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LEBEN: «Es ist ein sehr tiefes Gefühl»

Der gebürtige Horwer Hugo Studhalter (72) be­zeichnet sich als Heimweh- Innerschweizer. Nach über 40 Jahren in Kanada sehnt er sich nach der Schweiz. Und bleibt doch in der Ferne.
Annette Wirthlin
Eine Szene aus dem Dokfilm von Romana Lanfranconi: Hugo Studhalter hört sich in Sutton, Quebec, seiner kanadischen Wahlheimat, an der 1.-August-Feier sichtlich gerührt die Schweizer Hymne an. (Bild Voltafilm)

Eine Szene aus dem Dokfilm von Romana Lanfranconi: Hugo Studhalter hört sich in Sutton, Quebec, seiner kanadischen Wahlheimat, an der 1.-August-Feier sichtlich gerührt die Schweizer Hymne an. (Bild Voltafilm)

Annette Wirthlin

«Sehnsüchtige Innerschweizer/innen für Dokumentarfilm gesucht.» So lautete der Aufruf der Luzerner Filmemacherin Romana Lanfranconi im Magazin «Swiss Revue» der Auslandschweizer-Organisation ASO. Hugo Studhalter, 72, Urhorwer und seit über 40 Jahren in Montreal, Kanada, wohnhaft, war einer von denen, die sich darauf gemeldet haben. Und jetzt sitzt er hier im Bistro unserer Luzerner Redaktion bei einer Tasse Kaffee und analysiert nüchtern: «Die Schweiz ist nicht mehr die, die ich als 22-Jähriger verlassen habe.» Anlässlich eines Ferienaufenthaltes in der Heimat, währenddessen auch ein paar Drehtage für das Filmprojekt eingeplant sind, wollen wir mit ihm über das Thema Heimweh reden. Von ihm wissen, wie sie sich anfühlt, diese dauernde Sehnsucht nach dem Ort, wo man aufgewachsen ist und den man, dem Fernweh folgend, einst willentlich verlassen hat.

«Jetzt bleiben wir wohl da»

«Ich und meine Freundin, meine heutige Frau Marianne, wollten damals die Expo 1967 in Montreal besuchen und dann höchstens 4 oder 5 Jahre im Land bleiben», erinnert sich Studhalter. «Die Idee war nie, zu bleiben.» Der ursprünglich im Hotelfach Ausgebildete sattelte in Kanada auf internationale Logistik um, fand gute Arbeit bei einem internationalen Unternehmen. 1980 kam Sohn Marc auf die Welt und entwickelte sich zum waschechten Kanadier – heute ist er Pilot bei Air Canada. Als sich die Studhalters nach ein paar Jahren das erste eigene Haus mit grossem Garten und Swimmingpool kauften, sagte Hugo Studhalter zu seiner Frau: «Ja, gopfer­teli, jetzt bleiben wir wohl da!»

Über die Jahre baute sich ein grosser Freundeskreis auf, bestehend aus Kanadiern, vielen anderen europäischen Einwanderern und Schweizern, darunter viele Milchbauern, die bereits in zweiter Generation in Kanada leben. Nur ein Mal ist Hugo Studhalter mit seiner Familie zwischendurch noch für drei Jahre in die Schweiz zurückgekommen, als der Sohn im Kindergarten war. Doch sie fühlten sich damals nicht mehr so richtig zu Hause hier, vielmehr als Besucher.

Völlig akzentfreies Englisch

Und trotzdem nennt sich Studhalter einen «klassischen Heimweh-Innerschweizer». Auf die Frage, wie sich das anfühle, kommt zuerst keine direkte Antwort. Erst nach zwei Kaffees, etwa einer Stunde des Gesprächs und mehrmaligem Nachhaken sagt Hugo Studhalter in einem Schweizerdeutsch, das merklich vom kanadischen Englisch gefärbt ist, das er mittlerweile völlig akzentfrei spricht: «Es ist ein sehr tiefes Gefühl. Man kann das nicht in Worten ausdrücken. Es hat mit Nostalgie und Erinnerungen an die Jugendzeit zu tun.» Um es dann gleich zu relativieren: «Ich will es nicht dramatisieren. Wenn wir jung wären, würden wir morgen für immer in die Schweiz zurückkommen. Aber ich sehe es realistisch. Im Alter hat man seine Emotionen besser im Griff.»

Entsprechend ist das meiste, was Hugo Studhalter über seine aktuellen Beobachtungen in der alten Heimat erzählt, stark von rationalen Überlegungen geprägt. Er spricht etwa davon, wie seine einstige Heimat Horw über die Jahre immer mehr verbaut, die grünen Wiesen kleiner und der Wohnraum enger wurde. Und er staunt darüber, dass hier beim Autofahren alle paar Meter ein «Rundumeli», sprich ein Verkehrskreisel, komme. «Wenn man aber hier die Vortrittsregeln nicht beachtet, gibts Probleme.»

Leben für weniger Geld

Ganz anders sei dies in der kanadischen Weite, wo alles etwas «liberaler» sei. Da hätten die Menschen mehr Platz und würden sich deswegen wohl gegenseitig weniger auf die Finger schauen. «Hier erschrecken die Leute an der Bushaltestelle ja fast, wenn ich sie ohne triftigen Grund spontan anspreche», sagt Studhalter und fügt eines seiner zahlreich verwendeten «Right?» an, das nicht wirklich eine Antwort erfordert. Er könne sich eigentlich auch nicht mehr vorstellen, fährt er fort, in einem engen Schweizer Wohnblock zu leben, zumal er in Kanada für den selben Preis ein ganzes Haus bewohne. «Wir leben in Kanada für viel weniger Geld eigentlich viel besser», resümiert der Rentner, der in Kanada einmal pro Woche auf Freiwilligenbasis Patienten in einem Palliativzentrum betreut.

Man darf nicht dauernd vergleichen

Und doch. Eine Sehnsucht nach der alten Heimat bleibt. Dies nicht nur, weil die Qualität des Schweizer Brotes unschlagbar sei, schmunzelt Studhalter. Unter anderem auch, weil hier alles so gut durchorganisiert und gepflegt sei. «Wenn in Kanada ein Loch in der Strasse ist, lässt man es einfach sein, bis es irgendwann nicht mehr geht.» Und dann sei da noch das Gesundheitswesen, sagt Studhalter und seufzt. Vor allem für seine Frau sei genau dies, der bessere Standard der Schweizer Spitäler, das Argument Nummer eins, um in die Schweiz zurückkehren zu wollen. Man könne ja nie wissen, im Alter ... Doch man dürfe zwei Länder nicht dauernd vergleichen, findet Studhalter – auch wenn die Tendenz gross sei, hier und dort zu bemerken: «Das wäre jetzt in der Schweiz besser organisiert gewesen.»

Das ständige Abwägen zwischen bleiben und zurückkehren in die Schweiz ist für Hugo Studhalter und seine Frau praktisch Alltag geworden. «Ja, wir sind zwischen den beiden Ländern gespalten», sagt er, «aber erdrückend ist es nicht. Man lebt damit.» Für ihn wiegt – zumindest im Moment noch – das Argument der hiesigen Lebenskosten zu schwer. So werden die Studhalters wohl noch ein paar Jährchen in Kanada bleiben – Heimweh hin oder her. Vielleicht nicht anders als manche von uns, die hier leben und sich lebenslänglich ein bisschen nach einem Leben in der Ferne sehnen. «Es gibt ja zum Glück Direktflüge, die uns ein- oder zweimal im Jahr in nur sieben Flugstunden herbringen», tröstet sich Hugo Studhalter, der dann jeweils im ehemaligen Elternhaus bei seiner Schwester und seinem Bruder unterkommt.

Jassen, Zopf backen, Fondue essen

In Kanada sind die Studhalters Mitglied von verschiedenen Schweizer Vereinigungen, in denen man sich regelmässig trifft, gemeinsam jasst, Zopf backt, Fondue isst. Jeweils am 1. August lassen die Ausgewanderten Ländlerformationen einfliegen und zelebrieren gute alte Schweizer Traditionen; etwa Alpabzüge, Schwingen, Schiessen oder Lampionumzüge. Für Studhalter sind dies zwingende Anlässe im Kalender. Das sei «Nostalgie pur».

Er erzählt auch von den Fotografien, die überall in seinem Haus in einem Vorort von Montreal hängen – etwa ein Panorama von der Stadt Luzern, eine vom «Sternen» in Horw, seiner Stammbeiz, oder von seinem Grossvater, dem Oberförster, auf der Buholzerschwändi, am Fusse des Pilatus. Aber gerade in diesen Tagen ist ihm, dem Realisten, wieder bewusst geworden: «Meine inneren Sehnsuchtsbilder der Schweiz sind eigentlich Bilder von früher.»

Tränen für Emil

Und dann, wir sind eigentlich schon am Ende unseres Gesprächs angelangt, brechen plötzlich doch noch unerwartet Emotionen aus Hugo Studhalter hervor. Irgendwie ist die Rede auf den Kabarettisten Emil Steinberger gekommen, der gerade mit seinen alten Erfolgsnummern auf Tournee ist. Auf die Frage, ob diese Sketche seine Schweizer Seele irgendwie besonders berühren, füllen sich Studhalters Augen schlagartig mit Tränen, und er sagt mit einem Zittern in der Stimme: «Big Time – und wie! Der spricht mir voll aus dem Herzen.»

Film über Sehnsucht

Der Dokfilm mit dem Arbeitstitel «Morbus Helveticus» (was so viel wie Heimweh bedeutet) von Romana Lanfranconi (35) und produziert von der Luzerner Produktionsfirma Voltafilm feiert am 24. April 2016 im Stattkino Luzern Premiere. Im Zentrum des Films stehen drei ausgewanderte Innerschweizer, die seit langer Zeit im Ausland leben, jedoch immer noch eine grosse Sehnsucht nach der alten Heimat verspüren. Jetzt, im Herbst und Winter, finden noch einige Drehtage mit den Protagonisten in der Innerschweiz statt. Der Film war eines von 82 eingereichten Projekten für das ausgeschriebene Kulturprojekt der Albert Koechlin Stiftung mit dem Titel «Sehnsucht».

Wir verlosen schon jetzt 3-mal 2 Tickets für die Premiere. Wählen Sie bis Montag 24.00 Uhr die Telefonnummer 0901 83 30 23 (Fr. 1.50 pro Anruf) oder nehmen Sie unter www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe an der Verlosung teil. Die Gewinner werden unter allen Teilnehmern ermittelt und informiert, die Tickets an der Abendkasse hinterlegt.

Hinweis

Mehr Infos und einen Trailer finden Sie unter: www.100-days.net/morbus-helveticus

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