Kunst
Emma Kunz hat die Gegenwart vorgezeichnet

Ein lokaler Coup von Weltrang: Das Kunsthaus Aargau verortet die Künstlerin in der Zeitgenossenschaft.

Daniele Muscionico
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Mit Pendel und Farbstift auf Papier. © Emma Kunz Stiftung

Mit Pendel und Farbstift auf Papier. © Emma Kunz Stiftung

Foto: Conradin Frei

Sie war himmlisch zu früh, und Gott sei’s geklagt vom falschen Geschlecht: Die Aargauerin Emma Kunz war ein Flop. Und das war sie für die Mehrheit ihrer Zeitgenossen. Weil sie Emma und nicht Ernst hiess? Hätte man ein derart auffälliges Leben im letzten Jahrhundert bei einem Mann eher goutiert? Wer weiss. Emma Kunz jedenfalls erhielt ihre erste Ausstellung 1973 im Kunsthaus Aarau und da lebte sie schon zehn Jahre nicht mehr.

Rückblickend macht man aus solchen Lebensfakten ein Doku-Drama für Netflix. Filmstoff ist ihre Biografie in Science-Fiction mit Geistern, Engeln, dem Übersinnlichen: Emma Kunz, 1892 im aargauischen Brittnau geboren, mit 71 Jahren im appenzellischen Hinterland verstorben, sprach mit den Blumen und heilte mit ihnen. Sie besass seherische Kräfte und las Bücher, indem sie ihre Hand auflegte. Sie brachte Lahme wieder auf die Beine, schenkte dem Sekretär von Papst Pius das Augenlicht zurück, und sie entdeckte ein später notifiziertes Arzneimittel – das Heilgestein «Aion A». Und all das tat sie mithilfe von Zeichnungen, die heute Weltruhm besitzen.

Kunst muss wirken, sie ist Alternativmedizin

Durch ihre Zeichnungen wirkte sie, ihre Bilder hatten Wirkung im wörtlichen Sinn. Und diese sollten stets so entstanden sein: Kunz konzentrierte sich auf ein Thema, beispielsweise eine Krankheit – und liess das Pendel und ihre Buntstifte sodann entlang von «Energielinien» ihr Werk verrichten. Niemand verstand, was hier vor sich ging. Dass etwas Starkes am Werk war, konnte ihr Umfeld jedoch nicht bestreiten. Für machen war sie eine Volksheilige. Für andere eine Hexe.

Wer aber ist Emma Kunz tatsächlich? Diese Frage stellt sich das Kunsthaus Aargau fast 60 Jahre nach ihrem Tod. Künstlerin war nicht ihr Weg, ihr Interesse galt der Naturwissenschaft und der Forschung. Als Forscher-Künstlerin war sie jenem «Gesetz» auf der Spur, so sagte sie selbst, das sich nach geistigen und energetischen Zusammenhängen und nach übergeordneten Prinzipien richte.

Die Zeit für eine Neubefragung von Emma Kunz ist perfekt. Alternative Fakten boomen, Hexen haben wieder Aufwind – und plötzlich sogar ein positives Image – die Spiritualität ist ein Milliardengeschäft, und selbst die akademische Forschung geht inzwischen davon aus, dass in der Natur Kräfte walten, von denen wir noch keinen Schimmer haben. Natur ist eines der grossen Themen in der Gegenwartskunst. Emma Kunz wäre über all diese Entwicklungen entzückt. Sie hat es vorgelebt, und – wortwörtlich – vorgezeichnet.

Ein Fest des Filigranen

«Kosmos Emma Kunz – eine Visionärin im Dialog mit zeitgenössischer Kunst» ist der Titel der äusserst sorgfältig und breit recherchierten Ausstellung. Die Kuratorin Yasmin Afschar hat sich entschieden, 15 junge und internationale Positionen Bezug nehmen zu lassen auf die ausgestellten Werke. So entstanden teils neue Arbeiten, eine der interessanten stammt von der Schweizer Künstlerin Mai-Thu Perret. Ihre bisher grösste Wandinstallation aus Neonröhren nimmt eine Zeichnung von Kunz zum Vorbild.

Mai-Thu Perret bringt Kunz mit ihrer Arbeit zum Leuchten.

Mai-Thu Perret bringt Kunz mit ihrer Arbeit zum Leuchten.

Foto: Conradin Frei

Vom Aargauer Weltstar selbst, der Kunz heute ist, sind insgesamt 60 Werke zu sehen, darunter etliche unbekannte. Überraschend ist ein Bild von 8 Metern Länge; es wird liegend präsentiert, so, wie es die Künstlerin hergestellt hatte. Aufsehenerregend ist ein Fund, auf dem sie mit Bleistift Notizen angebracht hat. Es sind Daten und Worte, die weiteren Raum lassen für Spekulationen.

Wer auf den Blättern Kaffeeflecken findet, darf zumindest sicher sein, dass es sich hier um Originale handelt. Emma Kunz war eine begeisterte Kaffeetrinkerin. Und das ist sie mit Grund gewesen: Ihre Bilder sollen in schweisstreibenden Eingebungen entstanden sein, die teils 24 Stunden und mehr dauerten. Doch federleicht und wie selbstverständlich scheinen sie nun im Museum. Die Zeichnungen in dieser Dichte in den Räumen zu erleben, macht die Ausstellung zu einem Fest des filigranen Strichs.

Es gibt Wissen jenseits unserer Sinne

Die Kuratorin würdigt den Kosmos Kunz am Ort seines Ursprungs - oder Urknalls so, wie er es verdient: In seiner komplexen Breite des Lebens und Wirkens. Und sie versieht das Phänomen Kunz mit einem grossen Fragezeichen in Bezug auf all das, was man über sie jemals erzählt hat. Die Künstlerin selbst hinterliess kaum Schriftliches, lediglich ihre Bilder sind ihr ureigener Wille und ihr Werk. Alles andere über sie, durch die Jahre angesammelt, ist oft von Interessen getrieben, Klatsch und Tratsch, Gerücht eben. Die Künstlerin, wie wir sie heute kennen, ist eine «gemachte Frau» frei nach Simone de Beauvoir. In Aarau zeigen die zeitgenössischen Positionen dies eindrücklich: Das Phänomen Kunz ist das, was wir aus ihr machen.

Wenn es für ihre seherischen Fähigkeiten noch eines Beweises bedarf, hier ist er: Emma Kunz glaubte stets: «Mein Bildwerk ist für das 21. Jahrhundert bestimmt». Und tatsächlich. Unter den zeitgenössischen Positionen dieser Ausstellung ist ihre die modernste. Sie nimmt der westlichen pseudofaktischen Forschung den falschen Glanz - und reicht ihn weiter dem alten, unbewussten Wissen.

«Kosmos Emma Kunz – Eine Visionärin im Dialog mit zeitgenössischer Kunst». Aargauer Kunsthaus, Aarau. 2.3. – 24.5.