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KUNST: Kunstwerke im Dornröschenschlaf

5000 Exponate lagern in den zwei Depots des Luzerner Kunstmuseums. Mit dem Sammlungskurator Heinz Stahlhut durften wir Kunst mal von ihrer nichtrepräsentativen Seite erleben.
Julia Stephan
Sammlungskurator Heinz Stahlhut im so genannten «Stangenwald» des Kunstdepots unter dem KKL. Hier reiht sich Bild an Bild. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Sammlungskurator Heinz Stahlhut im so genannten «Stangenwald» des Kunstdepots unter dem KKL. Hier reiht sich Bild an Bild. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Julia Stephan

Der Weg von der kuratierten Kreativität eines Ausstellungssaals ins kreative Gewimmel eines Depots ist hürdenreich. Wir stehen im geräumigen Lift, der die Ausstellungsräume des Luzerner Kunstmuseums mit dem KKL-Keller verbindet. Sammlungskurator Heinz Stahlhut öffnet mit Badge und Zahlencode die erste von mehreren Schleusen. Der Lift fährt ohne Halt an der Anlieferung vorbei bis in den Keller runter. Dort lagert über die Hälfte der 5000 Exponate der museumseigenen Kunstsammlung, die ihre zwei grossen Schwerpunkte in Zentralschweizer Kunst mit überregionaler und internationaler Ausstrahlung sowie Kunst aus den 1970ern besitzt. Die Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen lagern bei 20 Grad, Fotografien und Videos gar bei 16 Grad Celsius. Für menschliche Bedürfnisse keine Wohlfühltemperaturen. Doch der Kunst, so Stahlhut, gehe es in diesem kühlen stabilen Klima ganz prächtig.

Aber noch sind wir nicht im eigentlichen Depot angelangt. Dem Depotbereich vorgelagert ist die hauseigene Werkstatt. Mitarbeiter fertigen hier Rahmen und Sockel für Ausstellungen, erfüllen zeitgenössischen Künstlern Spezialwünsche oder zimmern Kisten, wenn ein Kunstwerk in keine konventionelle reinpasst. Einige dieser Lieferkisten stehen lose in der Werkstatt herum. Die leeren sind mit grünen Klebstreifen markiert. «Die Kunstwerke werden klimatisiert angeliefert», erklärt Stahlhut. «Wir geben ihnen erstmal zwei Tage Zeit, um sich an das neue Klima zu gewöhnen. Erst dann werden die Kisten ausgepackt.»

Gut gesichert

10 Prozent der Sammlung sehen aktuell das Tageslicht – als Teil der Sammlungspräsentation oder als Leihgabe in einem anderen Museum. Rund 30 Werke verlassen die Sammlung jährlich über die vergitterte Anlieferung des KKL. Bei hochpreisigen Werken werden die Eingangspforten beim Ein- und Ausladen verriegelt. Gerade sind wieder neue Werke eingetroffen, darunter ein Knabe von Ferdinand Hodler, auf den Stahlhut besonders stolz ist. Dem Kunstmuseum wurde das Werk aus privater Hand geschenkt. Bis jetzt hat es noch kein Museumsbesucher gesehen. Fotograf Andri Stadler und ein Zivilschutzdienstleistender stehen im ersten Depotraum neben der Staffelei der Restauratorin und tragen den Hodler und weitere Bilder vor die Kameralinse. Dokumentationsarbeit fürs Sammlungsarchiv.

Nach dem Ehrenkodex des Internationalen Museumsrats (Icom) sind Museen verpflichtet, einmal in die Sammlung aufgenommene Werke zu behalten. So schützt man sie vor den Launen des Zeitgeschmacks. Das ist auch gut so. Denn der Kunstbetrieb kennt seine Launen. Da wurde schon so manches Prinzip über den Haufen geworfen. Im Kunstmuseum Luzern hätte man auch gar keinen Grund, dazu Platz zu machen. Die grossen installativen Arbeiten lagern in einem Aussendepot, das man mit dem Luzerner Verkehrshaus teilt. «Wir haben noch Platz», sagt Stahlhut. Besonders schnell könnte die Sammlung ohnehin nicht wachsen. Bescheidene 50 000 Franken gibt das Kunstmuseum jährlich für Sammlungsankäufe aus. Da ist man auf Schenkungen und Stiftungsgelder angewiesen.

Man kann sich des Eindrucks einer Postpaketstelle nicht ganz erwehren. Viele in Luftpolsterfolie gepackte Bilder lehnen unausgepackt aneinander, an manchen klebt noch ein vergilbter Sendungskleber einer Lieferfirma. Dass sich in der 11 Meter langen Kiste über unserem Kopf ein Baumstamm von Arte-Povera-Künstler Giuseppe Penone befindet, darauf wäre man ohne Stahlhuts Hinweis nie gekommen. Von der Aura, die diese Werke in den repräsentativen Ausstellungsräumen umgibt, ist hier nichts mehr übrig. Wer hier stehlen wollte, müsste erstmal alle Verpackungen runterreissen.

Unverhüllt sind hingegen die an den herausziehbaren Stahlgitterwänden angebrachten Gemälde. Dieses Privileg geniessen Bilder mit aufwendiger Rahmung. Oder besonders empfindliche hochpreisige Exponate, wie Stahlhut verrät.

Die Launen der Kunst

Der deutsche Kunsthistoriker hat seine Expertise in Häusern wie der Fondation Beyeler, dem Museum Tinguely oder der Berlinischen Galerie erworben. Um mir den Sinn einer dauerhaften Bewahrung zu verdeutlichen, zieht er ein Werk hervor, das momentan ganz schlechte Karten hat, je wieder das Licht der Museumsräume zu erblicken: «Das ist Schweizer Kunst aus den 1930ern», sagt er. «Man ahnt den Einfluss der Neuen Sachlichkeit. Aber im Vergleich zu einem Otto Dix ist das sehr zahm.» In solchen Momenten kommen dem Kurator Stahlhut Zweifel: «Wann wird das je wieder gezeigt?» Doch dann melden sich wieder der Sammler, Forscher und Bewahrer in ihm zu Wort: «Man weiss nie, ob das in zwanzig Jahren anders bewertet wird.» Und: «Manchmal macht man auch Entdeckungen.»

Für Überraschungen gut

Im letzten Jahr ist er auf Büsten des vergessenen Luzerner Künstlers Fritz Huf (1888–1970) gestossen. Vor seiner Karriere als abstrakter Maler war Huf im Berlin der 1910er-Jahre ein beliebter Porträteur gewesen. Stahlhut öffnet einen Stahlschrank. Hufs Büsten starren uns an. Darunter auch das Antlitz der legendären Theaterdiva Eleonora Duse.

Bei so viel altem Material erstaunt es, dass in Luzern eher selten restauriert wird. «Gerade alte Bilder sind sehr haltbar», sagt Stahlhut. «Wenn ein Gemälde 500 Jahre gut übersteht, übersteht es auch die weiteren 500 Jahre.» Zeitgenössische Arbeiten mit Verfallsdatum, wie etwa ein Schokoladenbild von Dieter Roth, verursachen Stahlhut mehr Bauchschmerzen. Roth, der Museen zu Lebzeiten als «Begräbnisinstitute» bezeichnet hat, hatte es auf den Zerfall seiner Werke angelegt. «Da muss man sich als Museum überlegen, wie man mit der Forderung eines solchen Künstlers umgehen soll.»

Stahlhut vor den Büsten des vergessenen Künstlers Fritz Huf. Eine Zufallsentdeckung. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Stahlhut vor den Büsten des vergessenen Künstlers Fritz Huf. Eine Zufallsentdeckung. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

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