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Interview

Freilichtspiele Luzern: Leben und Lieben auf Schlittschuhen

Am Dienstag feiert die siebte Produktion der Freilichtspiele Luzern Premiere. «Was ihr wollt» findet auf dem EWL-Areal in der Industriestrasse statt. Dort wurde eine ökologische Kunsteisbahn angelegt. Regisseurin Barbara Schlumpf erzählt von kühlen Proben.
Interview: Katharina Thalmann
Barbara Schlumpf, Regisseurin der Luzerner Freilichtspiele, auf dem Eisfeld vor dem roten Gebäude beim EWL Areal in Luzern. (Bild: Philipp Schmidli, 7. Juni 2019)

Barbara Schlumpf, Regisseurin der Luzerner Freilichtspiele, auf dem Eisfeld vor dem roten Gebäude beim EWL Areal in Luzern. (Bild: Philipp Schmidli, 7. Juni 2019)

Am Dienstag feiert «Was ihr wollt» Premiere. Was passiert bis dahin noch?

Barbara Schlumpf: Es müssen ­einige Dinge noch genauer werden. Das bedingt einen Aufwand und einen Effort von allen Seiten. Aber wir haben den Ehrgeiz und die Vision, dass es neben Tempo und Schwung auch präzise wird.

Was ist die grösste Herausforderung?

Weil alle Akteure Schlittschuhe tragen, wird «Was ihr wollt» ein Theater, das den Körper und die Bewegung explizit braucht: die Füsse, den Kopf, und in der Mitte den Bauch mit den Gefühlen.

«Was ihr wollt» ist ein Verwechslungsstück mit vielen Verästelungen. Wie würden Sie es zusammenfassen?

Es beginnt mit der unglücklichen Liebe des Herzogs Orsino zu der Gräfin Olivia. Aber aus dem Meer entsteigt die Viola, und der Herzog gerät ins Wanken. Die Gräfin entdeckt die Person aus dem Meer auch, aber in ihrer Männergestalt. Zudem sind auch noch andere Personen in die Gräfin verliebt … Das alles passiert in kurzer Zeit, das ganze Stück spielt sich innert einer Nacht ab.

Wo liegt der Bezug zu Luzern?

Es beginnt in der Luzerner Sommerdämmerung und verwandelt sich in einen Winter an der Illyrischen Küste. Das lässt der Sargtoni, also der Sargschreiner, geschehen – denn mit seinem Eisfeld bringt er auch seine Hexen. Das Meer ist natürlich ein starkes Bild: Etwas wird aus dem Unterbewusstsein angespült, wie eben diese Viola oder ihr Zwillingsbruder Sebastian.

Das klingt archaisch.

Ja, diese Ebene hat mit den Raunächten zu tun. Zu Shakespeares Zeiten hat man zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar durchgefeiert und sich Geschichten erzählt. Dort ist man den Geistern begegnet und hat sie nicht etwa vertrieben, wie man es mit der Fasnacht tut. Man hat sie eingeladen, und der Sargtoni spricht die gleiche Einladung aus. Er weckt die unbewussten Elemente, die alle in sich tragen.

«Was ihr wollt» basiert auf Shakespeares gleichnamiger Komödie von 1602. Der Autor Thomas Hürlimann hat eine Mundartversion davon geschrieben. Wie näherten Sie sich dem Stoff an?

Nach einer Recherche zu Shakes­peares Text habe ich bald mit Hürlimanns Text gearbeitet. Hürlimann hat den Text neu belebt. Das ist ein sprachliches Meisterwerk. In jedem Dialog wohnt eine Handlung. Das war schon immer Hürlimanns Spezialität.

Sie arbeiten schon seit fast dreissig Jahren mit ihm zusammen, zuletzt 2017 für «De Casanova im Chloster». Auch das war ein Mundarttheater, ebenfalls basierend auf einem klassischen Stoff und ortsspezifisch umgesetzt. Sind Sie beide ein eingespieltes Team?

1991 haben wir «Dr Franzos im Ybrig» zusammen uraufgeführt und 1993 den «Güdelmäntig», das waren Sternstunden. Hürlimann findet immer wieder eine lokale Wurzel. Und ich verstehe seine Sprache, glaube ich, gut. Seine Art, die Kraft und die Handlung in der Sprache zu finden, mag ich sehr.

Der Spielort auf dem EWL-Areal ist ungewöhnlich: Halb Industrie, halb Brache, geschlossen und doch offen. Wie gingen Sie vor?

Zunächst mussten wir den Platz ebnen. Da lagen Röhrenlager und tiefe Betonsockel herum. Hier vor dem roten Haus gibt es eine schöne Symmetrie. Das Haus steht für den Sargtoni, er hat dort seine Werkstatt, seinen Palast. Vorne ist es eine Schlittschuhwerkstatt, aber eigentlich ist es eine Sargschreinerei. Die Paläste der adligen Herrschaften sind die kleinen Schuppen links und rechts des Eisfelds. Daran merkt man: Die grösste Macht hat eigentlich der Tod.

Sie haben viel Erfahrung als Freilicht- und Laientheaterregisseurin. Was mögen Sie besonders an dieser Arbeit?

Ich sage lieber Amateure als Laien, weil «amare» Liebe und Leidenschaft bedeutet. Mich interessieren diese Persönlichkeiten: ihr Alter, ihre Arbeit, sie bringen ihr Leben ins Theater mit. Man muss eine Beziehung miteinander eingehen. Wir sind eine Art Lebensabschnittsgemeinschaft, arbeiten uns in eine neue Theaterfamilie hinein. Wir hatten etwa 90 Proben. Aber das ist normal für eine Uraufführung.

Seit wann wird unter freiem Himmel geprobt?

Seit Ostern sind wir draussen – und hatten eigentlich fast nur schlechtes Wetter. Vorher haben wir im roten Haus geprobt, anfangs bei gefühlten null Grad. Seit Februar hatten wir die ökologische Kunsteisbahn. Wir haben bewusst früh angefangen auf dem Eis zu proben, damit sich alle an die Schlittschuhe gewöhnen konnten.

Zu Beginn war nicht geplant, dass das ganze Ensemble auf Schlittschuhen steht. Was symbolisieren diese?

Von Anfang an war «Paarlauf auf Glatteis» ein Untertitel zwischen Hürlimann und mir. Auf dem Glatteis bekommen Beziehungen den Verletzlichkeitsgrad, die Fragilität, die sie eigentlich haben. Es gab im «Franzos im Ybrig» von Hürlimann einen Satz: Nur im Grab ist man sicher, überall sonst nicht. «Was ihr wollt» zeigt Leben und Lieben als pures Glatteis.

Klassiker modernisiert

Für ihre siebte Produktion nehmen sich die Luzerner Freilichtspiele einen Klassiker von William Shakespeare vor: «Was ihr wollt» aus dem Jahr 1602. Der Schweizer Autor Thomas Hürlimann übertrug die Verwechslungskomödie ins Jetzt – und in dichte Innerschweizer Mundart. Im Stück verliebt und entliebt man sich, die Figuren sind mal Frau, mal Mann. Und über allem steht der Sargtoni, der früher Särge schreinerte, heute aber mit seiner ökologischen Kunsteisbahn durch die Lande zieht und für Wirbel sorgt.

20 Aufführungen vom Dienstag, 11. Juni, bis Sonntag, 14. Juli, jeweils 21 Uhr, bei jedem Wetter. Infos/VV: www.freilichtspiele-luzern.ch

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