LEBENSKÜNSTLER: Ein Sänger erfindet sich neu

Als Tenor hat er eine Blitzkarriere hingelegt – und ist dann abgestürzt. Heute ist Rolando Villazón aktiver denn je, auch als ernstzunehmender Schriftsteller. Sein neues Buch zeigt es.

Rolf App
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Er hat Energie für drei und Fantasie für vier: Noch immer ist der Mexikaner Rolando Villazón ein Phänomen. (Bild: Harald Hoffmann/Deutsche Grammophon)

Er hat Energie für drei und Fantasie für vier: Noch immer ist der Mexikaner Rolando Villazón ein Phänomen. (Bild: Harald Hoffmann/Deutsche Grammophon)

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Als er – auf den Rat eines Schriftstellerfreundes – das Manuskript seines ersten Romans («Kunststücke») an eine Agentur schickt, unterschreibt er mit «R. Villazón». Er will verschleiern, wer der Verfasser ist. Denn ein Sänger, der auch noch schreibt: Das lädt garantiert zum Spott ein. Die Agentin fragt zurück, ob er denn mit dem Tenor verwandt sei, und er antwortet: «Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, denke ich manchmal: Vielleicht bin ich wirklich der Tenor Rolando Villazón!» Sie verlege keine Bücher von Celebritys, kommt zurück. Ob es ihm ernst sei? Und wie, er schreibe schon am nächsten Roman – der jetzt unter dem Titel «Lebenskünstler» auf Deutsch erschienen ist (siehe Text rechts).

Ins Rollenfach des dummen Tenors passt er nicht

«Lebenskünstler»: Man kann diese Affiche ganz gut über das Leben des 45-jährigen Mexikaners setzen, der sich immer ­wieder neu erfindet. Zuerst als Sänger, dann als Regisseur, dann als Schriftsteller. Jedenfalls: Ins ­Rollenfach des dummen Tenors passt dieser quecksilbrige Mann nicht. Das stellt auch Ijoma ­Mangold fest, Literaturredaktor der «Zeit», der ihn auf Menorca ­besucht. Er lese viel, erklärt Villazón im Brustton der Überzeugung. Ein Buch pro Woche sei das Minimum. «Kunststücke» sei jedenfalls das Gegenteil eines Celebritybuches, konstatiert der Besucher. Sondern tiefsinnig und fein gestrickt. Einmal sagt die Hauptfigur, der Clown Maco­lieta: «Wir lesen nicht, um zu ­lernen; wir lesen, um zu fühlen, zu zweifeln und die Turbulenzen nicht zu verpassen, die unser Leben in Bewegung halten.»

Das Leben in Bewegung halten: Das scheint der Antrieb Rolando Villazóns zu sein. Nach der Schule will er Priester werden, stellt aber fest, «dass ich an der Kirche vor allem die Kostüme liebte». Er unterrichtet, um das Studium zu finanzieren, und bastelt Handpuppen, mit denen er Geschichten erzählt. Aufs Konservatorium geht er dann mit der Einstellung: «Jetzt probierst du’s mal ein Jahr mit dem Singen, wenn’s nicht klappt, machst du eben was anderes.»

Doch es klappt. Eines Tages kommt Bruce Zemsky nach Mexiko-Stadt, ein Agent von Columbia Artists, um seinen Klienten Ramón Vargas zu hören. «Ich fragte Ramón, ob der junge Mann ein Sänger sei. Er machte einfach den Eindruck – er wirkte sehr extrovertiert, sehr stürmisch, sehr temperamentvoll.» Ein halbes Jahr später nimmt er den 25-Jährigen unter Vertrag. Und dessen Karriere entwickelt sich nach der Jahrtausendwende im Schnellzugstempo.

Das ist kein Wunder, bei dieser Stimme. Über sie urteilt Jürgen Kesting 2007 anlässlich einer Aufführung von Massenets «Manon» an der Berliner Staatsoper – mit Anna Netrebko in der Titelrolle: «Die warme, weiche, vo­luminöse Stimme des mexika­nischen Tenors ist eher als die ­seiner Partnerin geschaffen, im Klang Empfindsamkeit und Verletzlichkeit zu spiegeln.» Allerdings, fügt er bei: Mit seinem Einsatz greife Villazón das Kapital der Stimme in einer Weise an, die Angst und Bange macht.

«Es könnte sein, dass ich nicht mehr singen werde»

Kestings Sorge stellt sich als begründet heraus. Bald darauf muss Villazón wegen einer «Stimm­krise» pausieren, 2009 werden seine Stimmbänder operiert. Er ist sich bewusst: «Es könnte sein, dass ich nicht mehr singen ­werde.» Und sagt sich: «Das ist okay.» Es sei nur schade, «dass das Ende so früh kommt». Indem er seine Probleme öffentlich macht, bricht Rolando Villazón ein Tabu. «Ich kenne so viele Kollegen, die nichts sagen. Ich finde das schade.»

Doch noch ist nicht Schluss. Rolando Villazón singt weiter, aber er achtet auf die Grenzen. Und: Er fängt an, Regie zu führen. Kürzlich in Verdis «Traviata», die unter seinen fantasievollen Händen zum poetischen Artistenstück geworden ist. Das Leben muss in Bewegung bleiben.