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KUNSTMUSEUM: Zukunft entsteht am Stammtisch

Wie sieht Luzern in hundert Jahren aus? Je vier Mitglieder des Mannebüros und des Stadtorchesters Luzern zerbrachen sich am Mittwochabend darüber die Köpfe. Die Materialisierung ihrer Einfälle kann man ab heute in einer begehbaren Installation anschauen.
Julia Stephan
Je vier Vertreter vom Mannebüro und vom Stadtorchester Luzern diskutieren mit Léa Burger (7. von rechts) über soziale Räume. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 28. Februar 2018))

Je vier Vertreter vom Mannebüro und vom Stadtorchester Luzern diskutieren mit Léa Burger (7. von rechts) über soziale Räume. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 28. Februar 2018))

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Mit den tief über dem Esstisch hängenden schummrigen Kugelleuchten und der ausgebleichten Blumentapete ist das «Vereinslokal Utopia» eine fast schon post-sozialistische Charmeoffensive. Dabei ist das Lokal eigentlich eine einfache Attrappe aus Stellwänden, die derzeit im Pilatussaal des Kunstmuseums steht und mit allerlei Mikrofonen verwanzt ist.

Für denjenigen, der drinsitzt, ist das allerdings schwer zu glauben. Denn die Gastgeberinnen Seraina Dür und Christin Glauser vom Zürcher Kunstkollektiv Goldproduktionen sowie der Gastronom Moritz Stiefel und sein Assistent von der Luzerner Beiz Stiefel’s Hopfenkranz tun an diesem Mittwochabend alles, um für die je vier Vertreter(innen) vom Luzerner Stadtorchester und vom Mannebüro Luzern die Illusion einer Wohnzimmeratmosphäre zu schaffen.

Intimität fördert Nähe. Nähe fördert Offenheit. Und diese Offenheit ist eine optimale Ausgangslage für ein produktives Nachdenken über die Zukunft. Goldproduktionen wollen mit ihrem Langzeitprojekt «Vereinslokal Utopia» vor allem eines: den Menschen den Glauben an die Gestaltbarkeit ihrer eigenen Zukunft zurückgeben. In zwei Séparées wird nach dem ersten Kennenlernen auf einem Spielfeld mit Bauklötzen an der Zukunft gebaut und darüber diskutiert, wie Luzern in 100 Jahren aussehen könnte.

Henri Lefebvre und das WC als sozialer Raum

Doch erst mal rollt die Religionswissenschafterin Léa Burger für ihr Inputreferat eine Rolle Packpapier über dem Tisch aus und erläutert den Vereinsmitgliedern die Raumtheorie des französischen Soziologen Henri Lefebvre (1901–1991) am Beispiel der Toilette. Das setzt die Hemmschwelle für geistige Auswürfe und das zu einer ehrlichen Gesprächskultur gehörende Hosenrunterlassen wunderbar herunter!

Mit ihrem originellen Ausflug in die Soziologie hat Burger eine angeregte Reflexion über WCs schnell in Gang gesetzt: Warum sind WC-Räume kleiner als Wohnzimmer? Was für ein Symbol hätte eine Transgender-Toi­lette? Ist eine Begegnung mit Vorgesetzten auf der Toilette peinlich? Und warum lässt man im Geschäftsleben auf dem WC eher mal «Zügs use»? Tabubefreit diskutiert man: über WC-Kritzeleien («man fühlt sich sicher»), den WC-Gang bei der Party, der einen vor Small Talk erlöst («ich kann mich so erholen»), und über Geschäftsmänner, die sich am Feierabend erst mal im WC einschliessen, um «runterzukommen».

Was das mit Luzern zu tun hat? Viel. Denn die Debatte über das stille Örtchen sensibilisierte die Tischrunde für die Bedingungen des Entstehens sozialer Räume. Schnell landen die acht Vereinsmitglieder bei chinesischen Gruppentoiletten, den WC-Anlagen im Bourbaki mit ihren Bedienungsanleitungen für Touristen und bei den Unisex-Toiletten des Hotels Anker, das letzten Herbst ohne Rechtsgrundlage die erste Unisex-Toilette der Stadt eingeführt hatte und dafür gebüsst wurde. Die Anpassung der Gastgewerbeverordnung befindet sich gerade in der Vernehmlassung.

Die Sehnsucht nach undefinierten Räumen

Mit dem theoretischen Rüstzeug zog man sich später in die zwei Separees zurück, zu denen die Journalistin zwar nicht zugelassen war, aber mit dem Ohr an der Stellwand doch so manches mitbekam. Nämlich, dass die Luzerner nach undefinierten Plätzen (Brätelstellen ohne aufgeschichtetes Holz) und einer grossen Piazza Sehnsucht haben und ihren See gerne in die Zukunft retten wollen.

Schauspieler Patric Gehrig hat die Zukunftsideen dann später zusammengefasst. «Verdichtetes Bauen ist heute kein Problem mehr», sagt er, zeigt auf die Holzklötzli-Skyline von Luzern anno 2118 und knallt – ein böses Omen? – ausgerechnet in diesem Moment mit dem Kopf an einen der tief hängenden Lampenschirme.

Zuvor hatte Moritz Stiefel sein legendäres Rindstatar auf nur einer Tellerseite serviert («Das schafft Raum für Geschmack») und die Journalistin derweil klammheimlich das stille Örtchen des Kunstmuseums in­spiziert. Entdeckt hat sie auf dem Herren-WC ein in die kunststoffbeschichtete Tür eingeritztes Akronym einer amerikanischen Universität sowie ein grünes Reptil-Tattoo auf dem Papiertuchhalter der Damentoilette. Ansonsten war da: viel Leere.

Die Materialisierung der geistreichen Gedanken der Diskussionsteilnehmer hingegen können Besucher ab heute im reich befüllten Pilatussaal besichtigen. Seraina Dür und Christin Glauser werden während der Öffnungszeiten an ihrer begehbaren Installation weiterarbeiten.

Hinweis

«Vereinslokal Utopia». Kunstmuseum Luzern, Pilatussaal. Fr, 9. 3., bis So, 1. 4., jeweils von 11 bis 18 Uhr. Bis 1. 4. Infos: www.kleintheater.ch

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