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KUNST: Er steigt in Abgründe

Bruce Nauman zählt zu den einflussreichsten lebenden Künstlern. In Basel ist nun eine gelungene Retrospektive des Amerikaners zu sehen. Bei Lastern, niederen Gefühlen und Tabus blüht er zur Höchstform auf.
Christina Genova
Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben: Bruce Naumans Neonarbeit «One Hundred Live and Die» von 1984. (Bild: PD)

Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben: Bruce Naumans Neonarbeit «One Hundred Live and Die» von 1984. (Bild: PD)

Christina Genova

Leicht verlegen tritt der ältere Herr mit Bauchansatz vor die versammelten Journalisten im Auditorium des Basler Schaulagers. Bruce Nauman ist da. Er ist tatsächlich an die Eröffnung seiner ersten, gross angelegten Retrospektive seit 25 Jahren gekommen, obwohl er sich sonst gerne der Öffentlichkeit entzieht. Seit Ende der 1970er-Jahre lebt der Amerikaner zurückgezogen auf dem Land in New Mexico. «Wo soll ich stehen?», fragt der 76-Jährige mit schüchternem Lächeln. Zwei Minuten setzt er sich dem Blitzlichtgewitter aus. Dann, ehe man sich versieht, ist er auch schon durch den Notausgang entschwunden.

Irgendwie passt es ja, dieses Entschwinden. Der Titel der Ausstellung «Disappearing Acts» könnte man mit Handlungen des Verschwindens übersetzen. Er beruht auf einer These der Kuratorin Kathy Halbreich vom New Yorker Museum of Modern Art. Die Basler Ausstellung wird im MoMA ab Oktober zu sehen sein. Halbreich will die mannigfachen Erscheinungsweisen des Verschwindens als durchgehenden roten Faden in Naumans Schaffen festgestellt haben. Nur ist Naumans umfangreiches Werk so vielfältig – oder wie Kritiker monieren –, so heterogen, dass sich daraus locker ein Dutzend weiterer roter Fäden ableiten liessen. Tatsächlich durchziehen sein Schaffen aber Themen, die er immer wieder aufgreift. Das Verdienst der Kuratorin ist es, dass sich solche Muster in der Ausstellung leicht nachvollziehen lassen.

Hoden in Nahaufnahme

Im Gegensatz zu seiner Öffentlichkeitsscheu gibt Nauman in seinen Arbeiten viel von sich preis und mutet sich einiges zu: Etwa wenn er 1969 seine Hoden in «Black Balls» in einer unerträglich gedehnten Nahaufnahme mit schwarzer Farbe bestreicht – eine Anspielung auf die Rassenthematik der 1960er-Jahre (to blackball – ausschliessen). Auch in sein Atelier gewährt der Künstler Einblick: In «Mapping the Studio» ist es in einer raumgreifenden Videoinstallation aus sieben verschiedenen Positionen zu sehen, in «Contrapposto Split» sogar in 3D.

Nauman schont weder sich noch das Publikum: «Mein Werk kommt aus der Enttäuschung über die ‹conditio humana›», hat er einmal gesagt. Gewalt, Sex und Tod sind Themen, die ihn besonders in den 1980er-Jahren umtreiben. Häufig setzt er sie in Neon um. Die fröhlich blinkenden Neonröhren stehen in hartem Kontrast zu den verstörenden Inhalten, die sie transpor­tieren. Etwa wenn sich Männer und Frauen in «Seven Figures» zum Gruppensex ineinander ­verschränken oder in «Sex and ­Death by Murder» Sex- und Gewaltexzessen hingeben.

Macht und Ohnmacht

Um Macht und Ohnmacht geht es in «Clown Torture», wo Clowns mehr oder minder grausam zugesetzt wird. Hörigkeit thematisiert Bruce Nauman in «Shadow Puppets and Instructed Mime»: Eine Pantomimin folgt willig den nie enden wollenden Befehlen einer durchdringenden Männerstimme. Dass man beim Betrachten der Videoinstallationen an die aktuelle #MeToo-Debatte oder Big-Brother-TV-Formate denkt, ist kein Zufall. Viele von Naumans Arbeiten sind so facettenreich, präzise und durchdacht, dass sie immer wieder neu an Aktualität gewinnen.

Keine menschlichen Abgründe sind Bruce Nauman zu tief, um nicht dorthin abzusteigen. Als sinnlich oder poetisch kann man sein Werk, das von einer gewissen Härte ist, beim besten Willen nicht bezeichnen. Was hingegen ab und an durchbricht, ist seine Verspieltheit. Das zeigt sich schon an der Eingangsfassade zum Schaulager, wo auf zwei riesigen LED-Bildschirmen zu beobachten ist, wie Nauman ein kniffliges Kunststück vollführt: Er balanciert einen beidseitig angespitzten Bleistiftstummel zwischen den Spitzen zweier weiterer Bleistifte. Als eine listige Hommage an Kants Definition der Kunst als «Zweckmässigkeit ohne Zweck» will Taylor Walsh diesen nutzlosen Trick in der lesenswerten und reich illustrierten Publikation zur Ausstellung verstanden wissen.

17.3.–26.8., Schaulager, Münchenstein/Basel. Zur Ausstellung ist ein Bildband und ein wissenschaftlicher Reader erschienen.

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