. (Bild: Nadia Schärli (St. Urban, 31. 5. 2017))

Stipendiatin Shine Yangzi mit ihren in St. Urban geschaffenen Arbeiten. (Bild: Nadia Schärli (St. Urban, 31. 5. 2017))

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

«Er ist verrückt», sagt Shine Yangzi und lacht. Die zierliche Chinesin steckt von Kopf bis Fuss in einem Blaumann und führt den Besuch durchs Atelier in einer ehemaligen Autogarage in Roggliswil. Für verrückt erklärt hat die junge Kunststudentin aus China den Zofinger Unternehmer und Plastiker Heinz Aeschlimann. Den kennt man in der Schweiz für seinen Unternehmergeist, seine ausgeklügelten Beton-Gussasphalt-Mischungen, und seine inzwischen verkaufte Firma, die international tätige Strassen- und Asphalt-Unternehmen Aeschlimann AG.

Mitte der 2000er-Jahre übernahm das Ehepaar Aeschlimann vom Kanton Luzern den ehemaligen Männertrakt der Psychiatrie St. Urban. Heinz Aeschlimann und seine Frau Gertrud, beide ohne akademische Kunstausbildung, aber beide begeisterte Amateure, verwandelten das heruntergekommene Gebäude in ein privates Kunstmuseum und in ein Atelier für junge Künstler in Ausbildung aus dem Ausland. Eine ehemalige Autogarage in Roggliswil wurde zum Grossatelier umfunktioniert. Inzwischen hat man auch die ehemalige Orangerie angemietet. Für den Klostergarten, in dem sich ein Skulpturenpark befindet, besitzt man Nutzungsrecht. Und auch andere Räumlichkeiten des ehemaligen Zisterzienserklosters werden regelmässig bespielt.

Ausstellungsboden aus geschliffenem Gussasphalt

Die Spuren der Vergangenheit sind dem Artpavillon St. Urban, der sich fürs Ausland Museum of Contemporary Art St. Urban nennt, anzusehen. In die Holztüren zu den ehemaligen Isolierzellen haben sich einst die Zähne verzweifelter Patienten gebohrt, auf den Holzdielen klebte vorm Umbau Blut. Von dem ist nichts mehr zu sehen, seit Heinz Aeschlimann den Boden der geschmackvoll gestalteten Ausstellungsräume mit geschliffenem Gussasphalt überzogen hat.

Das Haus beherbergt neben Aeschlimanns Plastiken Arbeiten von vielen Künstlern, die wie Aeschlimann selbst auch unternehmerisch tätig sind. Neben diesen qualitativ schwer einzuschätzenden Arbeiten befinden sich in St. Urban aber auch die von arrivierten Künstlern. Carole Feuerman etwa, die gerade auch wieder an der Biennale Venedig ausstellt, hat für den Waschraum der ehemaligen Männerpsychiatrie einige ihrer hyperrealen Skulpturen gefertigt. Auch Arbeiten der kürzlich verstorbenen polnischen Bildhauerin und Textilkünstlerin Magdalena Abakanowicz oder solche von einem der Pioniere der Land Art, Dennis Oppenheim, sind vertreten.

Shine Yangzi steht noch am Anfang ihrer Karriere. Sie ist die 57. Stipendiatin des sechs- bis achtwöchigen Ausbildungsprogrammes, das die Aeschlimanns seit 14 Jahren für junge Künstler aus dem Ausland anbieten. Heinz Aeschlimann bringt ihr bei, was er als gelernter Bauingenieur aus seinem Beruf bestens kennt und was Shine Yangzi bei ihrem Kunststudium an der Universität in der 4-Millionen-Stadt Chongqing vermisst: Asphalt kochen, schweissen, schleifen, Guss­asphalt herstellen.

Künstler mit Unternehmerhintergrund

Ausgewählt werden die Stipendiaten aus den Finalisten des «Outstanding Student Achievement Award». Vergeben wird er vom International Sculpture Center. Gertrud Aeschlimann kümmert sich dort sieben Jahre um die internationalen Angelegenheiten in dieser Non-Profit-Organisation mit Sitz in den USA, welche die Aeschlimanns auch als Donatoren unterstützen. Dass die Aeschlimanns die Institution in ihrer Öffentlichkeitsarbeit als «bedeutendste Organisation für Skulptur» weltweit anpreisen, ist jedoch mit Vorsicht zu geniessen. Zumindest aus einem europäischen Blickwinkel spielt sie auf dem internationalen Kunstmarkt keine bedeutsame Rolle. Auch deshalb lässt sich die Qualität der Finalisten, die weltweit von den Fakultäten verschiedener Universitäten ausgewählt werden, nur schwer einschätzen.

Seit Jahren sind die Aeschlimanns mit der chinesischen Kunstelite eng verzahnt, weshalb man am Standort St. Urban auch Ausstellungen mit zeitgenössischen chinesischen Künstlern zeigt. Heinz Aeschlimann ist auch als Unternehmer in China tätig. Als Consultant beteiligt er sich am Bau der weltweit grössten Brücke zwischen Hongkong und Macao. Tonnenweise Material wurde 2014 im Rahmen der Ausstellung «A Passage to the Alps» auch in den Skulpturenpark verlagert. Es handelte sich dabei um Skulpturen des chinesischen Künstlers Zeng Chenggang. Als Präsident des chinesischen Bildhauerinstituts geniesst er anders als staatskritischere Zeitgenossen wie etwa Ai Weiwei in China hohes Ansehen.

Das chinesische Kulturministerium und die chinesische Botschaft trugen die Ausstellung finanziell mit. Dass Chenggangs Statuen nicht überall mit derselben Freude aufgenommen werden wie in St. Urban, zeigt der Fall Wuppertal. Dort sorgte Chenggangs Friedrich-Engels-Statue vor einigen Jahren für rote Köpfe. Der chinesische Staat hatte die Skulptur der Geburtsstadt von Engels geschenkt. Im Vorfeld waren viele Bürger deshalb auf die Barrikaden gegangen.

Zusammenarbeit mit der Art Basel

Dass man sich in St. Urban sehr aktiv um den Anschluss an die hiesige Kunstwelt bemüht, zeigt die Zusammenarbeit mit der Art Basel im vergangenen Jahr. Mit einem Shuttlebus wurden die Gäste der Art nach St. Urban chauffiert. Dort präsentierte man elf zeitgenössische chinesische Gegenwartskünstler in Zusammenarbeit mit der Galerie Shanghart. Als prominenten Namen lud man den Luzerner China-Experten und Kunstsammler Uli Sigg zum Podium.

Shine Yangzi hat während ihres Aufenthaltes in der Schweiz filigrane Arbeiten geschaffen. Versuchsweise hat sie sogar Pflanzen mit Beton gemischt. Morgen wird sie wieder um fünf Uhr aufstehen. Die Ausbildungstage sind durchgetaktet. Heinz Aeschlimann führt das Künstlercoaching, wie er seine Unternehmen führt: zielgerichtet und zeiteffizient.

Hinweis

Artpavillon St. Urban, beim Kloster St. Urban. Besuch nach Vereinbarung. Tel. 079 697 79 73 . Der Skulpturenpark ist frei zugänglich. www.art-st-urban.com.