KUNST: Thyl Eisenmann: Fasnachtskünstler – und noch viel mehr

Der letztes Jahr verstorbene Thyl Eisenmann war ein bekannter und vielseitiger Gestalter. Eine Würdigung aus Anlass einer erst kürzlich aufgetauchten Radierung.

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«Carpe diem» (Nütze den Tag!) entstand in Thyl Eisenmanns letztem Lebensjahr und zeigt den Luzerner Weinmarkt. Die Hauskatze (links unten), die Thyl während Jahren begleitet hat, erscheint hier erstmals. (Bild: PD)

«Carpe diem» (Nütze den Tag!) entstand in Thyl Eisenmanns letztem Lebensjahr und zeigt den Luzerner Weinmarkt. Die Hauskatze (links unten), die Thyl während Jahren begleitet hat, erscheint hier erstmals. (Bild: PD)

Die Fasnachtstage sind längst wieder vorüber. Doch dieses Jahr fehlte etwas: die Fasnachtsradierung von Thyl Eisenmann (Bild). Viele hatten auf ein neues, buntes, poetisches Werk gewartet. Vergeblich. Denn Thyl Eisenmann starb am 30. November mit 67 Jahren.

Akademische Bildtradition

Bildnerisches Talent erbte Thyl Eisenmann vor allem von seiner Mutter Eva Westphal. Nach der Kantonsschule Luzern studierte er kurz Kunstgeschichte an der Uni Zürich, ehe er sich an der Luzerner Schule für Gestaltung (heute: Hochschule für Design und Kunst) zum Zeichenlehrer ausbilden liess.

In der Bildhauerfachklasse bildete er sich weiter. An der Universität für angewandte Kunst in Wien erwarb er Fachwissen für die grafischen Drucktechniken. Thyl Eisenmann war danach an der Bezirksschule Menziken AG als Zeichenlehrer tätig, gab Radierkurse an der Zeichenschule Luzern, gestaltete Bühnenbilder und Plakate für die Luzerner Spielleute – und fertigte im Auftrag Fasnachtsradierungen. Diese Auftragsarbeiten prägen bis heute das Bild des Künstlers in der Öffentlichkeit.

Künstlerische Herausforderung

Eine Handzeichnung steht am Beginn jeder Radierung. Das Verhältnis zwischen Idee und Technik ist entscheidend. Seitenverkehrt wird die Handzeichnung auf eine plan geschliffene Kupferplatte durchgepaust. Mit Stichel und Ätzung entsteht schliesslich in einem langen, komplizierten Prozess die Radierung.

Eisenmann verfeinerte diese Technik. Während andere Künstler die schwarz-weisse Radierung nach dem Druck mit dünnen Aquarellfarben lasierten und die geschlossenen Flächen mit einem einheit­lichen Farbton kolorierten, wählte Thyl Eisenmann einen viel schwierigeren und aufwendigeren Weg. Zarte Graustufen wurden in die Radierung eingesetzt; die passgenauen weiteren Druckplatten in den Grundfarben erzeugten so im Mehrfachdruck die differenziert-satten wie lebendigen Farbabstufungen. Thyl Eisenmanns Radierungen sind Augenweiden und Quellen der Lebensfreude.

«Alles viel dunkler in der Endausführung», schrieb er am 6. September 2007 in das Ätzprotokoll seines Skizzenbuchs zur Aquatinta-Radierung «Brückenschlag». Das Protokoll umfasst eine Seite Bleistiftnotizen für die perfekte Zeitplanung von 9 unterschiedlichen Ätzstufen mit Einzelhinweisen auf 107 Figuren, Dinge, Häuser innerhalb des Bildes. 75 bis 80 Sekunden veranschlagte er bei der Planung für die ver­schie­denen Ätzstufen. Aus den Sekunden wurden mit der Vorbereitung der (giftigen) Säurebäder, dem Abdecken, Ätzen, Freilegen, Polieren und Korrigieren Tage. Am 12. September um 12.10 Uhr notierte er erleichtert ins selbe Skizzenbuch: Ende. Und: Druck um 18.00 Uhr.

Hillary Clinton erhielt Geschenk

Mit diesen einzigartigen Radierungen schuf sich Thyl Eisenmann eine grosse Fangemeinde – nicht nur unter den Fasnächtlern. Es war ihm dabei zunehmend unwohl, sich als Künstler auf das Thema Fasnachtskunst reduziert zu sehen. Zwar pries er zunächst alljährlich das neue Blatt als Fasnachtsradierung an; 2007 hiess sie Fasnachtskunstblatt, 2014 schliesslich Kunstradierung.

Als Künstler wollte er wahrgenommen werden. Ende der 90er-Jahre schuf er für die Stadt eine Stadtvedute, die der Stadtrat einflussreichen Gästen aus dem In- und Ausland (unter ihnen Hillary Clinton und Bundespräsident Roman Herzog) als Geschenk überreichte.

Jede Radierung ist nicht nur das Zeugnis einer stupenden künstlerischen Technik; es ist eine neue grosse Erzählung. Die Gemälde von Paul Gauguin (1848–1903) sowie die Druckgrafik von Hieronymus Bosch (1450–1516), Pieter Breughel d. Ä. (1565–1569) und Giovanni Battista Piranesi (1720–1778) haben Thyl Eisenmann stark beeinflusst. Jede Figur, jedes Stück Architektur und jedes Detail entwickelte er in den Regeln einer künstlerischen Tradition und blieb dabei nicht in ihr eingekapselt. Im Gegenteil: Thyl Eisenmann hinterliess neben den Radierungen unzählige Gemälde, Handzeichnungen und Skizzenbücher. Sie zeigen eine Vielfalt künstlerischer Ausdrucksweisen, die nachhaltig und stärker von der Moderne beeinflusst sind als seine fasnächtlichen Kunstradierungen. Der künstlerische Nachlass wird derzeit inventarisiert und aufgearbeitet.

Thyl Eisenmann hat im Laufe der Jahre in seinen mehrfarbigen Radierungen die Plätze in der Altstadt und in der Kleinstadt aufscheinen lassen. 2015 arbeitete er an der Radierung mit dem Motiv des Weinmarkts. Sie zeigt den Platz voll lebendiger Commedia dell’Arte. Für die farbigen Platten fehlten Thyl Eisenmann Kraft und Zeit. Posthum erscheint nun das Weinmarkt-Blatt unter dem Titel «Carpe diem», es ist erhältlich unter: eisenmann@bunteshaus.ch

Ueli Habegger

Hinweis

Ueli Habegger, ehemaliger Denkmalpfleger der Stadt Luzern, verfasste diesen Beitrag als Gastautor.

Thyl Eisenmann. (Bild: Archiv Neue LZ / Remo Nägeli)

Thyl Eisenmann. (Bild: Archiv Neue LZ / Remo Nägeli)