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Biennale: Kunst leidet schön

Die Biennale in Venedig zeigt, was in der Kunst angesagt ist. Die Probleme der Gegenwart dominieren. Das ist selten lustig, aber technisch raffiniert.
Sabine Altorfer
Der Schweizer Christoph Büchel liess das gesunkene Flüchtlingsschiff von Lampe­dusa an die Biennale bringen. Die «Barca Nostra» ist Mahnmal für alle Flüchtlinge. (Bild: Marton Monus/EPA (8. Mai 2019))

Der Schweizer Christoph Büchel liess das gesunkene Flüchtlingsschiff von Lampe­dusa an die Biennale bringen. Die «Barca Nostra» ist Mahnmal für alle Flüchtlinge. (Bild: Marton Monus/EPA (8. Mai 2019))

Der künstlerische Leiter der Biennale, Ralph Rugoff, wünscht uns «interessante Zeiten». Das mag banal klingen. Aber eigentlich leben wir wahrlich in bewegten Zeiten. Politische Machtkämpfe, Klimaerwärmung, gesellschaftlicher Wandel, Globalisierung und Digitalisierung halten uns auf Trab. In Venedig kämpft man vor allem mit einem Problem: Es gibt zu viele Touristen. In der Stadt wie an der Biennale. Vor der Eröffnung heute drängten sich die internationale Kunstschickeria sowie Tausende Museums- und Medienleute in die Ausstellungen. Gigantomanisch ist die Biennale: Im riesigen Gelände des Arsenale, dem ehemaligen Militärhafen, in den Pavillons in den Giardini und verstreut über die ganze Stadt zeigen Rugoff sowie 90 Nationen, was die Kunst heute bewegt. Man steht Schlange – in der Hoffnung, wenn man erst drin ist, werde es besser.

«Frauen und Nichtweisse machen im Moment die interessantere Kunst.»

Doch was heisst besser? Gleich drei heisse Themen knallen uns im Arsenale zu Beginn in die Augen: Angst, Krieg und Ruinen. Die Künstlerinnen und Künstler rapportieren dabei nicht News. Die Porträtserie «Angst» von Soham Gupta aus dem nächtlichen Kalkutta zeigt uns verletzliche, aber liebevoll gezeichnete Menschen. Ihre Umgebung blendet sie aus. Anthony Hernandez gegenüber fokussiert darauf: In Rom hat er Strassen und Häuser fotografiert, dreckig, bröckelnd, aber in schillernden Farben. Gewaltigen Lärm verursacht Christian Marclay. Der in den USA lebende Schweizer hat aus 48 Kriegsfilmen ein vielschichtiges, verstörendes Gesamtwerk gesampelt. Grossformatige Porträts schwarzer Frauen – Lesben, Feministinnen und die südafrikanische Künstlerin Zanele Muholi selber – begleiten uns programmatisch fortan durch die Schau.

«After Illusion» des Künstlers Zahran Al Ghamdi im Saudi Arabia Pavillion. (Bild: Andrea Merola/ANSA via AP)

«After Illusion» des Künstlers Zahran Al Ghamdi im Saudi Arabia Pavillion. (Bild: Andrea Merola/ANSA via AP)

Doppelspiel, das nur bedingt funktioniert

Rugoffs Trick, alle Künstlerinnen und Künstler zwei Mal zu präsentieren – sowohl im Arsenale wie im zentralen Pavillon der Giardini – funktioniert nur bedingt. Oft ist es blosse Verdoppelung oder der Perspektiven- und Medien-Wechsel bleibt unbemerkt, weil man sich nicht alle Namen merken kann.

Der Zentralpavillon hat traditionelles Museumsambiente. Welch ein Unterschied war das früher zur Schäbigkeit und rohen Wucht der Arsenale-Bauten. Schade, dass Rugoff sie mit Holzwänden aufgehübscht und verharmlost hat. Im Vorfeld für Aufsehen gesorgt hatte Rugoffs Künstlerliste: Frauen und Nicht-Weisse sind in der Mehrheit. Ein Novum. «Sie machen im Moment die interessantere Kunst», sagte er. Dass aber viele von ihnen in den Kunstmarkt-mächtigsten Ländern – in den USA, Deutschland oder Frankreich – leben und vermarktet werden, sei doch erwähnt. Njideka Akunyili Crosby etwa ist in Nigeria geboren, lebt in den USA. Ihre Collagen über ihr Leben gemixt mit Bildern aus Magazinen gehören zu den Highlights.

Renate Bertlmann's Installation Discordo Ergo Sum. (Bild: Marton Monus/EPA)

Renate Bertlmann's Installation Discordo Ergo Sum. (Bild: Marton Monus/EPA)

Rostiges Mahnmal für Flüchtlinge

Damit wir, geblendet von Venedigs schöner Kulisse, die Probleme der Gegenwart nicht verdrängen, hat der Schweizer Christoph Büchel das wohl grösste Projekt der Biennale realisiert. Im Arsenale hat er die «Barca Nostra», das Wrack des 2015 gesunkenen Flüchtlingsschiff aufstellen lassen. Es wurde geborgen mitsamt den Hunderten im Schiffsbauch eingeschlossenen, toten Flüchtlingen. Die «Barca Nostra» steht als rostiges Mahnmal für alle Flüchtlinge, die ihr Leben riskieren, am Hafenbecken. Bekommt Rugoffs Slogan «May You Live In Interesting Times» hier nicht einen zynischen Beigeschmack? Mit dem Gratis-Kaffee, den eine italienische Firma gleich nebenan anbietet, lässt er sich – nicht – hinunterspülen.

Die 59. Biennale findet von heute bis am 24. November 2019 in Venedig statt. www.labiennale.org

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