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KUNSTSKANDALE: In einer Welt voller Zensur

Früher waren es Könige und Regierungen, die Zensur ausgeübt haben. Heute kommt sie von unten, oft aus dem Internet, und ist im Namen des politisch Korrekten am Werk.
Rolf App
Der «männliche Blick»: Die Manchester Art Gallery hat das Gemälde «Hylas und die Nymphen» von John William Waterhouse aus dem Jahr 1896 vorübergehend entfernt. (Bild: PD)

Der «männliche Blick»: Die Manchester Art Gallery hat das Gemälde «Hylas und die Nymphen» von John William Waterhouse aus dem Jahr 1896 vorübergehend entfernt. (Bild: PD)

Rolf App

Bevor wir zur Gegenwart kommen, eine Geschichte aus der Vergangenheit: Der Schriftsteller Vladimir Nabokov ist 59 Jahre alt und nur einem Insiderkreis bekannt, als er 1955 für seinen dreizehnten Roman einen Verlag sucht. Sein Freund Edmund Wilson findet dessen Figuren «abstossend», der Cheflektor von Viking Press meint, bei einer Publikation würden alle Beteiligten ins Gefängnis kommen. Erst in Frankreich findet Nabokov einen Verleger, der «Lolita» – so heisst der Roman über die Beziehung eines sehr viel älteren Mannes zu einer Zwölfjährigen – publiziert. Beachtet aber wird er erst, als John Gordon, Chefredaktor der schottischen Boulevardzeitung «Sunday Express», ihn «zweifellos das dreckigste Buch» nennt, das er je gelesen habe. Für ihn ist es «reine hemmungslose Pornografie».

Salome will Jochanaans Kopf

Doch ins Gefängnis kommt niemand. Als 1958 die amerikanische Ausgabe erscheint, stürmt sie die Bestsellerlisten und räumt erst sechs Monate später für Pasternaks «Dr. Schiwago» den ersten Platz. Nabokov aber ist – endlich – ein gemachter Mann. Dank eines skandalträchtigen Buchs. Wie 53 Jahre früher auf einem ganz andern Gebiet der Komponist Richard Strauss mit seiner Oper «Salome»: Der Geschichte einer blutrünstigen Königstochter, die, vom Propheten Jocha­naan verschmäht, dessen Kopf fordert und sich vor dem Vater dafür auszieht. Ein Skandal auch dies, der seinen Urheber reich macht. Und eine Oper, die tief blicken lässt in die Abgründe der Seele.

Doch lassen wir Salomes dunkles Inneres für einen Moment beiseite. Das Buch, in dem Dieter E. Zimmer die Geschichte vom «Wirbelsturm Lolita» erzählt, ist illustriert mit einem Bild des Malers Balthus, «Thérèse ­rêvant», einem 1938 entstandenen, «ungeschminkt voyeuristischen Mädchenporträt, die den Maler von Kindern auf der Schwelle zur Pubertät schon immer dem Verdacht der Pädo­philie aussetzten», wie Andrea Köhler in der NZZ den Stein des Anstosses umschreibt. Die «träumende Therese» hängt heute im New Yorker Metropolitan Museum – und sollte abgehängt werden, wie es eine Onlinepetition verlangte.

Es ist beileibe nicht der einzige Fall von Kunstzensur, der in diesen Tagen zur Debatte steht. Die Fälle häufen sich. Der «männliche Blick», von dem viele Werke der Kunst und Literatur geprägt sind, gilt als anstössig. Die Berliner Alice Salomon Schule hat beschlossen, ein Gedicht von Eugen Gomringer von der Aussenwand zu entfernen, an dessen Ende ein Bewunderer der Frauen auftaucht. «Sexistisch» lautet dazu das Urteil der Studierendenvertretung.

Facebook hat Gustave Courbets Bild «L’Origine du monde» gelöscht, das schockierend realistisch den entblössten Unterleib einer Frau zeigt und im Pariser Musée d’Orsay speziell bewacht wird. Die Art Gallery in Manchester hat «Hylas und die Nymphen» von John William Waterhouse vorübergehend abgehängt. Auf Post-it-Zetteln haben Besucher notiert, was sie von dieser Aktion halten. «Hände weg von diesem Gemälde», steht da zu lesen, oder «Das ist Zensur», «Der Feminismus schnappt über». Aber auch: «MeToo».

Kevin Spacey wird herausgeschnitten

Schauspieler wie Kevin Spacey, übler sexueller Übergriffe beschuldigt, werden jetzt umbesetzt. «House of Cards» wird – schwer vorstellbar – ohne seinen schmutzig-faszinierenden US-Präsidenten Frank Underwood auskommen müssen. Und der Regisseur Ridley Scott hat Spacey aus dem Kinofilm «Alles Geld dieser Welt» entfernt und 22 Szenen nachgedreht. Er sagte sich: «Man kann herumsitzen und untergehen, oder man kann etwas unternehmen.» Dieses «etwas» kennt man bisher nur aus totalitären Staaten. Die aber haben aus politischen Gründen Fotos retuschiert und Kunst für «entartet» erklärt.

«Wir leben weltweit in einer Zeit der Verbote, Tabuisierungen und des teilweise übersteigerten Moralisierens», zitiert der «Spiegel» Marion Ackermann, die Direktorin der Dresdner Kunstsammlungen. «Kunst war und ist eben nicht nur gut, sondern auch unbequem, provokant», gibt sie zu bedenken.

Vergeblich wohl. Dass das Kunstwerk nichts dafür kann, wenn der Künstler gefehlt hat, bleibt unbeachtet. «Ein Buch, ein Film oder eine Musik haben ein eigenes Leben, wie Kinder, sie können klüger und besser sein als ihre Schöpfer», fasst der «Zeit»-Kolumnist Harald Martenstein diese Unterscheidung in Worte. «Wenn ich Wagner höre, interessiert mich der Mensch Richard Wagner nicht im Geringsten. ‹American Beauty› mit Kevin Spacey bleibt grossartig.» Und er fügt hinzu: «Wenn die Kunst uns keine Abgründe mehr zeigt, kann man sie abschaffen.»

Dann soll der Leser über sich selbst erschrecken

Diese Abgründe aber sind es, die den Widerstand gegen das politisch Unkorrekte befeuern. Balthus’ Bilder und Nabokovs «Lolita» erzählen von jener Faszination, aus der die Pädophilie wächst. Nabokov locke den Leser in die Falle, analysiert Dieter E. Zimmer. «Er soll verstehen, so sehr verstehen, dass er fast schon billigt, so sehr billigen, dass er fast schon so etwas wie Sympathie empfindet – und dann beizeiten über sich selbst erschrecken.»

Weit entfernt scheint jene Zeit, in der in den Mai-Unruhen von 1968 der französische Staatspräsident Charles de Gaulle auf das Ansinnen, den Philosophen Jean-Paul Sartre in Gewahrsam nehmen zu lassen, mit dem Satz reagierte: «Voltaire verhaftet man nicht.»

«Künstler und Verbrecher sind Weggefährten»

Was hier Raum greift, das ist Zensur von unten, ermöglicht durch das Internet. Und es ist Zensur von links. Es ist eine seltsame Umkehrung, die viel sagt über unsere Zeit. Es ist, erklärt der österreichische Philosoph Robert Pfaller, ein Zeitalter der Mässigung, in das wir eingetreten sind. «Statt zu fragen, wofür wir leben, fragen wir uns nur noch, wie wir möglichst lange leben. Wir mässigen uns masslos.»

Gesundheit, Sicherheit, Nachhaltigkeit, Kosteneffizienz: Diesen Werten ist unsere Welt verpflichtet. Der Exzess ist nicht vorgesehen. Wir rauchen nicht, wir trinken nicht, wir ernähren uns gesund. Die Kunst aber soll uns in diesem Traum von einer reinen, gerechten Welt nicht stören. Deshalb erscheint uns auch vollkommen fremd, was der Künstler Joseph Beuys gesagt hat: Dass «Künstler und Verbrecher Weggefährten sind. Beide sind ohne Moral, verfügen über eine verrückte Kreativität, nur getrieben von der Kraft der Freiheit.»

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