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KUNST: Museen in Riehen und Basel zeigen Bilder von Baselitz

Zum 80. Geburtstag schenkt die Fondation Beyeler Georg Baselitz eine fulminante Retrospektive. So temperamentvoll wie die Malerei ist sein Charakter: Seine Laufbahn war von mehreren Skandalen geprägt.
Christina Genova
Georg Baselitz vor seinem monumentalen Selbstporträt «Avignon ade» von 2017. (Bild: Patrick Straub/Keystone)

Georg Baselitz vor seinem monumentalen Selbstporträt «Avignon ade» von 2017. (Bild: Patrick Straub/Keystone)

Christina Genova

Jeden Tag frühmorgens geht Georg Baselitz auch mit fast 80 Jahren ins Atelier, wo er zwei bis drei Stunden arbeitet: «Viel mehr ist nicht drin, da bin ich altersmässig eingeschränkt», sagte der grosse deutsche Maler, der am 23. Januar Geburtstag feiert, der Wochenzeitung «Die Zeit». Von Altersmüdigkeit war gestern in der Fondation Beyeler in ­Riehen nichts zu spüren. Dort stand er der Presse Red und Antwort. Das Kunstmuseum macht dem quicklebendigen Baselitz ein grossartiges Geburtstagsgeschenk: eine umfassende Retrospektive mit 81 Gemälden und 12 Skulpturen auf 1500 Quadratmetern. Das älteste Werk stammt von 1959, die jüngsten, noch nie gezeigten Arbeiten von 2017. Auf eine Baselitz-Einzelausstellung musste man in der Schweiz lange warten: Die letzte liegt über 22Jahre zurück; sie fand 1990 im Kunsthaus Zürich unter dem ­Kurator Harald Szeemann statt.

Einfach war er nicht, der Weg zum gefeierten Malerfürsten, der auf den obersten Plätzen der internationalen Künstlerratings aufgeführt wird, übertroffen nur von seinem wenig älteren Kollegen Gerhard Richter, der wie er aus Sachsen stammt. Schon nach zwei Semestern Studium an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Ostberlin wird Baselitz aus der Akademie geworfen: Seine Beschäftigung mit Picasso wird ihm als «gesellschaftspolitische Unreife» ausgelegt. Das Studium setzt der junge Wilde in Westberlin fort.

Gemälde unter Pornografieverdacht

Baselitz gefällt sich bis heute in der Rolle des Malerrebellen, der mit seinen Aussagen gerne aneckt und provoziert, etwa wenn er vor fünf Jahren in einem «Spiegel»-Interview zu Protokoll gibt, dass Frauen nicht so gut malen könnten wie Männer. Oder wenn er in der neusten «Die Zeit» behauptet, die deutsche Demokratie sei wegen ihres Umgangs mit der AfD undemokratisch. So erscheint es stimmig, dass Baselitz 1963 mit einem veritablen Kunstskandal in den Fokus der Öffentlichkeit rückt – es sollte nicht der letzte bleiben. In seiner ersten Galerieausstellung werden zwei Gemälde von der Staatsanwaltschaft wegen Pornografieverdacht beschlagnahmt. Die «Berliner Zeitung», ein Boulevardblatt, titelt: «Gericht: Diese Bilder sind unzüchtig.» Nach zwei Jahren wird das Verfahren eingestellt. Eines der Gemälde, das ­legendäre «Die grosse Nacht im Eimer», ist in der Ausstellung zu sehen: Ein Mann in kurzen Hosen hält sein riesiges Geschlechtsteil in der Hand, sein Gesicht scheint zu zerfliessen, der gräuliche Hintergrund unterstreicht die düstere Stimmung. Baselitz bestreitet, dass dieser Aufruhr in seinem Sinne war. Doch die Kunstwelt aufmischen, das wollte er durchaus. Rückblickend sagt er: «Wenn ein Künstler beginnt, muss er auf irgendeine Weise auffällig werden.» Von Anfang an schwamm Baselitz gegen den Strom. In einer Zeit, in der alle abstrakt malten und Informel die Kunstrichtung der Stunde war, hielt er stur an der Gegenständlichkeit fest. Vom «Sonderweg eines Sonderlings» spricht der Künstler in Bezug auf seine Karriere. Die ­Abarbeitung an der deutschen Geschichte zieht sich wie ein ­roter Faden durch Baselitz’ Schaffen. Als Sohn eines überzeugten Nazis und als ehemaliger DDR-Bürger hat er sie selbst erlebt und erlitten. In den 1960er-Jahren, 20 Jahre nach Kriegsende, schafft er die Serie der Helden. Es sind abgehalfterte Typen, Stellvertreter für eine verlorene Kriegsgeneration, die vor einem Scherbenhaufen steht. Die Skulpturengruppe «Dresdner Frauen» von 1989/90 ist eine Hommage an die «Trümmerfrauen», welche die im Krieg in Schutt und Asche gelegten deutschen Städte aufräumten. Die leuchtend gelb bemalten Köpfe sind nur grob mit Kettensäge und Axt bearbeitet. Im Gegensatz zu anderen Baselitz-Skulpturen wirken sie nicht plump, sondern verletzlich.

Den künstlerischen Durchbruch schafft Baselitz gemäss eigener Einschätzung mit seinem umstrittenen Auftritt im deutschen Pavillon 1980 an der Biennale von Venedig. Im von den ­Nationalsozialisten umgebauten Gebäude platziert er eine einzige, in Rot und Schwarz gefasste Holzskulptur – es ist seine erste Skulptur überhaupt. Deren ­gereckter Arm wird von einigen Medien prompt als Hitlergruss interpretiert.

Bilder auf dem Kopf als Markenzeichen

Der Gang durch die chronologisch geordnete Ausstellung ist eine Freude: Die Fondation Beyeler hat es geschafft, zahlreiche Schlüsselwerke aus 60 Jahren künstlerischen Arbeitens zusammenzutragen – alle wichtigen Schaffensphasen sind vertreten. Es fällt auf, wie gut die Werke ­Baselitz’ gealtert sind, selbst jene aus den 1960ern wirken erstaunlich zeitgemäss. In all den Jahren hat sich der Künstler immer wieder neu erfunden, auch sein ­Alterswerk ist beachtlich.

Zu Baselitz’ Markenzeichen geworden sind die Bilder, die auf dem Kopf stehen. Das erste ist «Wald auf dem Kopf» von 1969, das jedoch in der Ausstellung fehlt. Dafür ist «Elke 1» aus demselben Jahr zu sehen. Es ist das erste Porträt, das Baselitz von seiner Frau anfertigt – sie ist ebenfalls kopfüber dargestellt. Fortan wird der Künstler Elke immer wieder porträtieren, manchmal alleine, manchmal gemeinsam mit ihm als Paar. Baselitz stellt seine Leinwände nicht etwa nachträglich auf den Kopf, sondern gestaltet das Werk schon von Anfang an kopfüber. Diese Strategie entwickelte sich auch aus der Arbeitsweise des Künstlers heraus, der seine Bilder grundsätzlich auf dem Boden liegend malt – damit die dünnflüssig aufgetragene Farbe nicht fort fliesst. Indem er die Bilder auf den Kopf stellt, lenkt Baselitz die Aufmerksamkeit vom Motiv weg auf den Akt des Malens. In dieser Eigenheit sieht Baselitz eine Art von «drittem Weg» zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit.

21.1.–29.4.; Am Sonntag zeigt SRF 1 um 23.20 Uhr den sehenswerten Dokfilm «Baselitz – ein deutscher Maler» von 2013.

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