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Kunstfestival «Kraut» bot Hochspannung ums Elektrizitätshaus

An sechs Orten poppt «Kraut» in Luzern auf. Visuell, akustisch, immer überraschend. Die erste Ausgabe startete am Alpenquai.
Edith Arnold
"Kraut" mit verspielter Geometrie. (Bild: Johanna Saxen, 19. Juli 2019)

"Kraut" mit verspielter Geometrie. (Bild: Johanna Saxen, 19. Juli 2019)

Wie Wegweiser schreiten sie quer durch die Stadt: die Frau mit Plisseerock in metallisch glänzendem Rostrot, der Mann mit orangem Rucksack und rötlichem Bart. Ziel ist offenbar das Kunstfestival «Kraut» am Alpenquai. Dort stehen die beiden später vor einem grossformatigen Bild in Leuchtorange. Einmalige Farb- und Lichtszenen entstehen zwischen 19 und 22 Uhr laufend am eigentlich so unspektakulären Ort.

Alpenquai, wo der Ufschötti-Weg beginnt: Ein Andreaskreuz macht auf das Bahngleis unter dem Gras aufmerksam. Ein paar nesselblättrige Glockenblumen gedeihen im Gestrüpp seitlich des kleinen Elektrizitätshauses. Auf einem Schild steht: «Vorsicht! Hochspannungsraum! Lebensgefahr! Unbefugter Zutritt verboten!»

Künstler reagieren
 auf öffentliche Räume

Davix, mit Wurzeln in Luzern, holt zwei fast identische Bilder aus seinem Archiv und hängt sie an die beigen Fassaden. Fünfzehn Jahre lang auf den dreistündigen Auftritt zu warten, hat sich gelohnt. Fünf weisse Linien übers Eck auf der leuchtorangenen Fläche: Das Davix- und Andreaskreuz verstärken zusammen die Signalwirkung. Beim zweiten Bild drückt unter der grünlichen Oberfläche dieselbe Struktur durch. In den letzten Tagen kamen neue Schichten hinzu: Zuerst sieht man vor allem Spiralaugen und Zackenzähnen vor leuchtorangen «Lippen». «Theorie und Praxis» heisst das Bildpaar.

«Überall in der Stadt gibt es unbeachtete Orte, die sich für anregende und aussergewöhnliche Ausstellungen eignen»: Das ist der Antrieb von «Kraut». Auf die «visuelle Qualität» der öffentlichen Räume soll mit Installation, Malerei, Skulptur, Fotografie, Performance oder Musik reagiert werden. Zu allen sechs Orten wählen die Veranstalter drei Künstlerinnen und Künstler aus. Einmal lokal, einmal national, einmal international – idealerweise. Das Festival biete die Chance zu neuartigen Kollaborationen, sagt Mitorganisatorin Alice Busani. Die in Luzern tätige Architektin stammt aus Parma – der «italienischen Kulturhauptstadt 2020». Nächstes Jahr wird «Kraut» darum erstmals ausarten: Das Kunstfestival findet dann in beiden Städten statt.

Jetzt aber stehen Davix, Katharina Anna Wieser und Krankenzimmer 204 auf dem Programm. Kunstfestivalstimmung kommt auf. Ein Mann mit Surfbrett unter dem Arm durchläuft die Szenerie. Jemand stösst aus Versehen das voluminöse Ensemble von Katharina Anna Wieser um. Alles wird sofort wieder in Position gerückt. Wobei die drei geometrischen Holzkörper etwas Spielerisches haben. Das Gestänge korrespondiert mit der Skelett-Architektur auf der anderen Strassenseite.

Die Sonnenstrahlen sind inzwischen anderswo. Im gleichmässigen Licht leuchtet Davix’ Bild oranger denn je. Neben dem Elektrizitätshaus steigt die Spannung. Roman Pfaffenlehner alias Krankenzimmer 204 installiert sich zwischen Knöpfen, Kabeln, Monitor und Boxen. Das Urgewächs des Industrial-Electro-Sounds drehte schon vor Cobra Killer, Alec Empire, Legendary Pink Dots und Young Gods auf, vor wenigen Tagen auch beim 6 1/2-Event in Zürich. Junge Leute passieren den Liveact am Alpenquai. Der Typ im komischen Hawaii-Hemd macht coolen Sound: Stehenbleiben? Weitergehen? Das natürliche Licht etwas mehr gedimmt – und es hätte sich vor Ort durchaus eine kleine Technoparty entwickeln können.

Perfekte Inszenierung von Davix am Kunstfestival «Kraut»: Drei Stunden lang zeigt das gleiche Bild immer neue Gesichter. (Bild: Edith Arnold, Luzern, 19. Juli 2019)

Perfekte Inszenierung von Davix am Kunstfestival «Kraut»: Drei Stunden lang zeigt das gleiche Bild immer neue Gesichter. (Bild: Edith Arnold, Luzern, 19. Juli 2019)

Zwei Augen und 
bissige Zähne

Doch bei «Kraut» gedeiht alles üppig im grünen Bereich. Gegen 22 Uhr nimmt Katharina Anna Wieser den Akkubohrer. Die Baslerin entfernt in wenigen Minuten 4 mal 32 Schrauben. Ihre Dachlatten und Platten werden zum Transporter bewegt. An der Fassade des Elektrizitätshauses haben inzwischen andere Künstler übernommen: Eine Strassenlaterne zeichnet Schatten von Ästen und Blättern aufs verblasste Orange. Auch das zweite Bild wird abgehängt: Zwei Augen und bissige Zähne wandern durch die Nacht. Schimmerten auf der Leinwand eben die Umrisse eines Schädels durch?

Das Angebot an der Bar bleibt noch eine Weile einladend. Etwas Aperol – der Farbe wegen? Alle Getränke werden übrigens in handpolierten Gläsern gereicht. Funktionaler Pop-up mit Stil ist angesagt. Innert Sekunden kann sich die fliegende Bar in einen Veloanhänger mit Holzelementen und Transportkisten verwandeln.

Nächste Termine: Donnerstag, 25. Juli, Mariahilfsteig, anlässlich Auftritt von Roi Carmeli, Valentin Beck, Pink Spider & Sleepyhouse sowie Samstag, 27. Juli, Carl-Spitteler-Quai, mit Florian Thate und Music for Eggplant. www.kraut.li

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