KUNST: Liebeserklärungen an Danioth und Uri

Das Haus für Kunst Uri präsentiert den Urner Künstler Peter Regli. Auf seine eigene Art setzt er sich mit Heinrich Danioth auseinander.

Urs Bugmann
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Vor Heinrich Danioths «Winterlandschaft 1950» lässt Peter Regli zersägte Adler fliegen. (Bild Urs Hanhart)

Vor Heinrich Danioths «Winterlandschaft 1950» lässt Peter Regli zersägte Adler fliegen. (Bild Urs Hanhart)

Seitlich gespiegelt und vierzehnfach vergrössert liess Peter Regli von Zürcher Theatermalerinnen Heinrich Danioths Aquarell «Winterlandschaft» von 1950 auf zwei Wände des Danioth-Pavillons im Haus für Kunst Uri malen. Der braungetönte Blick auf den Vierwaldstättersee mit seinen Tannen, die ihre Äste empfangend nach oben recken, wird zum begehbaren Bild, erlaubt die nahe Sicht auf die fein nuancierten Farbschichten, den schwunghaften Pinselstrich, den Dunstschleier über dem See.

Zwischen Sehen und Übersehen

Mitten in den Raum hinein, von vielfach gebrauchten Kletterseilen der Armee gehalten, hängen aus massiven Holzstämmen geschnitzte Adler, die Schwingen im Sturz hochgestellt. In der Vertikalachse entzweigesägt und verdreht, werden die Vögel zu rätselvollen Zeichen, zu Fabelwesen. Durch Natur und Schönheit geht ein Bruch. «Ich habe mehr denn je teuflische Freude daran, Fragezeichen in die Welt zu stellen», sagte Peter Regli einmal in einem Interview über seine Eingriffe ins Gewohnte und Gewöhnte, die er als «Reality Hackings» bezeichnet. Es ist die «Wahrnehmungsschwelle zwischen Sehen und Übersehen», die der 1959 in Andermatt geborene Künstler ausloten will.

Nicht zu übersehen ist der riesige Schneemann aus Marmor, der vor dem Eingang zum Haus für Kunst Uri in Altdorf steht. Über ihm flattert auf weisser Fahne ein rotes Herz. Barbara Zürcher, Direktorin des Hauses, sieht die erste Einzelausstellung des Künstlers in Uri als «eine grosse Liebeserklärung von Peter Regli an seinen Heimatkanton».

Das grosse Herz ist auf einer Wand im Innern wiederzuentdecken: Flach ausgegossene Zinnflecken bilden die Form nach. «Andermatt im Urserntal 1934» nennt Peter Regli das Werk. Der Titel gehört zu einem Bild von Heinrich Danioth, mit dem sich der Künstler auf seine eigene Art auseinandersetzt.

Allgegenwärtiger Danioth

Ohne dass ein einziges Werk von Heinrich Danioth zu sehen wäre, ist der grosse Urner Maler aus dem letzten Jahrhundert (1896–1953) in der ganzen Ausstellung gegenwärtig. Sämtlichen eigenen Arbeiten gab Peter Regli Titel aus Danioths Œuvre. Zwei Schneemänner mit asiatischen Rosettenaugen und Mündern heissen «Urnerinnen 1938», zwei winzige, in Silber gegossene Teddybären stehen als «Knabe mit Kuhglocke 1944» auf einem Sockel. Ein Schlitten, mit einem Bündel verschnürter Holzkohle, trägt den Titel «Baumgartens Rettung 1925» und weist ironisch auf das «Rudel» von Joseph Beuys.

Liegender Bär

Zum Tempelraum ist der grosse Saal gestaltet. «Im Gwüest 1945» liegt ein mächtiger, aus einem Baumstamm geschnitzter, aufrecht stehender Bär auf dem Rücken, zwei Säulen, Repliken der Eingangssäulen, stützen die Decke. Die «Schächentaler Hirtin mit Ziege 1928» gibt draussen im Hof ein Echo auf dieses Ensemble: Ein Stamm mit tiefroten Schnittflächen liegt dort aufgebahrt.

Im Obergeschoss sind Wände entfernt, wurde der Raum geöffnet für 25 ab-strakte Kleinskulpturen aus Holzkohlestücken: «Berge über Nebelmeer 1925». 108 mit Tusche gemalte schwarze Schneemänner bilden dazu ein zweizeiliges Fries voller Lebenslust: Die Kugelmänner sind zornig oder fidel, sie feixen und setzen grosse Fragezeichen hinter die Kunst und die Wirklichkeit.

Hinweis

Haus für Kunst Uri, Herrengasse 2, Altdorf. Bis 18. August. Do/Fr 14–18 Uhr, Sa/So 11–17 Uhr. Vernissage heute Samstag, 8. Juni, 17 Uhr. Anschliessend Kunstfest 50 Jahre Kunstverein Uri.