KUNST: Dieses Tagewerk muss reichen

Der Luzerner Maler und Bildhauer Franz Wanner hält nichts von hoher Kunstproduktion. Im Showroom des Luzerner Kunstbuchverlags Edizioni Periferia präsentiert er seine Gemäldeserie «Giornate». Entstanden sind sie in wenigen Tagen.

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Wanners Werke im Showroom des Verlags. (Bild: Gianni Paravicini/PD)

Wanners Werke im Showroom des Verlags. (Bild: Gianni Paravicini/PD)

Franz Wanner spricht nicht gern darüber, warum er malt. Warum er es meistens unterlässt, scheint ihm wichtiger. Der Drang zum permanenten Selbstausdruck ist seine Sache nicht. Die Tabubrüche der Gegenwartskunst, der ganze «absichtsvoll hergestellte Müll» bringen den Künstler, der an einer Fachhochschule mit Architekturstudenten auch Klassiker der Philosophiegeschichte liest, weder auf die Barrikaden noch in Verzückung. Sie bringen ihn zum Gähnen.

Wanner, ein verkappter Philosoph, der Zitate der Weltliteratur im Gespräch wie nebenbei aus der geordneten geistigen Schublade zieht, hat nach langen Jahren der Abstinenz wieder zum Pinsel gegriffen. Für den Luzerner Kunstbuchverlag Edizioni Periferia hat der 1956 im luzernischen Wauwil geborene Maler und Bildhauer eine zehnteilige Werkserie aus Acrylmalereien geschaffen, die seine jahrzehntelange Beschäftigung mit Farbpigmenten fortsetzt und nun im Showroom des Verlags für einige Wochen besichtigt werden kann.

Die Serie «Giornate» nimmt Bezug auf die Freskenmalerei. Dort heisst eine Fläche, auf die ein Maler während eines Tages Farbe auf feuchten Mörtel aufträgt, Giornata, zu Deutsch: Tagewerk. Verrichtet hat Wanner sein Tagewerk auf grossen Leinwänden, die dem Tagewerk eines durchschnittlichen Freskenmalers (drei bis fünf Quadratmeter) sehr nahe kommen.

Die von Wanner zur Grundierung verwendeten Acrylfarben bestehen aus Farbpigmenten, die man früher auch in der Freskenmalerei verwendet hat. Veroneser Grünerde etwa oder Marmorsand, was den Grund seiner Bilder erdig-warm erscheinen lässt.

Ansichten dieser grundierten Leinwände hat er bei den Edizioni Periferia in einer schmalen Publikation veröffentlicht. Mit allen «harten Fakten», etwa der Leinwandgrösse, jedoch unvollständig, weil ohne die Übermalung. Als wolle Wanner sagen, dass sich eben noch nichts sagen lässt über die Gewichtigkeit seiner Werke, an denen sich noch niemand versucht hat.

Denn wenn für Wanner etwas feststeht, dann das: Grosse Kunst entsteht aus grosser Kunst. Und die liegt bei ihm in der Vergangenheit. Den lateinischen Wortstamm des in der Gegenwartskunst so beliebten Begriffes «Projekt» – proicere heisst «vorwärtswerfen» – nimmt er wörtlich. «Jedes Projekt kommt von hinten, aus dem Hintergrund», schreibt der Künstler.

Zehn Werke, zehn Vorbilder

Also hat Wanner auf seinen erdfarbenen Hintergründen in betont beiläufigem Gestus die Schlüsselfiguren von Werken grosser Maler wie Giorgione oder Edouard Manet mit wenigen Pinselstrichen skizziert. Zwischen dem 22. und 29. Januar 2017 entstanden so zehn Arbeiten, die auf ältere Werke referieren. Auf Wanners monochromen Hintergründen wirken sie dekontextualisiert und auf die elementaren Linien eingedampft.

Dass die Motivwahl nicht zufällig war, darf vermutet werden. Giorgiones «Schlummernde Venus» (1508/1510) diente vielen späteren Malern als Vorbild für die Darstellung nackter Damen, die ihrerseits zu allen Zeiten für Maler Modell gestanden haben. Giorgiones Schüler Tizian soll die «Schlafende Venus» übrigens fertiggemalt haben. Wobei man sich auch hier im Reich der Spekulationen verlieren kann.

Ob Wanner mit den im Arbeitsmodus des Freskenmalers geschaffenen Werken wirklich «Frische» in die Gegenwartskunst bringt, soll hier offen bleiben. Auf alle Fälle lässt sich vor diesen Leinwänden eine philosophische Debatte über Werkzuschreibung und Werkproduktion führen.

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Franz Wanner: «Giornate». Showroom Edizioni Periferia, Unterlachenstrasse 12, Luzern. Offen am 17. 6., 2. 9. und 9. 9. 12 bis 17 Uhr oder nach Vereinbarung. Am 31. 8. Künstlergespräch mit Wanner und Peter Märkli. www.periferia.ch