Kurzauftritt einer Kritikerin

Kulturredaktorin Julia Stephan über ein Türschild

Julia Stephan, Kulturredaktorin
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Julia Stephan, Kulturredaktorin (Bild: Nadia Schärli/LZ)

Julia Stephan, Kulturredaktorin (Bild: Nadia Schärli/LZ)

«Dr. Julia Stephan, Praxis für Psychotherapie». Das Türschild, das im sonntäglichen «Tatort» auf der Mattscheibe zu sehen war, führte mir einmal mehr die verhängnisvolle Verstrickung des Kritikers mit seiner Materie vor Augen. Mein unterkühltes promoviertes Alter Ego, verkörpert durch die deutsche Schauspielerin Anna Schäfer, unterhielt in der Münchner Folge polyamouröse Beziehungen zu sage und schreibe vier (!) Männern. Viel abgewinnen konnte die Kritikerin in mir der Performance meiner Wiedergängerin zwar nicht. Aber die Frage liess mich nicht los: Hat sich die Redaktion des Bayerischen Rundfunks auf Kosten meines Namens einen Scherz erlaubt?

«Ein Schelm, der Böses denkt», schreibt mir«Tatort»-Experte François Werner. Letztes Jahr hätten gleich drei Figuren mit Nachnamen Werner im Tatort das Zeitliche gesegnet.

Zufall oder Einfall? Wenigstens hat man mich nicht eingesargt wie einst Autor Martin Walser im Reich der Fiktion seinen verhassten Kritiker Marcel Reich-Ranicki. Walser umschrieb ihr Verhältnis kriminalistisch: Sich selbst sah er in der Rolle eines Verbrechers, den Kritiker als Kommissar. So ins Existenzielle geht mein Ringen mit dem «Tatort» eher selten.

Was die Recherchen – oder soll ich sagen, Ermittlungen? – eines Kollegen zu Tage förderten: Anna Schäfer gibt in ihrer Vita auch Luzern als Schlafmöglichkeit an. Seither bin ich auch im Privatleben hauptverdächtig.

Julia Stephan, Kulturredaktorin

julia.stephan@luzernerzeitung.ch