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KUNST: «Die Summe ist unvorstellbar»

Der Luzerner Matthias Fellmann (37) arbeitet bei der berühmten Fondation Beyeler in Riehen. Er hat tagtäglich mit Kunstwerken zu tun, die ein Vermögen kosten. In der Freizeit widmet er sich aber der Kleinkunst. Oder dem Pingpong im öffentlichen Raum.
Der Versicherungswert der in der Fondation Beyeler ausgestellten Bilder von Paul Gauguin beträgt 2,5 Milliarden Franken. Matthias Fellmann ist dafür zuständig, dass die Bilder heil nach Riehen kamen und dann wieder retour. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Der Versicherungswert der in der Fondation Beyeler ausgestellten Bilder von Paul Gauguin beträgt 2,5 Milliarden Franken. Matthias Fellmann ist dafür zuständig, dass die Bilder heil nach Riehen kamen und dann wieder retour. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Interview Pirmin Bossart

Matthias Fellmann, Sie arbeiten als Registrar bei der Fondation Beyeler. Verzeihen Sie unser Unwissen: Was macht ein Registrar genau?

Matthias Fellmann: Ich organisiere die ganze Logistik, wie ein Kunstwerk zu uns kommt und welche Vorkehrungen dafür zu treffen sind. Ich verhandle über die Verpackung, den Transport, die Versicherung und die Sicherheit eines Kunstwerks und erstelle den ganzen Aufbauplan: Wann welches Kunstwerk bei uns eintrifft, wann und wie es ausgepackt und wann es gehängt wird.

Zurzeit zeigt die Fondation Beyeler eine umfassende Ausstellung mit Meisterwerken von Paul Gauguin (siehe Hinweis am Schluss). Wie sind Sie hier involviert?

Fellmann: Die Gauguin-Ausstellung war schon ein Thema, als ich im November 2011 meine Stelle bei der Fondation Beyeler antrat. Der Vorlauf war extrem lang. Sechs Jahre wurde für die Ausstellung geplant. Für mich ist es vor allem im letzten Jahr intensiv geworden.

Sie waren dafür besorgt, dass die millionenteuren Werke möglichst reibungslos nach Basel geliefert wurden?

Fellmann: Ja. Das ist mein Job. Sobald der Kurator das Einverständnis eines Leihgebers hat, übernehme ich das Dossier und beginne, den ganzen logistischen Weg zu organisieren. Das habe ich für alle 51 Werke gemacht.

Wie aufwendig war es, bestimmte Werke überhaupt zu bekommen?

Fellmann: Das Konzept der Kuratoren war es, die Highlights von Paul Gauguin zu zeigen, sozusagen «den besten Gauguin». Solche Meisterwerke geben Museen oder die privaten Sammler nicht gerne heraus. Es ist wichtig, dass ein Museum auf Direktoren- und Kuratorenebene weltweit und über Jahre gute Beziehungen pflegt. Das erleichtert es, die Werke zu bekommen. Manchmal kommt es auch zu Gegenleihgaben oder Kooperationen: dass also die Fondation Beyeler, die eine tolle Sammlung hat, im Gegenzug auch eines ihrer Werke ausleiht, das gefragt ist.

War bei der Gauguin-Ausstellung die logistische Arbeit speziell schwierig?

Fellmann: Da es sich durchwegs um fragile und auch sehr teure Werke handelt, waren bei den Verhandlungen mit den Leihgebern schon besondere Vorkehrungen zu treffen, um beispielsweise einen reibungslosen Transport garantieren zu können.

Wie läuft das denn genau ab?

Fellmann: Von Übersee kamen die Werke mit dem Flugzeug in die Schweiz. Innerhalb von Europa wurden oft Lastwagen eingesetzt, man bringt nicht immer jede Kiste in ein Flugzeug. Eine spezielle Herausforderung waren die russischen Leihgaben. Wir haben Werke vom Pushkin Museum in Moskau und von der Ermitage in St. Petersburg. Aufgrund der grossen Distanz waren die Transporte mehrere Tage unterwegs.

Gibt es da nicht immer grössere Risiken?

Fellmann: Bei den internationalen Flugreisen kann es zu Verspätungen kommen, oder ein Flug kann ausfallen. Aber es hat zum Glück noch nie einen unerwünschten Zwischenfall gegeben. Die Sicherheit geht immer vor. Fällt mal ein Flug aus, wird nicht einfach schnell die nächste günstige Alternative gepackt. Stattdessen wird die sicherste Lösung gesucht. Das heisst: Auf einen Flug mit zwei oder drei Zwischenlandungen würde sicher verzichtet.

Die Sicherheit bei millionenteuren Kunstwerken ist ein besonderes Kapitel: Wie können Sie diese garantieren? Welche Vorkehrungen treffen Sie?

Fellmann: Es ist schwierig, diesbezüglich ins Detail zu gehen. Die Sicherheit ist eine vertrauliche Angelegenheit. Wir arbeiten mit Profis zusammen, etwa mit speziellen Kunst-Versicherungen oder Transportunternehmen, die ausschliesslich Kunst transportieren. Sicherheit bieten auch die Alarmanlagen im Gebäude. Je nach Werk oder Ausstellung wird das Sicherheitsdispositiv noch weiter angepasst.

Wie werden die Transporte abge­wickelt?

Fellmann: Es gibt, wie gesagt, Unternehmen, die ausschliesslich Kunstwerke transportieren und sehr genau wissen, wie die beste Sicherheit garantiert werden kann. Diese Unternehmen haben auch ihre eigenen Schreiner, die fragile Kunstwerke optimal verpacken können. Mit jedem Leihgeber werden die speziellen Sicherheitsvorkehrungen vertraglich festgehalten. Ich habe mit Profis zu tun, die jedes Jahr Hunderte von Werken ver­leihen. Anspruchsvoller wird es mit Privatpersonen, die eine schöne Sammlung haben und dann mal um ein einzelnes Werk angefragt werden. Da sind auch Beratung und Unterstützung gefragt.

Kommen bei den Transporten auch Kuriere zum Einsatz?

Fellmann: Das kommt vor. Leihgeber schicken mit dem Werk einen Kurier mit, der den Transport begleitet. Es handelt sich vor allem um eine konservatorische Begleitung, die bei einem unerwarteten Schadenfall zum Einsatz käme.

Haben Sie selber auch schon Kunstwerktransporte begleitet?

Fellmann: Ja. Ich hatte die Gelegenheit, Werke nach Paris, New York, Stockholm und Sidney zu begleiten. Es ging darum, die ganzen Abläufe zu kontrollieren. Ausstellungen basieren gleichermassen auf Professionalität und auf Vertrauen.

Wie hoch sind die Versicherungen für die Paul-Gauguin-Ausstellung?

Fellmann: Die Versicherungssumme beläuft sich auf 2,5 Milliarden Franken. In der Schweiz versichern wir kommerziell. In andern Ländern wie etwa den USA, in Holland, Dänemark oder Deutschland gibt es Staatsgarantien. Somit sind die Versicherungen für uns eine massive Belastung. Sie machen einen Hauptanteil des Gesamtbudgets aus.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie diese Kunstwerke logistisch betreuen und sozusagen mit Millionen von Franken jonglieren?

Fellmann: Natürlich sind das riesige Summen. Für mich ist aber wichtig, einen Topjob zu machen, egal, wie teuer die Kunstwerke sind. Ich kann relativ gut abschalten und die Gegebenheiten so nehmen, wie sie sind, und bei Problemen gute Lösungen finden.

Kürzlich machte das Gauguin-Werk «Nafea Faaipoipo» Schlagzeilen, weil es für 300 Millionen Franken verkauft wurde und als das teuerste Bild der Welt gilt. Was denken Sie persönlich darüber, wenn Kunstwerke so hoch bezahlt werden?

Fellmann: Es ist eine unvorstellbar grosse Summe. Andererseits: Kunstwerke sind Einzelstücke, das hat seinen Preis. Wenn jemand bereit ist, das zu bezahlen, dann ist das offensichtlich so. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Sie haben Betriebswirtschaft studiert. Wie sind Sie in die Kunstwelt gelangt, zumal in einen solch renommierten Betrieb?

Fellmann: Während eines Zwischenjahres in meinem Studium habe ich gemerkt, dass ich keine klassische Wirtschaftskarriere machen wollte. Lieber wollte ich im Kulturbereich arbeiten. Ich war schon damals in der Zwischenbühne Horw aktiv, als Kassier und Veranstalter, und habe Lust bekommen, mich in diesem Metier zu betätigen.

Von einer Kleinkunstbühne zur Fondation Beyeler?

Matthias Fellmann: Nicht direkt. Ich habe mehrere Jahre für das Kunstmuseum Luzern gearbeitet. Schon während meines Studiums unterstützte ich die Buchhaltung, dann habe ich 2004 mit einer 100-Prozent-Stelle als administrativer Leiter des Luzerner Kunsthauses begonnen. Dort war auch die Tätigkeit eines Registrars ein Teil meines Jobs. 2011 wurde ich von der Fondation Beyeler angefragt, ob ich Interesse hätte, eine frei werdende Stelle anzunehmen. So bin ich dort geblieben.

Warum behagt Ihnen die Arbeit? Was reizt Sie daran?

Fellmann: Es ist ein gutes Team, und ich kann spannende Projekte bearbeiten. Ich bin bei jeder Ausstellung in der Fondation Beyeler dabei, von der Vorbereitung bis zum Abbau. Die Kadenz ist mit vier Ausstellungen pro Jahr recht hoch. Ich habe mit vielen Museen, Galerien und Privatpersonen auf der ganzen Welt direkt zu tun. Der unglaubliche Qualitätsanspruch, der sich gerade bei der Gauguin-Ausstellung zeigte, ist eine Herausforderung. Hier nah dran zu sein und zum guten Gelingen beitragen zu können, finde ich immer wieder faszinierend.

Sie waren vorher beim Kunstmuseum Luzern. Wenn Sie mit der Fondation Beyeler vergleichen, was stellen Sie da fest?

Fellmann: Beide Häuser organisieren tolle Ausstellungen, jedes im eigenen Segment und unter unterschiedlichen Bedingungen. In Luzern waren 90 Prozent der Leihgaben aus der Schweiz, bei der Fondation Beyeler stammen 90 Prozent der Leihgaben aus der ganzen Welt. Beyeler ist hoch spezialisiert, für alle Bereiche gibt es spezielle Ansprechpartner. Wir haben vier Registrare, an einer Ausstellung arbeiten insgesamt 50 Personen mit. Abläufe und Aufgaben sind aber in Riehen und Luzern ähnlich.

Hat die berufliche Auseinandersetzung mit Kunst auch Ihr persönliches Interesse an der Kunst beeinflusst?

Fellmann: Sie hat mein Interesse an Kunst überhaupt erst richtig geweckt. Ich bin nicht Kunsthistoriker und lese auch keine Kunstbücher. Ich gehe aber viel häufiger in Museen. Es fasziniert mich, Kunst zu sehen, die ich schon kenne, aber in neuen räumlichen Kontexten. Da ich viele Überlegungen des Kurators mitbekomme, warum welches Bild wo am besten hängt, achte ich auf solche Zusammenhänge. Dank meines Jobs habe ich gelegentlich mit prominenten Künstlern wie Jeff Koons, Gerhard Richter oder Peter Doig zu tun. Das sind schöne Momente.

Welche Kunst spricht Sie besonders an?

Fellmann: Es sind eher zeitgenössische Werke. Ich bin aber nicht einer, der sich intellektuell und total analytisch mit Kunst auseinandersetzt. Es muss beim Anblick etwas passieren. Es gefällt mir, oder es gefällt mir nicht. Aufgrund meiner «déformation professionelle» achte ich in Museen auch immer darauf, wie die Wände aufgestellt sind, wie die Lichtführung gehandhabt wird, wie bei einer Skulptur der Sockel gestaltet ist. Oder ich überlege mir, wie ein bestimmtes Kunstwerk in den dritten Stock gekommen ist.

Sie haben als Präsident der Zwischenbühne Horw auch ein Herz für lo­kale Kultur: Wie leben Sie mit diesem Kontrast?

Fellmann: Die Tätigkeit bei der Fondation Beyeler hat mich dazu gebracht, dass ich mit 34 von Luzern weggezogen bin und mich in Basel niedergelassen habe. Die geografische Distanz macht das Engagement bei der Zwischenbühne nicht leichter. Andererseits muss ich als Präsident ja auch nicht ständig vor Ort sein. Es sind verschiedene Welten, aber sie gehen für mich sehr gut zusammen und ergänzen sich sehr gut.

In welcher Weise?

Fellmann: Egal, was man macht und mit wie viel Geld: Die Qualität muss stimmen. Dieser Anspruch gilt für beide Häuser. Inhaltlich lassen sie mich ein breites Spektrum von Kultur erleben. Arbeitstechnisch bin ich in der Fondation Beyeler mehr der Spezialist, während ich in der Zwischenbühne meine generalistische Ader ausleben kann: Ich rede dort nicht nur strategisch mit, sondern stehe auch hinter der Bar, betreue Künstler oder wische um 4 Uhr morgens den Boden auf.

Die Fondation Beyeler ist finanziell gut bestückt, Kleinkunstbühnen müssen dagegen meistens kämpfen. Ist das nicht frustrierend?

Fellmann: Die Zwischenbühne ist immerhin solide finanziert. Wir bekommen Beiträge von der Gemeinde, der Regionalkonferenz Kultur (RKK) und vom Verein, da kann ich mich nicht beklagen. Aber: In der Zwischenbühne verdient niemand etwas. Ich stelle immer wieder fest, dass das vielen Leuten nicht bewusst ist. Wir hätten nicht den Hauch einer Chance, das Haus zu betreiben, wenn wir Löhne zahlen müssten.

Was machen Sie gerne in der Freizeit? Was sind Ihre Aktivitäten, Interessen?

Fellmann: An unserem Wohnort in Basel haben wir einen grösseren Innenhof. Es macht mir Spass, dort ein wenig zu gärtnern. Wir haben zahlreiche Töpfe aufgestellt, die wir mit Tomaten, Beeren, Kräutern, Bambus und andern Gewächsen bepflanzen. Ich bin überhaupt gerne in der Natur. Der Rhein in Basel ist toll, wenn auch nicht so toll wie der See und die Berge in Luzern. Das vermisse ich schon. Ich fahre Ski, mache Velotouren, gehe wandern. Mit einem Kollegen habe ich auch einen VW-Bus, mit dem wir Ausflüge machen. Letztes Jahr waren wir damit in Sizilien.

Sie haben sich mit Freunden für das Pingpong-Spielen in öffentlichen Räumen eingesetzt. Weshalb?

Fellmann: Wir haben vor Jahren eine Internetplattform ins Leben gerufen, um vermehrt Leute zusammenzubringen, die miteinander spielen möchten. Aus «pingthing» ist inzwischen die Plattform «spood.me» geworden, die noch etwas umfassender ist. Für mich persönlich ist das Pingpong inzwischen leider ein wenig in den Hintergrund gerückt, aber wenn sich irgendwo die Gelegenheit ergibt, bin ich natürlich nach wie vor für ein Spielchen bereit.

Welche Pläne haben Sie? Möchten Sie sich beruflich weiterhin in der Kunstwelt engagieren?

Fellmann: In der Schweiz im Kunstbereich arbeiten zu können, und in einer renommierten Institution, ist natürlich super. Da fühle ich mich schon ziemlich privilegiert. Aber ich werde wohl kaum ein Leben lang als Registrar arbeiten. Wie es weitergeht, kann ich nicht sagen. Ich habe 15 Jahre Museumserfahrung und finde die Projektarbeit spannend. Wer weiss, vielleicht zieht es mich in Zukunft mal ins Ausland oder weg von der Museumswelt. Aber dem Kulturbereich bleibe ich wohl treu davon komme ich nicht mehr los.

Hinweis

Die Fondation Beyeler in Riehen zeigt noch bis zum 28. Juni gut 50 Meisterwerke des Franzosen Paul Gauguin (18481903), einem der berühm­testen Kunstmaler überhaupt. Im Zentrum der Austellung stehen weltbekannte, auf Tahiti entstandene Gemälde: In idyllischen Landschaften erscheinen sinnliche Frauengestalten, oft von symbolhaften Tieren begleitet. Gezeigt werden aber auch vielseitige Selbstporträts oder spirituelle Bilder aus Gauguins Zeit in der Bretagne. Die Ausstellung gehört 2015 zu den europäischen Kulturhöhepunkten. Mehr unter www.fondationbeyeler.ch

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