Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Kunst mit Kühleffekt

In den gängigen Tipps gegen Hitzestau und Schweissflecken fehlt stets ein Hinweis. Die Kunst.
Sabine Altorfer
Caspar Wolf: Die Schwarze Lütschine aus dem Untern Grindelwaldgletscher entspringend von 1777. (Bild Kunstmuseum Bern)

Caspar Wolf: Die Schwarze Lütschine aus dem Untern Grindelwaldgletscher entspringend von 1777. (Bild Kunstmuseum Bern)

Man soll Kühlhäuser in den Städten bauen, damit die Menschen bei den künftig üblichen Hitzewellen einen Rückzugsort haben. Das forderten kürzlich Gesundheitsfachleute. Man wunderte sich, existieren diese Kühlräume doch seit Jahrhunderten. Nicht ungesunde 10 Grad kalt, sondern einfach etwas kühler als die Umgebung. Angenehm also. Man findet sie leicht, sind es doch zwei weit verbreitete Gebäudetypen: Kirchen und Museen.

Wem der reale Kühleffekt im Museum zu wenig stark erscheint, kann mit einem kleinen Trick nachhelfen. Schlendern Sie durch die Sammlung, lassen Sie aber hitzeflimmernde Kornfelder, glühende Abstraktionen oder einheizende Videoszenen für einmal unbeachtet. Tauchen Sie ab in schattige Landschaften, erfrischende Seestücke oder eiskalte Schneefotografien.

Kaltes Grün und Blau wirken als Frostmittel

Im Kunstmuseum Basel etwa lohnt es sich, direttissima den Aufstieg zum aktuellen Sammlungsschwerpunkt Berge anzupeilen. Steht man erst vor Alexander Calames Werk «Am Urnersee», kann man sich genüsslich im talfüllenden, eiskalt anmutenden grünen Schatten verlieren. Der Blick in die Tiefe zeigt den dunkeln See, wie kalt muss der sein! Brauche ich nicht ein Jäckchen in dieser Umgebung?

Eintauchen in kühle Schatten: Alexandre Calame, «Am Urnersee» von 1849. (Bild: Kunstmuseum Basel)

Eintauchen in kühle Schatten: Alexandre Calame, «Am Urnersee» von 1849. (Bild: Kunstmuseum Basel)


Auch Ernst Ludwig Kirchner und Ferdinand Hodler liebten für ihre Bergbilder dieses kalte Grün und Blau. Man kann sich darin vergucken – bis einem fröstelt. Dabei sind wir bei ihren alpinen Landschaften noch weit, weit weg vom ewigen Schnee.

Ernst Ludwig Kirchner hinterlegte die «Amselfluh» 1922 mit kaltem Grün-Bau. (Bild:Kunstmusum Basel)

Ernst Ludwig Kirchner hinterlegte die «Amselfluh» 1922 mit kaltem Grün-Bau. (Bild:Kunstmusum Basel)

Selbstverständlich findet man nicht nur in Basel kühlende Kunst, sondern in jeder Museumssammlung. In St. Gallen beispielsweise generieren die alten Niederländer mit gischtenden Wellen und Sturm für Hühnerhaut, in Solothurn vermeidet man sich Frank Buchsers Schönheit im lichtgesprenkelten Schatten Schweissflecken.

Frank Buchser spielt «Im Sonnenschein» von 1862 mit dem Schatten. (Bild: Kunstmuseum Solothurn)

Frank Buchser spielt «Im Sonnenschein» von 1862 mit dem Schatten. (Bild: Kunstmuseum Solothurn)

In Zürich versprühen Claude Monets Seerosen angenehme Frische und in Aarau sorgen Giovanni Segantini und Caspar Wolfs hochalpine Darstellungen für kühle Schauer. Stellt man sich diese Winterbilder, die eisbedeckten Berggipfel auf den Fotos von Balthasar Burkard, die türkiskalten Gletscher von Félix Vallotton, die schlittschuhlaufenden Menschen auf den holländischen Wimmel-Winterbildern oder die armen Vögelchen auf den kahlen Ästen vor dem zugefrorenen Untersee von Adolf Dietrich nur schon vor, vergisst man das Schwitzen.

Doch kaum gekühlt, erinnert man sich daran, dass der Bodensee kaum mehr zufriert, dass es auch in den Bergtälern wärmer und wärmer wird und dass die Gletscher nur noch ein trauriger Rest ihrer selbst sind. Auch um dieses Problem kümmert sich die Kunst. Die Berner Künstlerin Barbara Kiener machte in einer waghalsigen nächtlichen Guerilla-Aktion auf diese für alle wahrnehmbare Schmelze aufmerksam. Am oberen Grindelwaldgletscher kletterte sie über die seit Jahren gesperrte, 160 Meter lange Leiter zum früheren Kiosk hoch, der einst direkt am Gletscher gelegen war. Sie bemalte ihn pink, damit er als Mahnmal für die Gletscherschmelze weitherum sichtbar werde.

Die Gletscher und die Kunst haben den Blues

Der Schmelze der Grindelwaldgletscher nimmt sich aktuell auch das Kunsthaus Interlaken mit der Ausstellung «keineismehr» an. Caspar Wolfs semi-dokumentarische Gemälde aus dem 18. Jahrhundert mit ihren gewaltigen und bedrohlichen Eismassen oder das reinweisse Eisband auf Johann Jakob Biedermanns beschaulicher Vedute wirken dabei als nostalgische wie kühle Erinnerung an bessere Eiszeiten. Beim heutigen klimaaktiven Künstler George Steinmann haben die Gletscher den Blues. Wörtlich gemeint und musikalisch umgesetzt.

Die Gletscher haben den Blues. George Steinmann intoniert ihn auf dem Rhonegletscher. Videostill von 2015, zu sehen in Interlaken. (Bild:George Steinmann)

Die Gletscher haben den Blues. George Steinmann intoniert ihn auf dem Rhonegletscher. Videostill von 2015, zu sehen in Interlaken. (Bild:George Steinmann)

Mussten sich die Menschen früher vor den Eismassen schützen, so versuchen sie sie heute vor dem Verschwinden zu bewahren. Man deckt sie etwa mit hellem Vlies ab. Die im Bündnerland lebende Ester Vonplon hat stille Schwarz-Weiss-Fotos dieser Tücher aufgenommen, Details meist: Falten, zerrissene und zusammengenähte Stellen, die wie schlecht verheilte Narben menschlicher Haut wirken. Stephan Eicher hat zu ihren Fotos melancholische Klänge komponiert – das Video «Gletscherfahrt» gehört zu den eindringlichsten künstlerischen Arbeiten zum Thema Klimaerwärmung.

Ester Vonplon: Videostill aus Gletscherfahrt, 2015. (Bild:Ester Vonplon)

Ester Vonplon: Videostill aus Gletscherfahrt, 2015. (Bild:Ester Vonplon)

«Klimawandel ist schick geworden. Aber er ist oft in eine Ästhetik gepackt, die nicht weh tut», sagt der deutsche Soundkünstler und Dozent Kalle Laar. Er vertraut Tönen mehr als Bildern und hat auf dem österreichischen Vernagt-Gletscher vor zehn Jahren ein Mikrofon implantiert, das man per Telefon (Nummer +43 5254 30089) abhören kann.

Kalle Laar. "Call me". (Bild: Ho)

Kalle Laar. "Call me". (Bild: Ho)

«Call me!» heisst die Aktion. «Im Winter ist der Gletscher ziemlich still, im Sommer aber tropft und rauscht es gewaltig», sagt Kall. Ob es einem dabei heiss oder kalt den Rücken herunterläuft?

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.