KUNSTPAVILLON LUZERN: Körperliche Grenzziehungen erschaufeln

Der Pavillon Tribschenhorn und der Kunstraum o. T. zeigen künftig abwechselnd Ausstellungen im Kunstpavillon im Säliquartier. Den «Spatenstich» zur Zusammenarbeit führte eine Performance aus.

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Schaufeln. Eine Form von Grenzziehung? (Bild: Keystone)

Schaufeln. Eine Form von Grenzziehung? (Bild: Keystone)

Im Sommer 2015 löste der Kunstraum sic! die jahrelange Zusammenarbeit mit dem Kunstraum o. T. Mit dem Pavillon Tribschenhorn hat das Kuratorenteam des o. T. nun einen neuen Partner, mit dem es seine wechselseitige Ausstellungstätigkeit im Kunstpavillon im Säliquartier fortsetzen wird – vorerst für ein Jahr.

Die neue Partnerschaft, für die man das Label «Pavillon Tribschenhorn Temporary Host» (PTTH) erfunden hat, startete am Samstag mit einer Performance. Darin setzte sich das englisch-schweizerische Künstlerkollektiv JocJonJosch – ein Amalgam aus den Namen der drei Künstler – auf schaufelnde und zeichnerische Weise mit mensch­lichen Umrissen und Grenzen auseinander. Aus dem verwilderten Pavillongarten wurde die Erde genau da abgetragen, wo unmittelbar zuvor die Umrisse eines auf dem Gras liegenden Menschen mittels Schaufeleinschnitten gekennzeichnet worden waren. Auf einem Holzbrett wurde die menschenförmig ausgehobene Erde aufgebahrt. Einer Prozession gleich trugen die Künstler diese anschliessend in den Ausstellungsraum, auf dessen Boden bereits andere liegende Skulpturen aus Gartenerde scheinbar wahllos Platz gefunden hatten.

Erinnerung an einen rituellen Kultus

Weniger arbiträr waren die Assoziationen, die die Performance der drei Künstler weckten: Die Handlungen des Schaufelns und Aufbahrens sowie des anschliessenden Tragens der Erde in den Ausstellungsraum erinnerten an einen rituellen Kultus, während die im Garten entstandenen Aushöhlungen die Form von Totengräbern aufwiesen. Der Name der Performance «d g d g d g» setzt sich aus der dreifachen Repetition der Buchstaben «d» und «g» zusammen und stellt eine Anspielung auf das englische Verb «to dig» dar, das, ins Deutsche übersetzt, «graben» heisst.

Die durch Auslassung der Minuskel «i» im Wort «dig» entstandene Leerstelle lässt sich metaphorisch mit der aus dem Boden geschaufelten Erde in Beziehung setzen, die eine Aushöhlung im Garten zurücklässt. Zugleich verweist das fehlende «i» auf das «I», zu Deutsch auf das «Ich», zurück, dessen Umrisse der Aushöhlung im Boden entsprachen.

Im Rahmen ihres performativen Langzeitprojektes «The Dig Project» fokussieren die Künstler auf den Schaufelvorgang. So auch in der auf Video aufgezeichneten Performance «Dig Shovel Dig» (2014), die in der aktuellen Ausstellung an die Wand projiziert wird. In dieser Performance schaufelt jeder der drei Künstler ein eigenes Loch, um mit der ausgegrabenen Erde das Loch des anderen zu füllen. Während hier die repetitive und zweckentfremdete Handlung des Schaufelns ins Absurde geführt wird, werfen die Künstler in «d g d g d g» Fragen nach Grenzen und dem Graben als Hindernis und Mechanismus des Ausschlusses auf.

Rückführung der Erde an der Finissage

So markieren die im Garten als ausgehobene Erde eingeschriebenen Körperumrisse durch die geschaufelte Vertiefung eine territoriale Grenze zwischen einem Drinnen und einem Draussen. Diese Grenze wird JocJonJosch anlässlich der Finissage durch die performative Rückführung der Erde an ihren angestammten Platz aufheben.

Weitergeführt wird die Thematik der Grenzziehung in zwei Kohlestiftzeichnungen auf Papier. Für diese Arbeiten übertrugen die Künstler abwechselnd den Körperumriss des ihnen gegenüberstehenden Kollegen auf Papier, ohne mit den Augen der entstehenden Zeichnung zu folgen. Die sich überschneidenden und sich in ihrem Umfang unterscheidenden Linien weisen zugleich auf die körpergegebene Beschränkung hin, eine Linie grösstmöglich auszudehnen.

 

Tiziana Bonetti

kultur@luzernerzeitung.ch