KUNST: Ernis Gesamtwerk in Buchform

328 Seiten stark und informativ: Über den international erfolgreichsten Luzerner Künstler Hans Erni ist ein neues Buch erschienen.

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Hans Erni (1909–2015) malte auch abstrakt: «Komposition» von 1933. (Bild: PD)

Hans Erni (1909–2015) malte auch abstrakt: «Komposition» von 1933. (Bild: PD)

Kurt Beck

Knapp ein Jahr nach dem Tod (21. März 2015) des Luzerner Jahrhundertkünstlers Hans Erni ist eine neue umfangreiche und üppig bebilderte Monografie über den Maler, Plakatgestalter, Illustrator und Plastiker erschienen, die das Leben und die künstlerische Entwicklung des vielseitig begabten und unermüdlichen Schaffers nachzeichnet. Autor des gewichtigen Werks ist Jean-Charles Giroud, ehemaliger Direktor der Genfer Bibliothek, der bereits über das Plakatschaffen und die Buchillustrationen von Hans Erni kunstwissenschaftlich relevante Publikationen verfasst hat.

Künstlerisches Leben und Wirken

Im neuen Buch über Hans Erni, das nur mit dem schlichten Titel «erni» überschrieben ist, beschränkt sich ­Giroud nun nicht mehr auf einen Teil­aspekt, sondern mit dem gesamten Schaffen des Künstlers. Das Buch ist zwar über 300 Seiten stark, dennoch muss es auf komplettes Werkverzeichnis verzichten, und auch beim künstlerischen Leben und Wirken von Hans Erni muss sich das Buch aufs Wesentliche beschränken. Das mehrere tausend Arbeiten umfassende Gesamtwerk von Hans ist noch nicht vollständig wissenschaftlich erfasst. Und für eine komplette Biografie wären ebenso aufwendige Forschungsarbeiten nötig.

Unverkennbarer Stil

Die neue Publikation ist allerdings in mehrerer Hinsicht beeindruckend. Zum einen überrascht es durch die Fülle der Abbildungen, die den gesamten, über 80-jährigen künstlerischen Prozess, nachvollziehen lässt – von den ersten figurativen Arbeiten, zur Abstraktion, zur Rückkehr zur figurativen Malerei bis zur Herausbildung seines unverkennbaren dynamisch linearen Stils, der den Künstler auch dank seiner zahlreichen Plakate bei einem breiten Publikum bekannt und beliebt machte. Ebenso anschaulich dokumentieren die vielen Illustrationen das breite thematische Spektrum und das soziale und politische Engagement des Künstlers.

Klare Struktur

Eine weitere Stärke des Buches ist, dass es einerseits chronologisch aufgebaut und anderseits nach Stichworten so strukturiert ist, dass sich das Buch wie ein Nachschlagewerk nutzen und lesen lässt. Wer sich über eine bestimmte Phase oder einen Themenbereich informieren will, wird schnell fündig. Die referierten Informationen stützt der Autor stets mit entsprechenden Quellenangaben.

Jean-Charles Giroud hat als ausgewiesener Kenner von Hans Ernis Werk den Vorteil, nicht nur über den grossen Überblick über dessen Schaffen zu verfügen, sondern auch zu wissen, wo noch blinde Flecken und Lücken in der Künstlervita zu finden und zu schliessen sind. So hat der Autor sich intensiv mit den 1950er-Jahren beschäftigt, «über die bisher wenig dokumentarisches Material vorlag, die aber sehr wichtig für die Entwicklung der Kunst von Hans Erni waren», wie Giroud schreibt.

Ein ganzes Kapitel hat Giroud den Jahren von 1950 bis 1959 gewidmet. In dieser Zeit unternahm der Künstler ausgedehnte Reisen nach Afrika und Indien, die sich in seinem Schaffen nachhaltig niederschlugen. Durch die brutale Niederschlagung des Ungarnaufstands 1956 wird das sozialistische Weltbild des Künstlers grundlegend erschüttert.

Authentisch und persönlich

Nicht zuletzt sind es die persönlichen Kontakte, die der Autor mit dem Künstler pflegte, die zur besonderen Qualität der neuen Publikation beitragen. Der Autor konnte noch auf die Mitwirkung und Unterstützung von Erni zählen, der ihm bereitwillig Auskunft gab und Zugang zu privaten Dokumenten gewährte, sodass im Buch nicht nur Fakten referiert werden, sondern diesen durch persönliche Aussagen des Künstlers Authentizität und Lebendigkeit verliehen wird.

Jean-Charles Giroud: erni. Patrick Cramer Editeur, 328 Seiten, Fr. 58.–. www.hans-erni.ch