Kunstmuseen
Guter Rat – Notvorrat. Oder wie die Museen in der Krise auf ihre Sammlungen setzen

Wenn Kunst, Kuriere und Künstlerinnen wegen Corona nicht reisen können, holen die Museen ihre Schätze aus dem Keller. Warum es sich lohnt und hoffentlich nachwirkt. .

Sabine Altorfer
Merken
Drucken
Teilen
Ab in die Box, ins Matratzenrefugium oder im Flugzeugrumpf gedanklich abheben: In der «Città irreale» in der St. Galler Lokremise ist das möglich.

Ab in die Box, ins Matratzenrefugium oder im Flugzeugrumpf gedanklich abheben: In der «Città irreale» in der St. Galler Lokremise ist das möglich.

Sebastian Stadler

Wir wissen es und witzeln darüber: Die Leute haben bei Ausbruch der Pandemie gehortet. Haben Reis, Mehl und Büchsenravioli eingekauft, um zu überleben, wenn man sich einbunkern müsste. Museen machen eigentlich nichts anderes als zu horten – es ist gar ihre Aufgabe Kunst zu sammeln. Nicht für schlechtere Zeiten, sondern um als Gedächtnis der Kultur wirken zu können. Meist kaufen sie zeitgenössische Arbeiten, noch nicht wissend, ob sie Jahrzehnte später als Meisterwerke oder Eintagesfliegen eingestuft werden, ob sie zum grandiosen Wein reifen oder keine Treibkraft mehr besitzen wie überlagerte Hefe oder ranzig werden wie Öl.

Physische Chillzonen und geistige Kraftorte

Durch Ankäufe und vor allem durch Schenkungen wachsen und wachsen die Sammlungen. Weniger als zehn Prozent können die Museen überhaupt zeigen – trotz der vielen Neu- und Erweiterungsbauten. Doch die Besucherinnen und Besucher kommen im Normalfall nur selten wegen der Sammlung, es sei denn man besitze die Mona Lisa. Die Sammlungsräume sind physische Chillzonen, aber sie wären geistige Kraftorte. Das grosse Publikum lockt man mit werbewirksamen Sonderausstellungen, für die man Werke einer Künstlerin oder zu einem Thema bei anderen Museen, Privaten oder Galerien ausleiht. Das ist so kostspielig wie aufwendig. Denn die teuren Werke fliegen teuer versichert, einzeln in klimatisierten Kisten und exklusiv begleitet von einem Kurier um die Welt. Oder die internationalen Stars reisen an, um ihre Schaus aufzubauen. Diesen globalen Kunstwettstreit hat Corona harsch unterbrochen, weil Grenzen geschlossenen waren, Flüge ausfielen, so dass weder Kuriere, Künstlerinnen noch auswärtige Kuratorinnen anreisen konnten und können.

Nun zeigen die Museen, was sie haben

Seit gut einem Monat sind die Museen in der Schweiz wieder offen – und sie sind trotz Absagen nicht leer. Die Museumsleute haben die Zeit ohne Publikum und Kurzarbeit gut genutzt. Zum einen haben sie digital aufgerüstet und uns damit über die kulturfreie Zeit geholfen. Mit Rundgängen, Talks und Bildbetrachtungen haben sie uns zu Entdeckungen animiert, viele haben auch ihre Online-Sammlung – endlich – erweitert. Und sie haben Ausstellungen vorbereitet – zum Teil Notfallprogramme, denen man den Notfall nicht ansieht. Denn der Vorrat der Museen ist so riesig, dass sich daraus abwechslungsreiche Menüs zaubern lassen.

Ob «Living with Art» im Kunstmuseum Winterthur, ob die Odyssee von Angelika Kaufmanns «Telemach» oder «Serie und Variation» im Bündner Kunstmuseum Chur, ob Meisterwerke in Bern, «Memory» im Kunstmuseum Olten oder Louis Soutter und Sophie Taeuber-Arp in Fotografien im Aargauer Kunsthaus: Hinter diesen Titeln stecken nicht eingeflogene Werke, sondern die hauseigenen Sammlungen. Thematisch oder chronologisch geordnet, neu gesehen, oft Unbekanntes endlich (mal wieder) hervorgeholt. Und wenn das Kunstmuseum Basel Neuerwerbungen der Emanuel Hoffmann-Stiftung zeigt, muss es das in drei Etappen machen, so vieles gibt es (erstmals!) zu zeigen.

Kunstmuseum Basel Gegenwart: Monika Sosnowska «Concrete Ball» von 2008. Aus den Neuerwerbungen der Emanuel Hoffmann-Stiftung, Depositum in der Öffentlichen Kunstsammlung Basel.

Kunstmuseum Basel Gegenwart: Monika Sosnowska «Concrete Ball» von 2008. Aus den Neuerwerbungen der Emanuel Hoffmann-Stiftung, Depositum in der Öffentlichen Kunstsammlung Basel.

Tom Bisig, Basel

Paradebeispiel Kunstmuseum St. Gallen

«Welt am Draht» mit Video- und Medienarbeiten der letzten vierzig Jahr lockt nach St. Gallen. Arbeiten, die sich mit ihrem Medium und seiner Beziehung zur Gesellschaft auseinandersetzen – und dazu auch mit dem Traum und Albtraum von künstlich erschaffenen Welten. Silvie & Chérif Defraoui ordnen die globale Geografie neu, Matthew McCaslin türmt Technik zu apokalyptischen Installationen oder macht Plastiksäcke auf einem Baum zum poetischen Videoerlebnis, Mona Hatoum schlurft barfuss, aber lachend durch London – und über allem wacht Pipilotti Rist.

Doch das Kunstmuseum St. Gallen bietet aktuell noch mehr Sammlung: Neuzugänge der letzten Jahre füllen das Erdgeschoss, kapitale Werke von Per Kirkeby, witzige Fotoarbeiten von Mäddel Fuchs und Skulpturen aus Stoff von Johanna Nissen-Grosser. Die Täfelchen zeigen: Das meiste sind Geschenke. Davon leben die Museen. Den dritten Stock füllt eine einzige Schenkung: Die beiden Besitzer der St. Galler Erker Galerie haben während Jahrzehnten international angesagte Kunst gezeigt, verlegt und gesammelt, über 1000 Werke vermachten sie dem Museum, Nachkriegskunst vom Feinsten. Hier habe ich erstmals Malereien des Dramatikers Eugène Ionesco gesehen!

Werke von Eugène Ionesco im Kunstmuseum St. Gallen in der Ausstellung «Erker».

Werke von Eugène Ionesco im Kunstmuseum St. Gallen in der Ausstellung «Erker».

Stefan Rohner

Schwerpunkte lassen sich vermarkten

Doch nicht genug! In seiner Aussenstelle, der Lokremise ennet des Bahnhofs, richtet das Kunstmuseum St. Gallen unter dem Titel «Città irreale» ganz gross an – aus den eigenen Beständen: ein Tunnel, Container, ein Minihaus aus Matratzen sind betretbar und im Erstklass-Flugzeugabteil von Bob Gramsma blieben viele Besucher offensichtlich gerne länger sitzen, wie der Angestellte beobachtet.

Solche thematischen Schwerpunkte kann ein Museum gut vermarkten – ein Aufwand, den vor Corona aber (leider)kaum ein Haus für seine Sammlung geleistet hat. Sie war und ist ja einfach da. Im Kunstmuseum Basel hat man schon länger thematische Klammern gesetzt. Ebenso in Solothurn, hier fokussiert man unter dem Titel «Krieg und (falscher) Friede» aktuell im grössten Saal auf Schweizer Kunst aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Nicht auf Schlachtbilder, sondern auf Landschaft und Leben als Spiegel der Befindlichkeit. Das fördert unbekannte Maler (etwa Hans Jauslin oder Maurice Barraud) und lange Gelagertes vor unsere Augen. Welch eine Freude!

Kunstmuseum Solothurn. Kunst aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges: Hans Jauslin. Knabe mit totem Raben, 1945

Kunstmuseum Solothurn. Kunst aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges: Hans Jauslin. Knabe mit totem Raben, 1945

Zvg / Aargauer Zeitung

Die gesteigerte Wertschätzung der Sammlungen, die eben mehr sind als Notvorrat, das wird eine der wenigen positiven Nebenwirkungen von Corona sein. Hoffentlich wird sie chronisch.

Jubeln und sich profilieren

Was macht ein Museum bei besonderen Anlässen, bei einem Jubiläum oder einer Einweihung? Man trumpft entweder mit einem internationalen oder kunsthistorischen Blockbuster auf – oder man präsentiert stolz, was man hat. Was eigentlich Profil, Charakter und Wert ausmacht. Das Haus Konstruktiv in Zürich kann sein Haus aktuell locker und hochwertig mit Werken aus der Sammlung füllen – es ist ein optisches Festmahl!

Die Halle im Haus Konstruktiv in Zürich mit der Sammlungsausstellung «Reset».

Die Halle im Haus Konstruktiv in Zürich mit der Sammlungsausstellung «Reset».

zvg Haus Konstruktiv

Auch das Kunsthaus in Zürich plant für die Eröffnung seines Erweiterungsbaus im Oktober, all seine riesigen Räume ausschliesslich mit der Sammlung zu bespielen. Die Depots wird man in Zürich derweil nicht einfach putzen können, leer werden sie nämlich trotzdem nicht.

Kellerschäden und knifflige Gebrauchsanweisungen

Apropos putzen und lagern: Es gibt je länger je öfter Kunst, die sich wie unser aller Notvorrat verhält. Die Batterie beim Transistorradio ist ausgelaufen, im Mehl hat es Motten und bei den Gläsern fehlt die Etikette. Von solchen Problemen erzählt die Sammlungsausstellung «Werden und Vergehen» im Kunstmuseum Luzern. Wie lagert man einen ganzen Baumstamm von Giuseppe Penone, wie baut man eine komplexe Installation nur nach einer kryptischen Gebrauchsanleitung und trotz fehlender Teile wieder zusammen?

Wie stolz war man doch in Luzern, als Joseph Beuys 1969 im Haus acht seiner berühmten Fettecken applizierte.

Joseph Beuys installiert 1969 eine Fettecke in Luzern. Sie ist heute geruchssicher verpackt.

Joseph Beuys installiert 1969 eine Fettecke in Luzern. Sie ist heute geruchssicher verpackt.

Zvg / Aargauer Zeitung

Daran erinnert man sich gerne, aber präsentierbar wären sie heute so wenig wie die aufeinander gestapelten, sich selbst zerstörenden Schoggihasen von Dieter Roth im Kunstmuseum Basel. Die Hasen hat man in Quarantäne gesteckt, und die Überreste von Beuys ranzigen Fettecken lagern in Luzern geruchssicher verpackt in einer Alukiste – als geistiger Notvorrat.