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KUNSTMUSEUM BASEL: Architektur und Kunst ergänzen sich

Ist der Neubau des Kunstmuseums Basel seine 100 Millionen wert? Ein Rundgang durch das soeben eröffnete Gebäude.
Das Kunstwerk «Die Bowery» des amerikanischen Künstlers George Segal im neuen Haus des Kunstmuseums Basel. (Bild: Keystone)

Das Kunstwerk «Die Bowery» des amerikanischen Künstlers George Segal im neuen Haus des Kunstmuseums Basel. (Bild: Keystone)

Sabine Altorfer

Auf in den Neubau! Das grosse Metallgittertor steht weit offen – doch die Glastüre ist zu. Zugang nur durch den Altbau, sagt man mir. So ist das doch nicht gemeint! Architekt Emanuel Christ beruhigt später: «Im Normalfall kann man beide Eingänge benutzen.» Schliesslich sehen Christ & Gantenbein ihr Tor in der eingeknickten Fassadenecke «als Einladungsgeste». Von hier, von der Kreuzung aus, ist ihr Bau aus grauem Backstein, den wenigen, aber auffälligen Fenstern und dem feinen LED-Schriftfries konzipiert.

Hier atmet man Kunst

Also auf in den Altbau. In der Halle steuern wir nach links und über eine breite Marmortreppe in den Untergrund. Ein Saal – nur mit zwei geometrischen Skulpturen von Bruce Nauman bestückt – ist die edelste Variante einer Fussgängerunterführung. Marmor­boden, weisse Wände: «Hier kann man Kunst ausstellen, Veranstaltungen durchführen, selbst Caterings», erklärt Christ. Auch in dieser Mehrzweckhalle atmet man Kunst. Grosse Kunst. Auf der einen Stirnseite wurde ein flächen­deckendes Wandbild von Sol LeWitt extra für diesen Ort angefertigt, und vis-a-vis sorgt Frank Stellas geometrisches Monumentalgemälde «Damascus» für einen bunten Kontrapunkt.

Für mehr als 100 Jahre

Nun wissen wir also, wie wir uns die 740 Quadratmeter «Eventfläche» im Neubau vorstellen müssen. Aber wie sehen die 2555 Quadratmeter Ausstellungsfläche aus? Die Anforderungen waren hoch: Sie sollen für Kunst der Neuzeit passen, also für die Sammlung ab 1950, und vor allem für Sonderausstellungen. Dazu forderte Direktor Bernhard Mendes Bürgi: «Die neuen Räume müssen auch für Sonderausstellungen mit alter Kunst geeignet sein.»

Christ & Gantenbein, die 2010 den Wettbewerb gegen 200 (internationale) Büros gewonnen hatten, liessen sich nicht zweimal bitten. «Klassisch, ruhig, zurückhaltend» seien ihre Räume, sagt Emanuel Christ. «Wir haben für mehr als hundert Jahre gebaut.» Und er betont die starke «physische Präsenz des Baus und seiner Materialisierung».

Edler grauer Marmor für die Stufen, grau melierter Kratzputz an den Wänden, im grossen Erdgeschoss-Foyer sind zwei Wände mit grob verzinkten Blechplatten belegt, ebenso die Liftkojen. Wie viele Grautöne gibt es eigentlich?, fragt man sich. Und man muss zugeben, das wirkt gediegen, überaus sorgfältig gestaltet – aber überhaupt nicht langweilig.

Skulptur zum Auftakt

Schon gar nicht, wenn man nun die Treppe hinaufschaut. Wie eine Schlaufe zieht sie sich zwischen den Ausstellungsräumen hoch, verjüngt sich nach der einen, erweitert sich nach der anderen Seite. Die Verbindungsräume auf den oberen Stockwerken ziehen sich wie Brücken quer darüber – und über allem strahlt aus einem grossen runden Fenster Tageslicht. Die Verwandtschaft zum Altbau ist deutlich – und doch wirken diese Räume anders: schneller, rauer, und mit den verzinkten Stahlgittertüren kommt eine industrielle Note in den Bau. Wie sagte doch Emanuel Gantenbein: «Unser Bau ist ein Mix von Kunstcontainer und barockem Stadtpalais.» Das trifft die Erscheinung. Von innen und aussen.

Mit dem Kunstparcours starten wir im obersten Geschoss. Hier beginnt die Sonderausstellung «Sculpture on the Move 1947–2016» von Museumsdirektor Bernhard Mendes Bürgi. Im ersten Raum symbolisieren drei Skulpturen von Alberto Giacometti und ein «Vogel» aus Marmor von Constantin Brancusi den Aufbruch der Skulptur in neue Sphären. In die luftige Freiheit wie in Alexander Calders Mobile, in die geometrische Strenge von Max Bills Steinschlaufe oder in die dreidimensionale Zeichnung wie bei David Smith «Australia».

Unterschiedliche Raumgrössen

Sie stehen wunderbar im Tageslicht dank Oberlichtern zwischen den raumbreit gezogenen Betonkassetten. Die Gipswände schaffen Ruhe – einzig das mit weissen Zwischenfugen gelegte Eichenparkett geht mit manchen Skulpturen auf Konfrontationskurs. Bei installativen Arbeiten, Paul Theks Zwergentisch oder Richard Longs ausgelegten Steinbrocken sind wir hin- und herge­rissen.

Im ersten Stock hängen Gemälde. Die grossen Amerikaner der Sammlung: Mark Rothko, Franz Kline, Barnett Newman, Andy Warhol, Agnes Martin, Cy Twombly und, und, und ... Welche Pracht. Hier ergänzen und steigern sich Architektur und Kunst. Und man kann sich in diesen Räumen auch Malerei aus früheren Jahrhunderten bestens vorstellen.

Schön ist auch die unterschiedliche Raumgrösse: «von Kabinett bis Saal», wie Emanuel Christ sagt. Und angenehm ist, dass man von Saal zu Saal flaniert. In den Türöffnungen zeigt sich die Detailliebe der Architekten: Die Zargen sind aus Rauputz, die Schwellen aus Marmor. 100 Millionen Franken kostete der Neubau, die Hälfte zahlte die Laurenz-Stiftung der Mäzenin Maja Oeri. Die andere Hälfte die Basler Steuerzahler.

Der aufgeräumte Altbau

Irgendwie kommt aber doch wieder Lust auf, den – ebenfalls von Christ & Gantenbein – sanierten Altbau zu inspizieren. Hier bedeckt weiss-grau-gelblicher Sandstein Treppe, Böden und Wände. Von baulichen Eingriffen sieht man kaum etwas, wurden mit den 30 Millionen Franken Baukosten doch vor allem Infrastruktur und Sicherheit dem internationalen Standard angepasst. Beim Gang durch die Säle der beiden Stockwerke wird einem nicht nur vor Augen geführt, warum die Sammlung Weltruf besitzt, sondern man geniesst den Parcours durch die Kunstgeschichte. Da hängt ein Kunst-Leckerbissen neben dem anderen. Man wird also auch in Zukunft nicht nur in den Neubau pilgern.

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