Kunstprojekt
Masterabschlüsse für schlechte Laune: Ein Berner Künstler machts möglich

Im Center of Negativity kriegt man für seine negativen Emotionen eine Auszeichnung. Besuch beim Berner Künstler Roger Fähndrich auf dem Waisenhausplatz in Bern. Für das Theaterfestival Auawirleben hört er Menschen zu, die ihn in ihre düstersten Gedanken einweihen. Ein Selbstversuch.

Julia Stephan
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Das Center of Negativity auf den Berner Waisenhausplatz.

Das Center of Negativity auf den Berner Waisenhausplatz.

Bild: Nathalie Jufer

Ich habe mich intensiv auf diesen Termin vorbereitet. Schliesslich will ich bei Roger Fähndrich (39) keinen guten Eindruck hinterlassen. Die Voraussetzungen sind gut: Ich bin gestresst, habe mir ein Minimum an Schlaf gegönnt, ich bin hungrig und sehe meinen Feierabend wegen sich verschiebender Deadlines bereits feiernd ohne mich davonziehen.

Menschen wie ich haben bei Roger Fähndrich eine echte Perspektive. Der in Brüssel lebende Künstler hat während der Laufzeit des Theaterfestivals Auawirleben (bis 15.5.) in Bern auf dem belebten Waisenhauplatze das «Center of Negativity» errichtet.

Der Bretterverschlag, der gleich neben dem gut besuchten Berner Händlermärit steht und in den die fröhliche Sommerlaune Berns ungefiltert eindringt, ist so etwas wie das Kompetenzzentrum für schlechte Laune. Nach einem einstündigen Gespräch über Ängste, Ärger und Wut winken akademische Titel, ein aufgemöbeltes Portfolio oder ein Empfehlungsschreiben, mit dem man innerlich aufgeräumt nach Hause geht.

Ein guter Zuhörer: Institutsmitarbeiter Roger Fähndrich.

Ein guter Zuhörer: Institutsmitarbeiter Roger Fähndrich.

Bild: Natalie Jufer

Das Ganze ist kein Jux, sondern ein ernsthaftes Anliegen des Rockmusikers und Performancekünstlers. 30 Gespräche wird er bis Ende Woche hier geführt haben, die Mehrzahl mit Frauen. Manche laufen mit offenen Wunden herum, manche haben ihre Wunden längst geschlossen. Der gebürtige Berner hatte sich mit dem interaktiven Kunstprojekt einst selbst aus einer akuten Lebenskrise befreit:

«Indem ich mich den negativen Themen in meinem Leben gestellt habe, fand ich Wege, um weiterzumachen. Ich glaube deshalb an die transformierende Kraft von Negativität.»

Eine Negativität, die nicht nur Fähndrich in seiner Rockmusik kanalisiert. Stromae und Kafka ohne Depression? Unvorstellbar, was der Welt entgangen wäre, hätten die Jünger des positiven Denkens die Weltherrschaft komplett an sich gerissen.

Ich möchte einen von Fähndrichs Studiengängen absolvieren. Zur Auswahl stehen: ein Master of Arts in Control, ein Bachelor in Romanticising the Blues oder ein Master in Escapism. Dass ich einen Master in Control anstrebe, sieht Fähndrich kritisch. Meine Fähigkeiten scheinen ihn nicht zu überzeugen. Fähndrich ist ein guter Zuhörer. Mal lehnt er sich zurück, dann wieder verbindet er sich mit meinem Frust. Diesen Tunnelblick beim Erreichen von Zielen? Den kenne er gut, sagt er und nickt.

Das Zertifikat, das nie in eine Bewerbungsmappe kommt

Irgendwann landen wir, während draussen aus einem Lautsprecher Whitney Houstons Gute-Laune-Song «I Wanna Dance With Somebody» schallt, bei meiner Angst vor Mathematikprüfungen während meiner frühen Schullaufbahn. Und bei meinem zahlenbegabten Vater, der mir wenig Raum gab, um diese Angst zu überwinden. Ist er am Ende Schuld an dem ganzen Stress? Jetzt ist Fähndrich zufrieden. Er überreicht mir das erste Zertifikat, das ich nie einer Bewerbungsmappe beilegen werde. Der Titel: «Professional Blamer of Dad».

Theaterfestival Auawirleben. Bis 15.5. Die Gespräche mit Roger Fähndrich sind ausgebucht. Die Diplomfeier findet am 15.5., 17 Uhr, auf den Berner Waisenhausplatz statt. Vollständiges Programm auf: www.auawirleben.ch

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