Lucerne Festival: Lebendige Spielarten der Moderne

Das Lucerne Festival setzt mit Werken von Thomas Kessler, Sir George Benjamin und Wolfgang Rihm markante Akzente.

Katharina Thalmann
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Das Late Night 2-Konzert der Lucerne Festival Academy mit Dirigentin Ruth Reinhardt und Saul Williams (im orangen Veston), einem ein Star der US-amerikanischen Slam-Poetry-Scene. (Bild Peter Fischli/Lucerne Festival)

Das Late Night 2-Konzert der Lucerne Festival Academy mit Dirigentin Ruth Reinhardt und Saul Williams (im orangen Veston), einem ein Star der US-amerikanischen Slam-Poetry-Scene. (Bild Peter Fischli/Lucerne Festival)

Nicht weniger als acht Werke von composer-in-residence Thomas Kessler waren vergangenen Samstag zu erleben. Der Nachmittag begann in der Lukaskirche mit sechs Stücken aus dem Control-Zyklus. Diese live-elektronischen «Etüden» entstanden in den letzten 45 Jahren jeweils auf Wunsch von Interpreten. Dabei bediente Kessler über die Jahre immer die neusten technischen Möglichkeiten.

So spielt der Pianist in «Piano Control» von 1974 mit dem monophonen Synthi-A auf dem Notenpult. War das Gerät damals das neueste, was der Markt zu bieten hatte, versprüht es heute Retro-Charme. Gilles Grimaître (Klavier) integrierte die zusätzlichen Bewegungen wie das Verstellen der Frequenzen behände in sein differenziertes Spiel.

«Drum Control» wurde 1983 für den Schlagzeuger Jean-Pierre Drouet geschrieben, der laut Kessler hervorragend Instrumente mit der Stimme imitieren konnte. Aus diesen Lauten erstellte Kessler Samples, denen der Perkussionist Corentin Marillier sein kraftvolles Spiel gegenübersetzte.

Mit Holliger zurück in die Zukunft

Der Höhepunkt des Nachmittags war «Oboe Control» für Heinz Holliger. Kessler holte Holligers lange Karriere mit Einspielungen aus der Vergangenheit zurück in die Zukunft. Und dass Holliger der einzige Original-Interpret war, wurde am Ende des Konzerts klar: Kesslers Interesse liegt nie primär auf der Technik. Sondern auf den Menschen und ihrem Umgang mit der Maschine.

Am Abend potenzierte «Utopia III» die Ideen des Control-Zyklus auf die ganze Lucerne Festival Academy und den Dirigenten David Fulmer: Jedes Orchestermitglied führte Regie des eigenen Klangs. Die Musiker waren mit iPads ausgerüstet, sassen rund ums Publikum und spielten sowohl ihr Instrument als auch dessen live-elektronische Bearbeitung. Die Utopie der Demokratisierung im System «Orchester» wurde zur Realität: Das musikalische Erlebnis verschwand nie hinter den technischen Anforderungen. Animiert und autonom umhüllte die Musik den Zuhörerraum. Violinen schichteten bedächtig Halbtöne, Xylophone galoppierten durch den Raum, und Aristoteles freute sich: «Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.»

Überquellende Sprache

Ein ideell ähnliches Stück folgte nach der Pause: «... said the shotgun to the head» mit dem Autor Saul Williams als Solist. Zwar bedient sich das Stück keinerlei Live-Elektronik. Doch auch hier widmet sich Kessler voll und ganz dem Menschen Saul Williams. Er lässt ihm seinen sprachlichen Duktus und erliegt nie der Verlockung, Williams’ vor Bildern und Symbolen überquellende Sprache plump zu vertonen. Die Dirigentin Ruth Reinhardt verstand es, das gross besetzte Academy-Orchester so zu koordinieren, dass Williams immer genug Zeit blieb für seine zeitlosen gesellschaftskritischen Analysen. Eine bereichernde Erweiterung erfuhren Orchester und Solist durch einen Slam-Chor, der, einer Echokammer gleich, Williams Worte mal verstärkte, mal verfremdete.

Klassischer präsentierte sich das Moderne-Konzert am Sonntag: Sir George Benjamin dirigierte zwei Ensembles der Academy. Und er dirigierte sich selbst – sein Werk «At First Light» ist inspiriert vom Aquarell «Norham Castle, Sunrise» von William Turner. Der Komponist versuchte erfolgreich, die gleissende Helligkeit, das Zitronengelb, das fast weisse Himmelblau, in Musik zu setzen. Das gelang besonders am Anfang des dritten Satzes, einer betörenden Klangfarbenmeditation. Jedoch erwies sich die Akustik des Luzerner Saals für solche Schönheiten ungeeignet: Der Raum klingt nicht, und selbst die leuchtende Piccolotrompete verflüchtigte sich allzu schnell.

«Jagden und Formen» war das erste grosse Stück von Wolfgang Rihm, welches die Academy seit dessen Antritt als künstlerischer Leiter vor drei Jahren spielte. Es war eine Reizüberflutung im besten Sinne: Nervös bis hektisch die Stimmung der Streicher, das Holz meldete sich mal «en bloc» zu Wort, dann machte das Klavier ein aufbrausendes Statement. Noch so gerne liess man sich mitreissen von Rihms Jagd auf die Formen, von seinen Formen der Jagd. Bei all der Üppigkeit behielt Benjamin als Dirigent stets den Über- und Durchblick. Die Akademisten dankten es ihm mit Präzision und kammermusikalisch gespitzten Ohren.

Spielorte werden der Musik nicht gerecht

Wer das Glück hatte, alle drei Konzerte zu besuchen, der erlebte unterschiedlichste Spielarten der Moderne, die vor Diversität und Lebendigkeit sprühten. Dennoch trübten zwei Wolken das sonnige Wochenende: Erstens ist es eine verpasste Chance, dass die beiden Orchesterwerke von Kessler nicht im Hauptprogramm, sondern in der Nachmittags- beziehungsweise Late-Night-Reihe plaziert wurden. Wie keine anderen Werke widmen sich diese Beiträge dem Festival-Motto «Macht».

Zweitens werden die Spielorte der Musik nicht gerecht. Die zwar schlichte, aber dennoch als Gotteshaus identifizierbare Lukaskirche als Präsentationsrahmen marginalisierte die Control-Stücke. Der lieblose Luzernersaal nahm der musikalischen Utopie Teile ihres Zaubers. Und die unaufgeräumte Bühne desselben Saals erweckte am Sonntag den Eindruck einer offenen Werkstatt. Nachdem die musikalische Utopie nun Wirklichkeit wurde, wäre die nächste Utopie jene des passenden Raumes.