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Ein Roman über die Leichen in Italiens Keller

Francesca Melandri erzählt mit «Alle ausser mir» fesselnd von einer Familie in Italien und Äthiopien. Gleichzeitig zeichnet sie das Bild Italiens, das sich seiner Kolonialgeschichte nicht stellt. Bis heute nicht.
Valeria Heintges
Silvio Belusconi und der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi 2010 in Rom. (Bild: Andrew Medichini/AP (Rom, 10. Juni 2009))

Silvio Belusconi und der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi 2010 in Rom. (Bild: Andrew Medichini/AP (Rom, 10. Juni 2009))

Alle reden immer über den ersten Satz. Aber Francesca Melandri zeigt: Die erste grosse Szene ist wichtiger. Sie ist in «Alle ausser mir» so eindrücklich gestaltet, wirft so viele Fragen auf und ist so überraschend, dass jeder Leser danach wissen will, was kommt. Worum es geht? Ilaria Profetis Auto wurde abgeschleppt, damit in Rom Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi im Jahr 2010 in seiner Staatskarosse mühelos zu Ministerpräsident Silvio Berlusconi fahren kann. Wütend stapft Ilaria die Treppen zu ihrer Wohnung auf dem Esquilin hoch, versetzt «den Stufen Tritte, jeder Schritt ein Fluch», wie es in Esther Hansens flüssiger Übersetzung heisst. Dann die Überraschung: Vor der Tür ihrer Wohnung im fünften Stock sitzt ein schwarzer Mann und sagt: «Wenn Attilio Profeti dein Vater ist, dann bist du meine Tante.» In seinem äthiopischen Pass steht, er heisse Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti. Kann das Zufall sein?

Francesca Melandri benötigt 604 Seiten, um diese Frage zu beantworten. Gleichzeitig breitet sie einen Familienroman über drei Generationen aus. Schildert die Flucht Shimeta Attilaprofetis aus Äthiopien über Libyen nach Italien in ein CIE, ein Zentrum für Identifikation und Ausweisung, in dem die Flüchtlinge monatelang tatenlos auf ihre Bescheide warten müssen.

Sie zeigt Ilarias Leben im multiethnischen Viertel Esquilin, ihren täglichen Frust bei der Parkplatzsuche, ihre moralischen Zweifel und ihre komplizierte Liebesbeziehung in die höchsten Ebenen der italienischen Politik. Und das ihrer Geschwister, etwa Atilio Junior, Ilaris Halbbruder, von dessen Existenz Ilaria erst Jahre nach dessen Geburt erfuhr. Zur Hauptfigur wird aber immer mehr Attilio Profeti Senior, sein überaus kompliziertes Verhältnis zu den Frauen, die er auf mehreren Kontinenten liebt, und seine Vergangenheit in Äthiopien.

Von der Geschichte in die Gegenwart

So nimmt Melandri auch eine Art Tiefenbohrung vor in die Geschichte Italiens, die unter Mussolini zur Kolonialgeschichte wird, der in nur fünf Jahren in Libyen, Eritrea und Äthiopien nachzuholen versucht, was andere Mächte in Jahrzehnten, gar Jahrhunderten erlebt und verübt haben. Melandri setzt Familie Profeti in ein dichtes Netz historisch verbürgter Personen, etwa Rodolfo Graziani, der als Oberbefehlshaber in Äthiopien und «Vizekönig von Italienisch Ostafrika» verantwortlich war für brutalste rassistisch motivierte Gräueltaten gegen äthiopische Soldaten, aber auch gegen Zivilisten. Er liess sie systematisch verfolgen und auch mit dem damals schon geächteten Giftgas ermorden. Obwohl Graziani 1948 zu 19 Jahren Gefängnis verurteilt wurde – nur zwei davon musste er absitzen –, wurde er 2012 mit einem 180 Millionen Euro teuren Mausoleum geehrt.

Die Autorin Francesca Melandri.

Die Autorin Francesca Melandri.

Die Fäden der Vergangenheit der Profetis führen in ein Italien der Gegenwart, das mit sich und dem Schicksal der Flüchtlinge hadert, die an seinen Küsten landen. Und sie führen von Mussolini über Berlusconi direkt zu Matteo Salvinis rechtspopulistischer Lega-Politik. Und zum Friedensschluss zwischen Eritrea und Äthiopien, der dieser Tage in beiden Ländern begeistert gefeiert wird. Denn die Tiefenbohrung in die italienische Seele wird auch zu einem Abriss der neueren Geschichte Äthiopiens, eines Landes, das selbst grausame Diktatoren hervorbrachte, dessen neuer Präsident aber einen ganz eigenen Weg in die Moderne sucht.

Diese Tiefenbohrungen zeigen, wie stark jene, die dabei waren, an Körper und Seele verwundet wurden, so sehr, dass sie meinten, nur ein vollkommenes und allumfassendes Schweigen über das Erlebte, nur eine totale und streng durchgeführte Zensur könne helfen zu vergessen.

Kolonialismus hat Folgen für die Menschen bis heute

«Es gibt diese spezielle Form des kollektiven Schweigens, das immer auf das katastrophale Versagen einer Gesellschaft folgt», sagte Melandri im Gespräch mit der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».

«Die Hegemonie des Westens hat uns das Privileg der Ignoranz geschenkt.»

Auch über den Kolonialismus glaubten immer noch viele, er sei ein gleichberechtigtes Geben von Zivilisation und Nehmen von Rohstoffen gewesen. Melandri zeigt in ihrem Roman drastisch, wie falsch diese Annahme ist. Und welche Folgen der Kolonialismus für die Gegenwart immer noch hat: «Er bestimmt noch immer die Verteilung von Wohlstand in der Welt», sagt sie.

«Sangue giusto», richtiges Blut, lautet der Originaltitel des Romans, der in Italien zu heftigen Diskussionen führte und Melandri eine Nomination für den renommierten Premio Strega einbrachte. Doch ist der deutsche Titel der bessere, denn alle in diesem Roman glauben, dass alle sich die Hände schmutzig machen und gemacht haben, «alle, ausser mir». Diese Hoffnung, besser zu sein, trügt auch Ilaria, die erbarmungslos über andere urteilt. Bis sie einsehen muss, dass sie von der Vergangenheit ihres Vaters nichts wusste und nichts wissen wollte. Und dass sie selbst Teil des korrupten, verlogenen Systems ist. Ein schmerzhafter Prozess für Ilaria. Und einer, der dem Land und seinem kollektiven Gedächtnis noch bevorsteht.

«Alle ausser mir», Wagenbach, 604 Seiten. Aus dem Italienischen von Esther Hansen, Fr. 37.-

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