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Langsam ist mutig: St.-Laurenzen-Musiker überrascht mit ungewohntem Beethoven-Spiel

Pianist Bernhard Ruchti startet mit einer Beethoven-CD sein A-Tempo-Projekt: Entschleunigung punktet hier vor blosser Virtuosität. Live ist der Musiker, der auch Organist von St. Laurenzen ist, am Freitag in St. Gallen zu hören.
Martin Preisser
Der Pianist, Komponist und in St. Gallen als Organist tätige Bernhard Ruchti. Bild: Urs Bucher

Der Pianist, Komponist und in St. Gallen als Organist tätige Bernhard Ruchti. Bild: Urs Bucher

Für den ersten Satz der Klaviersonate f-Moll op. 2,1 von Ludwig van Beethoven braucht Pianistenlegende Friedrich Gulda 3 Minuten und 30 Sekunden. Der Italiener Maurizio Pollini 5 Minuten und 28 Sekunden. Und Bernhard Ruchti elf Minuten und vier Sekunden. So langsam zu spielen, braucht Mut. «Man stellt mit dieser Entschleunigung eine feste Ästhetik in Frage. Machtverhältnisse zwischen Musiker und Hörer kommen ins Wanken, weil gewohnte Parameter nicht mehr bedient werden», sagt Bernhard Ruchti, Pianist, Komponist und Organist von St.Laurenzen St.Gallen.

Seit langem gelten die Tempi, die Beethoven für seine Werke angab, als problematisch, rätselhaft, ja oft kaum umsetzbar in ihrer Schnelligkeit. In den 1970er-Jahren entstand im Klassikbetrieb eine Tempodiskussion. Wurde das heutige Metronom, erfunden 1815 von Johann Nepomuk Mälzel, schlicht falsch interpretiert? Heute zählt jedes Hin und jedes Her des Pendels als Schlag. Bis Mälzel rechnete man aber wahrscheinlich einen Schlag als Summe einer Hin- und einer Her-Bewegung. Wird durch dieses Missverständnis heute alles doppelt so schnell wie eigentlich geplant gespielt?

Ein Vergleich

Wie unterschiedlich schnell man den ersten Satz der Beethoven-Klaviersonate f-Moll op. 2, 1 spielen kann, zeigen die YouTube-Beispiele mit Bernhard Ruchti und Friedrich Gulda.

Die Auseinandersetzungen über das richtige Tempo wurden teilweise dogmatisch, ja fundamentalistisch und wenig nachhaltig geführt. Sie haben die unbefangene Frage, ob klassische Musik bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nicht deutlich langsamer gespielt werden solle, in Misskredit gebracht.

«Ideologische Debatten schaden der Tempofrage»

Bernhard Ruchti kennt all diese Debatten und Diskurse, die er als oft «wenig produktiven Boxkampf» ansieht: «Die ideologische Vehemenz hat der Frage um schnell oder langsam geschadet.» Denn die Tempofrage gehe weit über blosse Theorien von falschen oder richtigen Metronomzahlen hinaus, sagt der Musiker. Wie wurde das Spiel der Komponisten selbst von den Zeitgenossen beschrieben? Was gibt eine wirklich gründliche Lektüre des Notentexts für die Frage nach der Schnelligkeit her? Welchen Charakter hat die Musik genau? Ausschliesslich eine 08/15-Regel, also alles einfach mal halb so schnell, greife da zu kurz, sagt Ruchti.

Seine neue Beethoven-CD mit der frühen Sonate op. 2,1 und der späten op. 110 hat in ihrer Langsamkeit nichts von rein mathematischer Dogmatik. Mutig begibt sich Bernhard Ruchti in ein viel ruhigeres Zeitmass und gewinnt dadurch beeindruckend Intensität. Plötzlich wird in diesen Sonaten erzählt. Es sind keine Landschaften mehr, die man im Rennwagentempo vorüberziehen lassen muss. Der Fokus verschiebt sich deutlich von reiner Virtuosität hin zur Gestaltung der kleineren Einheiten, des musikalischen Charakters, der Bögen und Spannungskurven.

Und plötzlich eine Fülle von Details

Langsamer spielen heisse vor allem mehr Zeit haben, definiert es Bernhard Ruchti. Und die nimmt er sich. Spannend etwa die gefürchtet schwere Fuge in Beethovens op. 110, bei der die Begleitfiguren der linken Hand nicht wie so oft einfach kaum mehr wahrnehmbar dahinschnurren, sondern plötzlich ihre Fülle an Details und musikalischem Sinn entfalten.

Eine akademische Diskussion ums richtige Tempo will Ruchti mit seiner ersten von fünf geplanten CDs nicht weitertreiben. «Es ist vielmehr dieses Universum an Reichtum, der sich mir mit diesen langsameren Tempi erschliesst, die auch meinem Typ Musiker innerlich so entgegenkommen. Mein Antrieb, Musik langsamer zu spielen, ist vor allem auch die Chance, wirklich mit dem Publikum zu kommunizieren.»

Mehr Zeit heisst bei diesem neuen Tempo auf dieser Beethoven-CD auch mehr Grösse. Die Emotion wird tiefer, scheinbar Nebensächliches wird wichtiger, vieles wirkt behutsamer, befreiter und nachvollziehbarer.

Die Uraufführung dauerte zwanzig Minuten länger

Bernhard Ruchti will sein Gefühl für ein entschleunigtes Tempo in Zukunft mit Einspielungen des ersten Bands der Chopin-Etüden, von Schumanns C-Dur-Fantasie sowie des zweiten Bands von Liszts «Années de pèlerinage» unterstreichen. Und mit Liszts grossem Orgelwerk «Ad nos ad salutarem undam» Bei der Uraufführung 1855 im Merseburger Dom, die ein Liszt-Schüler realisierte, dauerte dieses Stück nachgewiesenermassen 45 Minuten. Heute liegt der Durchschnitt bei 25 Minuten. «Auch hier einmal wirklich dahinter zu schauen, hat mich nicht mehr losgelassen», sagt Bernhard Ruchti.

St.-Laurenzen-Konzerte

Am Freitag, 6.9., spielt Bernhard Ruchti im Rahmen der St. Galler Laurenzen-Konzerte Schumanns C-Dur-Fantasie in neuem historischen Tempo. Das zweite Konzert der diesjährigen Reihe bestreitet am Freitag, 13.9., das Collegium Musicum Ostschweiz unter Eckart Manke. Neben Bach und Pärt sind vom Ostschweizer Geiger Paul Giger Improvisationen zu hören. Am Freitag, 20.9., ist das berühmte deutsche Vokalensemble Singer Pur mit Motetten und Liedern der deutschen Romantik zu Gast. Alle Konzerte beginnen um 19.30 Uhr (Eintritt frei – Kollekte). (map)

www.musik-im-centrum.ch

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