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KURIOSUM: Der letzte Kolonialwarenladen der Schweiz

Onlineeinkauf, Selfscanning: Lebensmittel sind oft seelenlose Massenartikel. Doch das letzte Kolonialwarengeschäft im Land setzt seit über 150 Jahren in fünfter Generation mit Erfolg auf Nostalgie.
Wohlgerüche aus aller Welt umschwirren die Nase im Kolonialwarenladen Schwarzenbach mitten in Zürich. Der Laden im Niederdorf erinnert an die «guten alten Zeiten». (Bild: FSZ)

Wohlgerüche aus aller Welt umschwirren die Nase im Kolonialwarenladen Schwarzenbach mitten in Zürich. Der Laden im Niederdorf erinnert an die «guten alten Zeiten». (Bild: FSZ)

Heini Hofmann

Im Fastfoodzeitalter verkommen Lebensmittel zu liebloser industrieller Massenware. Einer hält dagegen und setzt weiterhin auf Nostalgie: das letzte Kolonialwarengeschäft in der Schweiz. Der Laden des Familienunternehmens Schwarzenbach in Zürich – ein Kuriosum und zugleich florierendes Zeitdokument. Wenn man in den altväterisch hergerichteten Schaufenstern die exotischen Produkte bestaunt und dabei kurz die Augen schliesst, glaubt man eine Kamelkarawane vorbeiziehen zu sehen, und alle Wohlgerüche Arabiens umschmeicheln die Nase.
Dieser letzte Kolonialwarenladen der Schweiz mag durch sein Traditionsbewusstsein antiquiert erscheinen, doch der Erfolg gibt dem Ururenkel des Firmengründers und derzeitigen Unternehmensleiter in fünfter Generation, Heini V. Schwarzenbach, recht. Wie ein Fels in der Brandung steht dieses Relikt inmitten der Hektik einer beschleunigten Wirtschaftswelt. Seine Schaufensterauslagen und Ladeneinrichtung mitten in der Zürcher Altstadt haben sich seit Bestehen kaum verändert.

Handelsinteressen und Rohstoffausbeutung

Geschichtlich gesehen ist Kolonialismus, die wirtschaftliche Expansion mit politischer Beherrschung, ein stark belasteter Begriff. Kolonien waren die von europäischen Staaten erworbenen, meist überseeischen Besitzungen. Der neuzeitliche Kolonialismus begann parallel zu den grossen Entdeckungen im 15. Jahrhundert und war ein Mix aus Handelsinteressen, Rohstoffausbeutung, politischen Interessen und Missionierungsdrang – ein Geschichtskapitel mit grossem Schattenwurf.

Nach der Entkolonialisierung blieben zwischen ehemaligen Kolonien und deren vormaligem Mutterland wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen bis heute bestehen. Zwar hat die kleine Schweiz nie Kolonien besessen. Doch zumindest indirekt nahm auch sie am Prozess der europäischen Expansion teil, durch Auswanderung sowie durch Aussenhandel. So gab es denn früher überall, sowohl in den Städten als auch auf dem Land, diese etwas exotisch anmutenden Kolonialwarenläden mit ihrem fremdländischen Sortiment. Um der Geschichte gerecht zu werden, verschwand diese Bezeichnung nach dem Zweiten Weltkrieg nach und nach gänzlich – bis auf Schwarzenbachs Kolonialwarengeschäft in der Zürcher Altstadt, das bereits auf über anderthalb Jahrhunderte zurückblicken kann.

Ein Hauch von 1001 Nacht

Diese Institution erinnert an einen Krämerladen aus früherer Zeit. Ladeneinrichtung, Verkaufstheke und Wandgestelle stammen aus der Gründerzeit. Alte Schriftzüge preisen die Produkte an: Colonialwaren, Kaffeerösterei, Südfrüchte und Conserven. Auf die früheren Haus- und Hotellieferungen weist der Vermerk «Detail und mi gros» hin – im Gegensatz zu en gros. Die Schaufensterauslagen sind ein sinnliches Schlaraffenland aus 1001 Nacht.
Was anno 1864 mit Teigwaren, Eiern, Gewürzen und Kaffee begann, ist heute ein riesiges Sortiment von rund 3000 Artikeln, darunter 17 verschiedene Kaffeemischungen. Zweimal wöchentlich wird der Rohkaffee selber geröstet. Zu finden sind auch nicht weniger als 150 Teesorten. Beides kann man im angebauten Teecafé probieren.

Der Warenkorb ist heute enorm reichhaltig. Da imponiert die farbenfrohe Palette an Dörrfrüchten, Beeren, Nüssen und Kernen im Offensortiment. Klassiker unter den Dörrfrüchten sind Feigen, etwa die kleinen wilden aus dem Iran oder die dünnhäutigen Izmir-Feigen. Daneben gibt es entsteinte Datteln aus Tunesien oder riesige Medjool-Datteln aus Kalifornien, Bananenchips von den Philippinen, Bananenstängel aus Costa Rica, Ananas aus Thailand und Togo, Mangoscheiben aus Mexiko, australischen Ingwer, Kiwischeiben aus dem Iran, Kumquats von den Philippinen, Kurpflaumen aus Chile oder Sauerkirschen aus Michigan.

Gross ist auch die Auswahl an Honig, Konfitüre, Schokolade und kandierten Früchten, an Salz-, Senf- und Gewürzspezialitäten, Öl und Essig, Hülsenfrüchten, Mehl und Flocken, Reis und Teigwaren. Und natürlich alles ohne Selbstbedienung, sondern mit Verkaufsberatung.

Früher kannten die Menschen die exotischen Produkte nur aus den Kolonialwarenläden. Heute reisen die Leute selber hin und lernen fremdländische Spezialitäten kennen, die sie dann auch zu Hause haben möchten. Heini V. Schwarzenbach nutzt das mit Erfolg.

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